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Das Ungeheuer von Hannover

Roman | Dirk Kurbjuweit: Haarmann

»In Hannover an der Leine,/ Rote Reihe Nummer 8,/ wohnt der Massenmörder Haarmann,/ der schon manchen umgebracht«, heißt es in einem populären Schauerlied aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es bezieht sich auf den bekanntesten Serienmörder Deutschlands: Fritz Haarmann. 1879 in der Stadt geboren, in der er 1923/1924 mindestens 24 Morde beging, verurteilte ihn, nachdem man seiner habhaft geworden war, ein Schwurgericht im Dezember 1924 zum Tode. Das Urteil wurde im April des darauffolgenden Jahres vollstreckt. DIERMAR JACOBSEN hat das Buch gelesen.

HaarmannIn der Kunst (Literatur, Film, Bildende Kunst, Musik) lebt Haarmann freilich bis heute weiter. Nun hat der gelernte Journalist Dirk Kurbjuweit einen Roman über den »Werwolf von Hannover« geschrieben. Und es gelingt ihm auf faszinierende Weise, den Mörder Haarmann und die mörderische Zeit, in der er lebte, als zwei Seiten einer Medaille darzustellen.

Am Anfang von Dirk Kurbjuweits Kriminalroman ›Haarmann‹ verlässt ein Junge sein Elternhaus bei Nacht und Nebel und macht sich voller Idealismus auf den Weg in das Land seiner Träume. Der Krieg ist seit einem halben Jahrzehnt vorbei, die junge deutsche Demokratie weckt Hoffnungen, Zukunft und Glück kann man wieder zusammen denken. Zurück lässt der fünfzehnjährige Adolf Hannappel Eltern, die sich fragen, was sie falsch gemacht haben, und ein gleichaltriges Mädchen, das von ihm schwanger ist.

Sein Ziel, das ferne Neuseeland und die Stadt Dunedin, von denen kurz nach dem Krieg ein durchreisender Fremder in Adolfs Schulklasse erzählte, wird er freilich nie erreichen. Denn bereits in Hannover ist Endstation für den Jungen, der als Opfer Nummer 13 des Serienmörders Friedrich Haarmann in die deutsche Kriminalgeschichte eingegangen ist.

Ungeduldige Vorgesetzte, verzweifelte Eltern und eigene Traumatisierungen

Es sind verzweifelte Eltern wie jene von Fritz Hannappel, mit denen es der jüngst aus Bochum nach Hannover gekommene Kriminalkommissar Robert Lahnstein zu tun bekommt. Immer wieder sitzen sie vor ihm, schockiert darüber, dass er sie nach einem eventuellen homosexuellen Hintergrund bei ihren Söhnen befragt, und verlangen Aufklärung. Doch es werden nach Adolf Hannappel noch vierzehn weitere Knaben und junge Männer spurlos verschwinden, bevor Lahnstein den bereits früh in Verdacht geratenen Fleischverkäufer und Altkleiderhändler Haarmann überführen kann. Allein bis zum 14. Juni 1924, also innerhalb eines knappen halben Jahres, fallen dessen in immer kürzeren Abständen seinen Tribut fordernden, unbeherrschbaren Trieb 13 Menschen zum Opfer – sie alle hätten noch am Leben sein können, wäre man etlichen Hinweisen aus der Bevölkerung schon früher und mit dem notwendigen Ernst nachgegangen.

Doch nicht nur mit Inkompetenz, Schlamperei und dem Verschließen der Augen vor der Korruption in den eigenen Reihen hat Robert Lahnstein zu kämpfen. Er selbst ist ein früh in englische Gefangenschaft geratener Weltkriegstraumatisierter. In den  Nächten quälen ihn die immer wiederkehrenden Träume vom Tod seiner Frau und seines Kindes. Und tagsüber hat er unter den Niederträchtigkeiten seiner neuen Kollegen zu leiden und sich mit all jenen auseinanderzusetzen, die der jungen Republik keine lange Lebensdauer geben.

