//

Seth

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Seth

Unruhe erfaßt die Mannschaft der Ruderer, denn die Barke stockt, ist sie auf Grund gelaufen, war denn die tiefgreifende Krise der sechsten Stunde der Nacht nicht glücklich überstanden, was ist geschehen, hat sich die Gunst der Stunde abgewandt, bricht der Konflikt erneut auf, ist die Weiterfahrt des Sonnengottes ausgebremst, sieh das Schreckgesicht, sieh dort den grauenerregenden Schlangendämon Apophis, der im Begriff ist, den Unterweltstrom leerzutrinken.

Ich aber bin der Zauberreiche, der Sohn der Himmelsgöttin, meine Zaubermacht wurde mir gegen dich verliehen, Apophis, ich bin es, der überlegene Kraft ausstrahlt.

Die Situation ist beispiellos. Wer wüßte zu erklären, daß Seth, der kaltblütige Mörder des Bruders und Inbegriff der dunklen Leidenschaften, ausgerechnet Seth, aufgerichtet im Bug der Barke des großen Sonnengottes Re steht, wutentbrannt, und hemmunglos einsticht auf den Schlangendämon, die Inkarnation allen Übels, bis diesem das Wasser ausströmt zurück in das Flußbett.

Ich aber bin der Zauberreiche, der Sohn der Himmelsgöttin, meine Zaubermacht wurde mir gegen dich verliehen, Apophis, ich bin es, der überlegene Kraft ausstrahlt.

Ob etwa Seth die Seiten gewechselt hat, wer wüßte das, oder lebt er auch hier seine zügellose Energie aus und bekräftigt die Wende der sechsten Stunde der Nacht, wir wissen es nicht, er ist Abscheu des Osiris und stellt sich dennoch der schöpferischen Wandlung zur Seite, die Überlieferung ist lückenhaft, die Lage verwirrend, wer wüßte sie zu erklären, der Abstieg in die Finsternis der Unterwelt hat definitiv ein Ende gefunden, der lebensfeindliche Schlangendämon ist fürs erste bezwungen, er wird überall wieder lauern, doch die Barke treibt erneut auf Wasser, es geht aufwärts, Re schöpft erneut Kraft, Stunde um Stunde, und wird, das Ende der Nacht verkündend, wiedergeboren am Himmel sich zeigen, das Leben blüht auf, die Schöpfung ist erneuert, der Tag bricht an.

Seth aber bleibt eine schillernde Figur, aufbrausend, böswillig, cholerisch, unkalkulierbar, ein Mythos, dessen Auftreten und Charakter sich über die Jahrtausende wandeln, und wir erkennen im Seth der Ramessiden eine frühe Projektion des Menschen der Neuzeit, denn wenngleich sein Mythos schließlich ad acta gelegt ist, sind die Realitäten nicht verändert, Namen sind Schall und Rauch – weder sind die dämonischen Kräfte getilgt, noch ist ihre Wirksamkeit verringert.

Nachdem er den Apophis besiegt hat, so wird überliefert, läßt er Re wissen, daß dieser den Triumph vor aller Welt rühmen möge, verlangt dreist nach Anerkennung seiner Tapferkeit, und keinesfalls werde er sich damit zufriedengeben, daß ihm die Ehre zukomme, den höchsten Gott Re auf der Barke zu schützen, genug ist ihm nicht genug, er droht Stürme und Donner zu entfachen, und er fordert, daß Re die Symbole seiner göttlichen Macht mitführe, sein Auftritt ist ohne Maß und ohne Ziel, er steht allen im Weg wie ein störrischer Esel, er hindert die Abläufe, nein, neues Leben wächst so nicht.

Re ordnet daraufhin an, Seth vom Schiff zu verjagen, und erscheint in vollem Glanz, die zwölfte Stunde der Nacht ist vorüber, der Tag bricht an. Seth zu verbannen, war unvermeidlich, und Seths Platz wird von Thot eingenommen.

Seth aber ist allgegenwärtig, er stiftet Unfrieden, wo er sich aufhält, hat dionysische Züge und ähnelt auch dem großen Baal; in einer anderen Episode bezwingt Seth im Bündnis mit weiteren Göttern das Meer, das aufrührerisch wirbelt, tost und tanzt, um mit der Erde vermählt zu werden, die aber bereits dem Himmel versprochen ist, diese Beziehungen sind überaus kompliziert, das Meer wird sehr zornig, und nicht einmal Astarte, die von den Göttern geschickt wurde, gelingt es, das Meer zu besänftigen, und daraufhin, heißt es, verbündet sie sich mit ihm.

