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Wenn der Tod im Osten Einzug hält

Roman | Jerome P. Schaefer: Der Dschungel von Budapest

Die Welt an der schönen blauen Donau scheint in Ordnung zu sein. Auf den ersten Blick zumindest. Bei genauem Hinsehen aber regt sich leiser Zweifel an der Idylle in Budapest: Das Wasser des Stroms »glitzert« schon etwas »unruhig«, der Himmel strahlt eisig »kalt blau« und die Margaretheninsel schimmert in der Ferne »fast wie eine Schimäre«. Und mitten in dieser Szenerie, am Rande des Budapest Marathons, finden wir Tamás Livermore. Nicht als teilnehmenden Sportler, nein, der Privatdetektiv hat sich als Sicherheitsmann anstellen lassen und beobachtet, ausgerüstet mit einem Walkie-Talkie, das Geschehen von der anderen Seite des Flusses. Die Störung lässt nicht lange auf sich warten. Eine Autobombe zerreißt das friedliche Bild, »die Kakophonie des Notfalls setzt ein«. In seinem Debüt Der Dschungel von Budapest – erschienen im Berliner Transit-Verlag – gerät Jerome P. Schaefers Privatermittler mitten in ein ziemlich brisantes politisches Räderwerk von dunklen Machenschaften im Ungarn der Nachwendezeit. Gelesen von HUBERT HOLZMANN

Der Dschungel von BudapestDer Anschlag während des Marathons stellt sich als weiterer Höhepunkt im Kampf verschiedener Mafiabanden um die Vormachtstellung in Budapest heraus. Eigentlich nichts Außergewöhnliches. Das Leben muss weitergehen. Auch Tamás lässt sich davon die Laune nicht verderben und erscheint, fesch herausgeputzt in »frischer Jeans« und »weißem Hemd«, bei einem Empfang in der amerikanischen Botschaft. Häppchen auf Silbertabletts mit Sekt schlägt man nicht einfach aus. Und auch eventuelle neue Kontakte lässt er nicht ungenutzt vorbeiziehen. Vor allem wenn es gilt, zumindest einmal die Miete für seine Privatdetektei zu erwirtschaften. Da kommt ein neuer Auftrag wie gerufen.

Auch wenn sich Tamás diesmal nicht ganz schlüssig ist, ob er annehmen soll oder nicht. Auftraggeber ist ein Anwalt namens Béla Doi, ein »elegant gekleideter« »Enddreißiger«, »mit kurzem schwarzen Haar und dünnem Henriquatre-Bart. Er sah aus wie die Karikatur des neuen dynamischen Ungarn nach der Wende«. Dieser hat beste Referenzen aufzuweisen und verspricht eine großzügige Bezahlung. Eine Verstrickung des Anwalts in dunkle Machenschaften scheint wahrscheinlich.

Jerome P. Schaefers Der Dschungel von Budapest verspricht schon nach wenigen Seiten die Aussicht auf einen ganz fulminanten Krimi. Die Szenerie: die große habsburgische Architektur als historische k.u.k.-Kulisse. Das Personal: der amerikanische Privatermittler und Ex-Boxer, Tamás Livermore, der seit einigen Jahren in Ungarn lebt, der neureiche Klient und Immobilien-Anwalt Béla Doi mit hübscher Frau und kleinem Kind, nebst allerlei Gestalten aus der Halbwelt der Hauptstadt. Das Kolorit: schnelles Geld, Macht und politische Einflussnahme, daneben die stete versteckte Bedrohung durch die Unterwelt, krumme Geschäfte durch Strohmänner sowie Prostitution dürfen nicht fehlen.

Dem jungen Münchner Autor gelingt mit seinem ersten Roman ein Volltreffer. Nicht nur die Exposition der Geschichte ist absolut stimmig – der Auftrag entpuppt sich als durchaus heikel, »Sie haben dem Hund meiner Tochter die Kehle durchgeschnitten.« –, auch entwickeln sich daraus durchaus unerwartete Momente. Der Auftrag stellt sich jedenfalls als komplexer heraus, als es zunächst scheint. Aber Schaefers Ermittler Tamás Livermore ahnt es bereits: Er weiß, »dass, seit die Politik jegliche Kontrolle verloren hatte, in Budapest das Gesetz des Dschungels herrschte«. Wie in vielen Krimis findet man auch hier manche Klischees bestätigt. Es geht nicht ohne ein paar Whiskey-Soda oder die wichtigen Informanten aus der Szene.

Schaefer verpackt in seiner Geschichte gerade diese Klischees oftmals sehr humorvoll, etwa die korrupten Machenschaften im »Dschungel«, den Ländern des ehemaligen Ostblocks: »Den Menschen in Budapest wie dem Rest des Ostblocks erging es nicht besser als den frisch geschlüpften Echsen auf den Galapagos-Inseln: Wer überleben wollte, musste sich schnell genug vor den gierig umherschnellenden Nattern ins rettende Wasser flüchten.« Wohin Tamás Livermore flüchtet, wird hier jedenfalls nicht verraten. Er bringt seine beiden Schützlinge nicht wie verabredet an einen sicheren Ort, zum Bauernhof eines Vertrauten des Anwalts. Der Weg dorthin ist nämlich verstellt.

Livermore stößt auf ziemliche Schwierigkeiten, von denen er sich zunächst keine Vorstellung macht. Schwierigkeiten macht im Übrigen auch die ortsansässige Polizei. Was die politische Elite anbelangt, hat nicht nur der Privatermittler keine allzu großen Erwartungen. Schaefer beschreibt nicht ganz ohne Ironie den beginnenden Beitrittsprozess in die EU, bei dem es nach Meinung der einfachen ungarischen Bevölkerung auch darum geht, »wie viel die Politiker – und allen voran Dániel Korvin – für sich selbst herausschlagen würden«. Wer sich hinter diesem führenden politischen Kopf, der im Roman Dániel Korvin heißt, in Realität verbirgt, wird verschwiegen. Nur so viel am Rande: Matthias Corvinius war um 1500 König der Ungarn, sicherte die Grenzen des Reiches nach Osten und galt als Rivale Friedrichs III. um die Kaiserkrone.

Die Schlachtfelder bleiben im Dschungel von Budapest nicht nur historisch auf Karten verzeichnet. Auch Tamás Livermore muss Einiges mit ansehen. »Tamás blickte sich um – vielleicht gab es einen Hinweis, ein kleines Indi dafür, dass ihm jemand gefolgt war. Er war konzentriert, so wie er früher bei Boxkämpfen konzentriert war… Er spürte, dass etwas nicht stimmte – und er wusste, dass er sich auf sein Gefühl verlassen konnte. Es sollte ihn nicht trügen.« Der Dschungel von Budapest – ein Roman noir vom Feinsten, der politische Blick am Ende ernüchternd, das Eingeständnis von Tamás Livermore ergreifend. Show down. High noon mitten im Zentrum von Budapest. Philosophisch. Eine unbedingte Leseempfehlung.

| HUBERT HOLZMANN

Titelangaben
Jerome P. Schaefer: Der Dschungel von Budapest
Berlin: Transit 2021
144 Seiten, 18 Euro

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