All dessen ungeachtet arbeitet Robert Lahnstein jedoch wie ein Berserker an der Überführung des Mannes, zu dessen Tricks es gehört, sich selbst seinen Opfern gegenüber als Polizeibeamter, dem man bedenkenlos vertrauen kann, auszugeben. Denn im Nacken sitzen den Ermittlern der von Berlin ins niedersächsische Hannover abgeschobene ehemalige Reichswehrminister  Gustav Noske – verantwortlich für die Niederschlagung des Spartakusaufstands 1919 und die damit im Zusammenhang stehende Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg –, die mit den zu keinem Ergebnis führenden Ermittlungen unzufriedenen Eltern der Verschwundenen und eine kein Blatt vor den Mund nehmende Sensationspresse, die bald Lahnsteins Schwachstellen erkannt hat und gnadenlos vor ihrer Leserschaft ausbreitet.

Genauer Blick auf Zeit und Gesellschaft

›Haarmann‹ verfolgt in 10 Kapiteln die polizeilichen Ermittlungen im wohl spektakulärsten deutschen Kriminalfall des frühen 20. Jahrhunderts. Kurbjuweits Roman bleibt freilich nicht stehen bei dem, was Leser auch aus anderen der zahlreich über die »Bestie von Hannover« geschriebenen Bücher – etwa dem des Journalisten und Schriftstellers Theodor Lessing, den Kurbjuweit persönlich als Prozessbeobachter am Ende seines Romans auftreten lässt – erfahren können. Indem er den pathologischen Einzelfall einbettet in ein gesellschaftliches Klima, in dem das millionenfache Morden im Krieg die Menschen gefühllos und grausam gemacht hat, lässt er ihn als die Spitze eines Eisbergs erscheinen, der, die eine Katastrophe im Rücken, beinahe ungehindert auf das nächste verheerende gesellschaftliche Fiasko zusteuert.

Zwar ist gerade Hitlers Münchner Putsch vom 8./9. November 1923 blutig gescheitert, der Anführer zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt und seine Partei im Reich verboten worden, als Robert Lahnstein seine Ermittlungen in Hannover aufnimmt. Doch noch bevor das Urteil an dem des Mordes in mehr als zwei Dutzend Fällen überführten Fritz Haarmann am 15. April 1925 vollstreckt wird, ist derjenige, auf dessen Konto bis 1945 millionenmal mehr Toten gehen werden, wegen »guter Führung« wieder auf freiem Fuß.

»Wie soll es gut werden, wenn es so schlecht beginnt?«

Dass Dirk Kurbjuweit gegenwärtiges Interesse an historischen Figuren auf spannende und gut inszenierte Weise zu wecken vermag, bewies bereits sein Roman ›Die Freiheit der Emma Herwegh‹ (2017). Nun hat er sich mit dem deutschen Serienmörder Fritz Haarmann erneut einen Protagonisten gesucht, hinter dessen Schicksal sich auf ähnliche Weise wie hinter dem Leben der Frau des Vormärzprotagonisten und von Heinrich Heine ebenso bespöttelten wie geschätzten  Dichter-Revolutionärs Georg Herwegh ein genauer Blick auf Zeit und Gesellschaft werfen lässt.

Dass man in der Regel von den Goldenen Zwanzigern spricht, wenn man an jene Jahre zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Weltwirtschaftskrise denkt, kommt einem bei der Lektüre von ›Haarmann‹ geradezu absurd vor. Denn der Roman richtet sein Augenmerk vor allem auf die dunklen Seiten einer Epoche, an deren Ende der Aufstieg des deutschen Faschismus und die von diesem ausgelöste größte globale Katastrophe des 20. Jahrhunderts stehen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Dirk Kurbjuweit: Haarmann
München: Penguin Verlag 2020
317 Seiten, 22.- Euro
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