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Vision

TITEl-Textfeld | Wolf Senff: Vision

Eine Vision?

Vergiß es.

Man könnte es versuchen.

Vergiß es.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.

Wer`s glaubt.

Man müßte nach neuen Entwicklungen suchen, Farb, die sich bildenden demokratischen Strukturen wären eine gewichtige neue Kraft, sogar in China wird gewählt, in Rußland wird gewählt.

Farb lächelte: Aber unter welchen Bedingungen.

Du darfst unserer westlichen Propaganda nicht alles glauben, Farb, in Rußland stimmten zweiundachtzig Prozent der Bevölkerung für Putin, so etwas kann nicht herbeigezwungen sein.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Schlagsahne.

Das Gespräch stockte.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Wette warf einen Blick nach dem Gohliser Schlößchen.

Es sieht nach Regen aus, sagte Annika.

Was die Vision sei, wollte Wette wissen.

Es gehe um die Ausbreitung demokratischer Strukturen, sagte Farb, um gemeinsame Entscheidungsprozesse, und nein, niemand werde  gezwungen, doch es sei eine Tatsache, daß sich Mehrheiten in der Bevölkerung durchsetzten, und, zugegeben, das sei manchmal ein langwieriger Prozeß, er sei aber unaufhaltsam und verlange Geduld, sagte Farb, das sei ein Bohren dicker Bretter.

Das sei die Vision, fragte Wette.

Exakt, sagte Farb, auch Ein-Parteien-Systeme würden mit demokratischen Strukturen arbeiten, mehr oder weniger, und, wie man gegenwärtig in den USA sehe, spielten Angst und Einschüchterung auch in Mehr-Parteien-Demokratien eine unrühmliche Rolle, das sei nun einmal ein langfristiger Verlauf.

Eine Vision, sagte Wette.

Eine Vision, sagte Farb, und auch die Rechtsprechung, also Gewaltenteilung, sei ein demokratisches Element, das etwa auf internationaler Eben eine wichtige Rolle spiele, es gebe Menschenrechte, man verfolge Kriegsverbrechen, und der internationale Gerichtshof in Den Haag sei eine bedeutende Institution, jedoch eben auch mehr und weniger wirkungsvoll, es handle sich um einen andauernden Prozeß, der international längst verankert sei, die Arbeit der UNO sei heutzutage unverzichtbar.

Es gebe Rückschläge, wandte Wette ein.

Sicher gebe es Rückschläge, sagte Farb, starke antidemokratische Bewegungen gewönnen in den USA an Einfluß, ihnen gehe es um die drastische Reduktion staatlicher Instanzen, Personal würde entlassen, finanzielle Mittel beträchtlich gekürzt, ähnliche Maßnahmen seien in Staaten der EU eingeleitet, niemand habe behauptet, die Ausbreitung der Demokratie sei ein Selbstgänger.

Das werde ein schmerzhafter Prozeß, sagte Wette, und gleichzeitig drohe die Klimakatastrophe erheblich zu stören, niemand wisse sich davor wirksam zu schützen, bestenfalls, sagte er, bestenfalls werde sie die Menschheit zu gemeinsamem Handeln veranlassen, denn wer werde noch Kriege führen, während der Himmel über ihm einstürze.

Das sei die Vision, sagte Farb.

Annika legte das Reisemagazin zur Seite.

Tilman rückte zum Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

 

| WOLF SENFF

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