Der Mythos variiert, die Episode ist an anderer Stelle ohne den Seth überliefert: Das Meer, heißt es dort, fordert von den ägyptischen Göttern Tribut und droht, ansonsten Himmel, Erde und Berge zu überwältigen. Auf Seiten der ägyptischen Götter werden Ptah, Nut, Renenutet und Astarte erwähnt, die als eine Tochter des Ptah gilt. Astarte wird ausgeschickt, dem Meer die Tribute zu überbringen. Doch unversehens fordert das Meer nicht nur Astarte zur Gemahlin, sondern auch den Ring des Erdgottes Geb und den Schmuck der Himmelsgöttin Nut, das ist verwegen, eine nie dagewesene Provokation, hochdramatisch, und liefe am Ende hinaus auf eine Alleinherrschaft über die Erde.

Wie der Streit ausgeht, erfahren wir nicht, der Schluß ging nahezu gänzlich verloren, es ist aber wieder von Seth die Rede und von einem Kampf, die Dinge sind, wie sie sind, sie ordnen zu wollen, bliebe ohne Ergebnis.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Fenster zum Bahnhof

Nächster Artikel

Wenn der Tod im Osten Einzug hält

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Eldin

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Eldin

Eldin eine Ikone der Moderne, fragte der Ausguck – wie solle das gehen? Er sei ein guter Erster, bei allem, was recht sei, doch sieh ihn dir an: ein Lulatsch, ausgezehrt, man möchte ihm nicht im Dunkel begegnen, ein Hungerhaken.
Du bist grob, Ausguck. Seine Stimme flößt jedermann Respekt ein, und auf Scammons ›Boston‹ wird ihm niemand am Zeug flicken, er funktioniert wie geschmiert.
War er immer so?
Er war immer so. Du wirst damit geboren, Ausguck, ein solcher Charakter fügt sich in die Abläufe des Maschinenwesens, verstehst du.

Ausrottung

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ausrottung

Nein, sagte Termoth, in Kalifornien habe es keine so gravierenden Einschnitte gegeben wie 1832 den Trail of Tears oder 1890 die Schlacht am Wounded Knee, in Kalifornien sei die Ausrottung der Ureinwohner geschmeidig verlaufen, es habe keinen Aufschrei gegeben, und es sei nicht leicht, das Geschehen zu rekonstruieren, zumal die indigenen Stämme bereits von den Spaniern gewaltsam hätten christianisiert werden sollen, doch statt eines Erfolges habe sich Syphilis ausgebreitet und dazu in Epidemien Pocken, Typhus und Cholera, unerfreuliche Mitbringsel der Eroberer – die indigene Bevölkerung, vor der spanischen Missionierung siebzigtausend, sei bis zum Ende der Indianerkriege 1890 um über drei Viertel auf siebzehntausend reduziert worden.

Touste stutzte und spielte einige Töne auf der Mundharmonika.

Thimbleman starrte den Ausguck an.

Crockeye lächelte.

Eldin vergaß den Schmerz in der Schulter.

Fangpause

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Fangpause

Fakt, sagte Farb, die Fangpause sei ein Fakt.

Ob sie schon in den Geschichtsbüchern verzeichnet sei, spottete Wette.
Das sei keine Frage, sagte Farb, sie sei historisch.

Gewiß, ja, sagte Wette, ein Mißgeschick beim Walfang, Scammons Boston mußte scheinbar endlos untätig in der Ojo de Liebre vor Anker liegen, denn Eldin, der Obermaat, hatte sich die Schulter verletzt, eine Schulter ist ein heikles Gelenk, ohne Schulter schleudert niemand eine Harpune.

Diplomatie

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Diplomatie

Tilman schenkte Tee nach.

Farb legte sich ein Stück Pflaumenkuchen auf.

An einem ruhigen, milden Nachmittag neigte sich die Sonne geruhsam dem Horizont entgegen.

Ob das so alles richtig sei, wollte Anne wissen.

Kitsch, sagte Farb, wir leben ein kitschiges Idyll, gänzlich unzeitgemäß, die Welt sei aus den Fugen.

Kulturen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Kulturen

Dreitausend Jahre sind eine lange Zeit. Selbstverständlich gab es Umbrüche, Fremdherrschaft, wechselnde Dynastien, neue religiöse Akzente, Siege und Niederlagen, keine Frage, aber die Kontinuität der altägyptischen Kultur blieb unverändert.