/

Nachts auf der Autobahn, den Kopf aus dem Beifahrerfenster

Musik | Interview mit Mirage

Irgendwie mystisch und kryptisch, irgendwie modern und direkt: Mirage werfen mit ihrem Debüt ›Decaying Decades‹ eine Scheibe in die Welt, die nach Vorsaufen auf der Autobahn schmeckt. MARC HOINKIS plaudert mit dem Künstler-Duo.

Die fünf Songs der EP »Decaying Decades« bringen frischen Wind mit sich. Und das ist seltsam, denn beim ersten Eindruck könnte man meinen, dass Mirage eine Kasette aus dem Jugendzimmer des kette-rauchenden Disco-Onkels ist, die sich zwischen einem Stapel Knightrider-VHS versteckt hat. Doch das Album birgt viel mehr als nur eine Reminiszenz an die Achtziger Jahre. In einem Gespräch mit Aron und Pascal, den beiden Köpfen hinter Mirage, beweisen mir die zwei, dass ich damit komplett falsch liege. Und irgendwie auch nicht.

Mirage

Moin ihr zwei! Eine Frage, die man wahrscheinlich nur über ein Skype-Interview fragen kann: Wie ist das Wetter bei euch?
A: Zu warm für September, könnte ruhig kälter sein. Und bei dir?

Bissken diesig.
P: Jau, bei uns ist es auch sehr nebelig, ziemlicher Schleim.

Und wie ist das Wetter in euren Köpfen?
A: Bestens.
P: Kann ich unterschreiben.

Als ich euer Album gehört habe, musste ich direkt an Depeche Mode und Kraftwerk denken. Was habt ihr denn so gehört, als ihr das Album gemacht habt?
P: Tatsächlich gar nichts, was in diese Soundrichtung geht. Ich höre schon ab und zu auch Zeug aus den Achtzigern, aber aktuell eigentlich eher nicht.
A: Das würde ich bei mir auch so sagen. Ich habe nichts gehört, was in die Richtung geht, sondern hauptsächlich Jazz. Das Projekt kam eher aus einem spontanen Reflex heraus.

Was war denn eure Intention dahinter?
A: Uns hat gestört, dass wir immer in vorgefertigten Denkmustern gearbeitet, gedacht und Musik gehört haben. Wir wollten einfach ausbrechen und mehr Freiheit haben, mehr Emotionen mit hinein packen. So kamen wir schnell dazu, uns in den achtziger Jahren zu bewegen. Ich habe da viele Erinnerungen aus der Kindheit, zum Beispiel habe ich mit meinem Papa immer Phil Collins im Auto gehört. So hatte ich schon den Link dahin und die Tendenz, in diese Richtung zu gehen. Bei ’nem kühlen Bierchen haben wir dann relativ schnell entschieden, dass wir es einfach machen – und haben angefangen zu schreiben.

Also mehr so aus dem Bauch heraus … Welches Equipment habt ihr eigentlich benutzt?
A: Nichts, was wir nicht sonst auch benutzt hätten. Wie saßen wie immer in meinem Zimmer und haben mit dem Rhode NTH1 die Vocals aufgenommen. Ansonsten haben wir mit FL Studio und einem Midi Keyboard gearbeitet.

Wie macht ihr denn eure Sounds? Das klingt ja schon alles sehr nah an den »originalen« Achtziger Songs.
A: Wir haben so lange an den Sounds gespielt, bis wir zufrieden waren und gesagt haben: Das klingt jetzt nach Achtziger. Solange, bis wir was hatten, was in die Richtung geht und sich ineinander eingefügt hat. Dann haben wir mit den LinnDrums angefangen und ordentlich Hall drauf gemacht. Als wir dann alles zusammen geschustert hatten, haben wir überlegt, was wir darauf schreiben wollen.

