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Sonne

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Sonne

Unerklärlich, sagte Farb, aus welchen Gründen eine unscheinbare Begegnung tief im Gedächtnis haften bleibt.

Tilman rückte näher an den Couchtisch und suchte eine entspannende Sitzhaltung.

Anne schenkte Tee ein.

Ein alter Mann am Strand von En Bokek, sagte Farb, ein Greis, hoch in den Siebzigern, die Schwefelquellen südlich von En Gedi seien, hatte der Mann erklärt, so hochprozentig wie sonst nirgends auf dem Planeten, er suche sie zweimal wöchentlich auf, sagte er, er habe viele andere Orte kennengelernt, kein Vergleich, sagte er, nicht daß er lange Reden hielt, er wirkte wortkarg, seine Sätze blieben kurz, die Stimme leise, unaufdringlich, und zusätzlich, sagte er, arbeite das besondere Klima, er kenne keinen Ort, der dem auch nur annähernd gleichkomme, der Mann redete nachdenklich, besonnen, und nein, das würde kein Gespräch, nein.

Das gehe ihm nicht aus dem Kopf, sagte Farb, und ob sie nicht, fragte er Anne, Momente kenne, die sich ihr ähnlich ins Gedächtnis eingebrannt hätten, weshalb, wundere er sich, je kürzer das Ereignis, desto intensiver der Eindruck, oder, und ohne äußeren Anlaß tauche das Bild aus dem Nichts auf, unangekündigt, weshalb, der alte Mann sagte abschließend, nachdem er einige Sekunden geschwiegen hatte, die Sonne sei sein Gott, nein, mehr sagte er nicht, kein Wort, und stand erneut schweigend, eine ätherische Statue, genaugenommen war es dieses Bild, das sich bei Farb einprägte, und dieser Satz, der ihn seitdem beschäftigte, und er stellte sich vor, es gäbe Hinweisschilder im Leben, die nicht übersehen werden wollen und denen es zu folgen gelte.

Die Sonne, sagte Tilman.

Anne tat sich einen Löffel Sahne auf ihren Pflaumenkuchen.

Farb überlegte.

Echnatons Religion des Lichts, sagte Tilman, das falle ihm dazu ein, ein revolutionärer Umsturz in der Priesterschaft, und Amenophis IV., der seinen Namen geändert hatte zu Echnaton.

Farb blickte auf.

Achtzehnte Dynastie, ergänzte Tilman, zwei Jahrzehnte Amarna-Religion und für den neuen Gott Aton eine neue Hauptstadt Achetaton, ein gewaltiger Wandel, megalomane Züge, unter Echnaton galt allein die Sonne, sie schuf alles Leben, ihre Nachtfahrt war annulliert, keine Rede mehr von Osiris, Amun war verpönt, seine Barke vergessen, trockengelegt, in der er zuvor Stunde um Stunde den Himmel entlang und durch die Unterwelt geglitten war.

Tilman rückte näher an den Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Farb holte verbliebenen Pflaumenkuchen aus der Küche.

Anne tat sich ein Stück auf, nein, sagte sie, bitte keine Sahne, sie habe ja noch.

Farb lächelte.

Augenfällig, sagte Tilman, sei der grundlegende kulturelle Wandel, die gewaltigen Dimensionen der Kolossalstatuen im Gempaaton von Karnak, einen Begriff von Kunst setzend, der die bekannten Grenzen sprengte, was fängt man damit an, es gibt Ägyptologen, die die Darstellungen des Königs als abschreckend häßlich empfinden, ja die fast zurückprallen vor der Häßlichkeit, der Kopf Echnatons schwebe auf einem langen, dünnen Hals, die Brust sei eingesunken und habe dennoch fast weibliche Formen, die dünnen Waden passend zu den Spinnenarmen, und das Gesicht weise tiefe Furchen auf, eine fliehende Stirn und ein kraftlos hängendes Kinn, schön und gut, resumierte Tilman, das widerspiegele die hergebrachten traditionellen Maßstäbe, so könne man urteilen, keine Frage, auch heutzutage, und doch, man müsse von einem gewandelten Stil sprechen, von einer neu akzentuierten Ästhetik, einer neuen Perspektive auf das Leben, alles in allem aber ein Ausnahmefall, dessen abruptes Ende dadurch markiert sei, daß der Nachfolger Tutenchaton seinen Namen im dritten Regierungsjahr in Tutenchamun umwandelte und auch dem Jenseits wieder den vormaligen Status verlieh, denn zur Erneuerung brauche das Licht, brauche alles Leben die Finsternis, auch auf den nächtlichen Sonnenlauf komme es also an.

Sensationell, sagte Farb und schenkte sich Tee nach.

Anne arbeitete sich an ihrer Pflaumenschnitte ab, die Stücke waren großzügig  portioniert.

Das werfe Fragen auf, sagte Tilman.

Interessant, sagte Farb, die Ästhetik sei expressiv.

Ob wir das glauben oder nicht, sagte Tilman und lächelte, die Darstellung der Figuren sei expressionistisch.

Expressionismus, wandte Farb ein, das sei eine künstlerische Epoche der Moderne, des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts, unmöglich, wie könne das sein, wo sei da ein Zusammenhang.

Ob da zwei Dekaden aus der Zeit gefallen seien, fragte Anne, komplett aus der Zeit.

Paradox, sagte Tilman, und nein, er kenne dafür keine Lösung, woher denn, und rückte den Sessel ein Stück zur Seite.

Der Mensch müsse von der Idee einer linearen Entwicklung Abschied nehmen, aus, vorüber, vergessen, sagte Farb und lachte befreit, er stehe sich im Weg und müsse sich neu erfinden.

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