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Walfang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Walfang

Wir kennen überzeugende Beispiele für erfolgreichen Rückbau.

Das wäre?

Die Historie des industriellen Walfangs.

Du redest nicht über Scammons Walfänger in der Ojo de Liebre?

Nein, Susanne, sie sitzen in ihrer Lagune, zeitlich und örtlich in weiter Ferne, es fällt ihnen leicht, über unsere Gegenwart zu reden, sie sind nicht in das aktuelle Geschehen verstrickt, ihre Existenz ist nicht durch die klimatischen Veränderungen gefährdet, und ihre Erzählung klingt, wie wenn wir über Vergangenheit reden.

Du gibst ihnen recht?

Ich weiß es nicht, Susanne, jedenfalls stehen sie nicht unter akutem Handlungsbedarf, das haben sie uns voraus.

Rückbau?

Die Geschichte des industriellen Walfangs ist ein Paradebeispiel für erfolgreichen Rückbau, sie könnte ein Vorbild sein, sagte Tilman, stand auf und ging zur Küche, um Tee aufzugießen.

Der Walfang in den USA expandierte in den Jahren nach Scammon nur geringfügig, rief Susanne ihm zu.

Die Walfangindustrie der USA schrumpfte beträchtlich und war nach mehreren Jahren de facto aufgelöst, sagte Tilman und schenkte Tee ein. Andere Nationen jedoch perfektionierten ihre Fangtechnologien, durch die deutsche Konstruktion einer Harpunenkanone, die auf einem norwegischen Walfangdampfer eingebaut wurde, war es möglich, auch die schnelleren Blau- und Finnwale zu jagen. Die Harpune trug an der Spitze einen Granatkopf, und die im Körper des Wals explodierende Granate tötete schneller. In den dreißiger Jahren verbesserte man dieses Gerät nochmals, indem man elektrischen Strom durch die Harpunenleine leitete, der das Tier sofort betäubte, wir sind gewöhnt, das Fortschritt und Innovation zu nennen, Tilman lächelte, die Schaluppe, sagte er, war längst durch motorisierte Fangschiffe ersetzt, rationalisiert, zeitsparend, das sind die Prinzipien der sich ausbreitenden Moderne, 1923 war das norwegische Walfangschiff ›James Clark Ross‹ das erste Schiff, das seine Beute direkt auf dem Schiff verkochen und abfüllen konnte. Das gestaltete den Walfang deutlich effizienter, die Fangschiffe jagten dem Wal nach und transportierten die Kadaver zu den  Mutterschiffen, doch nach und nach verdrängte das 1859 erstmals geförderte Öl den Waltran, auch die Laternen in den Städten brannten nicht länger mit Waltran, und John Rockefeller gründete sein Imperium auf Öl.

Susanne hörte ihm gern zu, Tilman hatte eine sehr angenehme Art, zu erzählen, seine Stimme war beruhigend, der Nachmittag war mild, sie lehnte sich zurück und genoß den Tee.

Dennoch war der Walfang beendet, einige Arten drohten ausgerottet zu werden, der kalifornische Grauwal stand im Fokus der Aktivitäten, er war jahrelang nicht auffindbar und wurde erst Mitte der fünfziger Jahre wieder gesichtet. Die Proteste gegen den Walfang gewannen an Einfluß, sie erkämpften und etablierten Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts eine internationale Walfangkommission, die für einzelne Spezies maximale Fangquoten festlegte und nach weiteren zähen Verhandlungen die Jagd gänzlich untersagte, zunächst durch ein Moratorium, später durch ein generelles Verbot.

Rückbau, sagte Susanne.

Absolut, sagte Tilman, und ein Vorbild für andere Technologien. Dem Fortschritt wird abgewunken, der Walfang ist stillgelegt.

Bis auf wenige Ausnahmen.

Für die Öffentlichkeit ist Walfang zur Zeit kein Thema, das Schlagzeilen liefern würde, außer daß eben eine hochentwickelte Technologie zurückgebaut wurde, gar keine Frage, jedoch von den neuesten Innovationen, den Dinosauriern der Digitalisierung, lassen unsere Politiker lieber die Finger, sie könnten sie sich verbrennen.

Noch, Tilman, noch lassen sie die Finger davon.

Ebensowenig entstand aus dem Ende des Walfangs eine Rückkehr in die Steinzeit, sondern Whalewatching wurde zu einem einträglichen Zweig der Tourismusindustrie.

Der Ausstieg aus den fossilen Ressourcen ist dann durchaus ebenfalls ein Rückbau, die Energie wird aus erneuerbaren Ressourcen gewonnen, und dieser Ausstieg ist gerade dieser Tage durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts beschleunigt worden, das läßt hoffen.

Die desaströse Situation unserer natürlichen Umwelt ist bei der Politik angekommen.

Höchste Zeit.

| WOLF SENFF

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