Hattet ihr ein Konzept bei eurem Album? Mir kam es nämlich so vor, als würdet ihr eine klare Linie, eine Message verfolgen.
A: Das ist ’ne nette Intention, die du uns unterstellst, aber tatsächlich war der erste Song, den wir geschrieben haben, ›Fade to Black‹. Wir haben privat ja auch immer ein bisschen Rap gemacht, aber nie etwas veröffentlicht. Und wir wollten einfach da raus und was ganz anderes machen. So kamen wir eigentlich auf die Idee für diesen Song. Wir hatten gar nicht die Intention, ein Tape zu machen, sondern wir wollten einfach einen Song basteln. Wir hatten beide Bock auf andere Musik und der Song stand mindestens zwei Wochen erst einmal für sich alleine, bis wir mehr gemacht haben. Das Intro kam tatsächlich erst als Letztes. Die Songs sind alle durcheinander entstanden, es stand kein großes Konzept dahinter. Wir wollten einfach Emotionen aus unserer Kindheit wach rufen.
P: Eine Art roter Faden kam vielleicht etwas zufällig mit hinein, weil wir uns nach Fade to Black darüber unterhalten haben, welche Themen seit den Achtzigern aktuell sind oder wieder aktuell geworden sind. Zum Beispiel die Parallele zur Klima Krise und dem Kalten Krieg. So wollten wir auch Parallelen zu der Soundkulisse aufbauen, damit es am Ende schlüssig ist.

Ich finde auch, dass euer Album eine gute Mischung aus neu und alt ist.
A: Das freut uns auf jeden Fall, das wollten wir auch erreichen. Wir wollten dieses alte Flair, aber nicht einfach wieder in der Kiste wühlen und das gleiche machen. Wir wollten unseren eigenen Touch und die Einflüsse, aus denen wir kommen, mit hineinbringen. Wenn man genau hinhört, bemerkt man auch Trap-Hats oder die moderne Art und Weise, wie wir die Vocals gemischt und dezent mit Autotune bearbeitet haben. Wir wollten uns an früher erinnern und die Sachen wach küssen, aber mit unserem eigenen Stil und dem frischen Wind, den wir mitbringen können.

Hat Corona eigentlich eure Zusammenarbeit gestört?
P: Nein, wir haben uns in der Regel zu zweit getroffen und bis vor Kurzem haben wir ja auch noch nah beieinander gewohnt.

Wie lange habt ihr für die Scheibe gebraucht?
A: Also, die effektive Arbeitszeit mit Songwriting und dem ganzen drum herum waren circa fünf Tage. Dann haben wir uns noch mal zurückgezogen und ’ne gute Woche drüber gemischt und gemastert.

Hat irgendetwas besonders viel Arbeit gemacht?
A: Am meisten Arbeit hat es wohl gemacht, sich davon zu überzeugen, dass wir das richtige machen. Dass man nicht mittendrin wieder aufhört und sagt, es ist nicht gut genug, man kann es keinem zeigen. Das war mehr Arbeit als die Songs zu machen.
P: Wir haben ja auch vorher schon Musik gemacht und da hatten wir auch immer das Problem, dass wir es nicht gut fanden. Jetzt haben wir es geschafft, uns zu überzeugen.

Ich bin auf jeden Fall begeistert!
A: Ich glaube, der große Trumpf von dem Tape ist, dass gar kein großer Grundgedanke dahinter steht, sondern eher die Essenz von dem, was Musik sein sollte. Sie sollte Menschen zusammenbringen und emotional an die Sache binden, Emotionen spüren lassen. Das Tape gibt großen Spielraum für Interpretation, wie du es ja auch schon gemacht hast. Dass du für dich selber gesagt hast: Für mich klingt es so. Wir haben auch lange über unseren Namen nachgedacht und uns deswegen für Mirage entschieden. Das weit Dehnbare, das »in dem sehen, was gar nicht da ist«, oder »etwas anderes in dem sehen, was da ist«. Es steht für die Freiheit des Interpretationsraumes, den man beim Hören genießen kann.

Interessante Sichtweise. Habt ihr Pläne für die Zukunft?
P: Wenn Corona vorbei sein sollte, wollen wir vielleicht damit auftreten und das Tape live performen. Corona steht einem grade im Weg damit. Das wäre so die nächste Stufe. An neuen Songs wollen wir auch bald arbeiten.

