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Im Lager

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Im Lager

Bei den zwei verkümmerten Azaleen ging Lassberg zwei Schritte hangauf. Die leichte Böschung strandseitig entlang der Sichtschutzplane war im Spätsommer aufgeschüttet worden. Der Lärm der Raupen klang ihm im Ohr. Ich komme darauf zurück. Ein Erzähler muß das Geschehen ordnen.

Weshalb Bäume gesetzt wurden, das verstehe, wer will. Als ob Wasser beliebig verfügbar wäre. Die ersten Setzlinge waren nach wenigen Wochen vertrocknet. Besser hätte man zusätzlich Sonnendächer installiert, am späten Vormittag wird es brütend heiß.

Vergangenen September wurden auch Löcher gegraben, erinnerte sich Lassberg, und Fundamente für Sonnenschirme gegossen, dabei entstand viel Unruhe, viel Geräusch, viel hektisches Treiben. Das Ergebnis war vorhersagbar. Weiße Röhren steckten im Wüstensand und zogen eine imaginäre Linie durch das Lager. Bis heute waren keine Sonnenschirme geliefert.

Vor dem Abfallbehälter schwenkte Lassberg nach links auf den Mann mit Smartphone zu. Who?, sprach der, und: Well done.

Ein Smartphone zeugt von Vertrauen in Technik. Im Lager war es, soweit Lassberg das überblicken konnte, das einzige. Gab es in dieser abgelegenen Gegend überhaupt Zugang zum Internet? Oder war das Gerät eine Attrappe, war das Telefonieren sorgfältig inszeniert, war es Schauspielerei, hatte jemand ein Drehbuch verfaßt?

Das wäre ein absurder Gedanke? Bewahren Sie sich Ihren Glauben an die Menschheit. Am Salzmeer, gar im Lager, ist alles denkbar.

Sobald er nicht Aktivität vortäuschte, der Herr Wichtig, sah Lassberg ihn lesen. Er habe den Anschluß an die Welt da oben nicht verloren, das wollte Wichtig kundtun, an die wirkliche Welt, und legte das Buch beiseite.

Lassberg verstand ihn, doch, er selbst steckte sich ab und zu morgens ein Buch ein und hielt das Lesen im Lager keine drei Minuten lang aus, es war gänzlich unmöglich, er wußte das im Voraus, niemand hielte das aus – Schall und Rauch das alles, Schall und Rauch, Wichtig war ein scheinheiliger Charakter, jeder Mensch ist ein Rätsel.

Wieder hatte Lassberg die Dänen im Blick, sie wurden von einer Schwester betreut, ich erwähnte das, ihr Platz war beim großen Felsblock, sie kamen von Ceasar’s Palace und waren gegen halb zehn im Lager, gesellig, entspannt, mitunter nicht vollständig ausgenüchtert, der Aufenthalt am Salzmeer war strapaziös.

Ihm widerstrebte das Gehen in dieser Richtung, er ginge lieber anders herum, in Rechtskurven fühlte er sich sicher, da war er mit dem Rad sogar schneller, er war Linkshänder. Wenn er zu Hause Kyudo trainierte, avisierte er dem Augenschein zum Trotz das Mato zwei Faden nach rechts, er hatte seine Eigenheiten im Griff, absolut.

Als er erneut auf den Platz mit dem Smartphone zu kam, war dieser verlassen, Wichtig würde auf dem Meer sein, das Smartphone würde er in die Reisetasche gelegt haben, sonst hatte er nichts mit, ein Smartphone konnte er schlecht vergraben. Wichtig war vorsichtig, einer wie er traute niemandem, deshalb würde die Tasche ein verschließbares Fach haben, einer wie Wichtig nahm es genau mit Details, oder er hätte es am Strand dem Lifeguard anvertraut, dieser zwielichtigen Figur, ich komme darauf zurück.

Auf dem Buchrücken ein amerikanischer Autor und ein hebräischer Titel, die Amerikaner werden in viele Sprachen übersetzt, sie breiten sich aus wie eine Seuche und hinterlassen verheerende Spuren, vermutlich ein Thriller, mit ihren Thrillern überfluten sie den Planeten.

Wichtig könnte ihn glattweg für einen Agenten halten, er mußte auf alles gefaßt sein, die Heimtücke schlägt zu, wenn niemand daran denkt, und wer erst verbrannt ist, wird am Salzmeer trefflich untertauchen.

Das scheinbar so ziellose Gehen würde Wichtig stutzig gemacht haben. Wer sich zum erstenmal in dieser Einöde aufhielt, verstand gar nichts, und jeder Mensch ist vor allem mißtrauisch, das ist sein gutes Recht. Wer weiß denn, würde sich Wichtig gedacht haben, ob sich kein Gesindel herumtreibt.

Ist etwa Himmelreich dagewesen, überlegte Lassberg, und hatte ihn nicht angetroffen? Er wäre auf Durchreise und bliebe kaum länger als einen Tag. Es gab an diesem südlichen Zipfel nur Hotels, weshalb Lassberg nicht von einer Ortschaft sprach, anfangs drei oder vier, in diesem Jahr waren es zehn, sogar zwölf, sofern er die beiden weiter südlichen mitzählte. Doch niemand ließe sich häuslich nieder, die judäische Wüste gehörte zur Negev, und wer seine fünf Sinne beisammen hatte, mied diese trostlose Gegend.

Lassberg fand sich damit ab, daß Himmelreich ihn letzten Endes nicht aufspüren würde. Ehrlich, er sähe ihn gern, sie tränken einen Kaffee, würden belanglos plaudern, doch jeder Besuch warf den Tagesablauf durcheinander, daran war nichts zu ändern, ob man nun vom Lager sprach oder, sich der Sprachregelung anschließend, von einem Sanatorium. Farb spricht sogar von einem Ghetto, Farb ist überspannt, er weiß nicht, was er redet, ich komme darauf zurück.

Kein Außenstehender ahnt von der Mühe, sich den Tag einzuteilen – Sonne, Strand und die luxuriös ausgestatteten Hotels täuschen den Ahnungslosen darüber hinweg, daß er kaserniert ist, wir müssen uns den Tatsachen stellen.

| WOLF SENFF
| Titelfoto: Nikola Herweg; Negev 1 CC BY-SA 3.0

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