Könnt ihr schon irgendetwas verraten?
A: Nur, dass es genau so abwegig und überraschend wird, wie dieser Sound überrascht hat. Es wird nicht dasselbe, sondern es wird frischen Wind geben.

Cool, ich freue mich drauf! Wollt ihr noch etwas los werden?
A: Ich glaube, dass diejenigen, die sich angesprochen fühlen, unsere Scheibe anzuhören, sich einfach ganz vorbehaltlos zurücklegen und es geschehen lassen sollten, ohne groß darüber nachzudenken. Wir freuen uns über jeden, der uns auf dieser Reise begleitet.

Ich werde es noch einige Male tun! Eine letzte Frage: Was lest ihr grade?
P: Ich lese zurzeit »Zur Besinnung kommen« von Jon Kabat-Zinn und den »Bitcoin Standard«.
A: Willst du wirklich ,dass ich alles aufzähle?

Vielleicht nennst du lieber deine Favoriten…?
A: Ich lese hauptsächlich »Die Göttliche Komödie« von Dante und das Gesamtwerk von Paul Celan, das erfordert sehr viel Hingabe. Das packt mich zurzeit sehr.

Das glaube ich dir. Danke für eure Zeit, Tüsskes!

| MARC HOINKIS

Reinhören
| Soundcloud-Seite der Band

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Das Ungeheuer von Hannover

Nächster Artikel

Wenn der Matjes an der Decke klebt

Neu in »Platte«

A Match Made In Heaven

Musik | Ornette Coleman: Ornette! Zeitreise ins Jahr 1962 des Free Jazz: Vor 55 Jahren veröffentlichte Ornette Coleman ›Ornette!‹. Ein Rückblick von TINA KAROLINA STAUNER PDF erstellen

Klangkunstwerk ›Im Raum‹

Musik | Streichquartett von Dieter Schnebel Über hr2-Konzertsaal wird am 28.06.18 vom Hessischen Rundfunk ›Im Raum‹ gesendet, im Kontext von ›Stücke‹ (1954/55) und ›Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten‹ (2000-2007). Ein Stück von Dieter Schnebel (1930 – 2018), das bei der Musica Viva im Carl-Orff-Saal im Gasteig am 06.03.09 auch aufgeführt wurde. TINA KAROLINA STAUNER hörte das Konzert, beobachtete und notierte als Wortkunst einen freien Wort-Assoziationsraum zu Musik und Bühne. PDF erstellen

Folkdays…Wiesenblumen, Wegraine, Dachterrassen, Lieder

Musik | Daughter Of Swords und Fellows Hatte in jüngster Vergangenheit jemand Blumen im Haar? Trug jemand Blumen in Shows? Vielleicht Daughter Of Swords. In süßen Performances und schönen Symbolismen. Und im Format traditionellen Liederschreibens. Von TINA KAROLINA STAUNER PDF erstellen

Kurze Verfallszeit im Retrowolf

Musik | Toms Plattencheck Das Schweizer Trio Rusconi ist zweifacher Echo-Jazz-Gewinner. Eine Aussage, die – ohne weitere Erläuterung – all zu schnell wahlweise zum Abwinken oder Abnicken führen könnte. Doch auch wenn Rusconi im Jazzbereich bei Hörern und Kritikern höchstes Lob erfahren, sind sie alles andere als das klassische Piano-Jazz-Trio. Von TOM ASAM. PDF erstellen

Die letzte Rockband

Musik | Ottar Gadeholt über die mythologische Seite von Guns N’Roses (Teil I) »You know where you are? You’re in the jungle, baby. You’re gonna diiiieeeeeee.« Zwar sind sie in manchen Kreisen immer noch populär, ich kenne aber keine Rockband, über die so viel gelästert wird wie über Guns N’Roses. U2 könnte man vielleicht aufzählen, oder Coldplay; es ist aber in der Regel nicht die Band U2, über die man sich aufregt, es sind eher PR-Geilheit, Selbstgerechtigkeit und Heuchelei, die Eiter und Galle hervorrufen. OTTAR GADEHOLT nähert sich dem Rockphänomen Guns N’Roses. Im ersten Teil geht es um die Frage,