Ankommen

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ankommen

Er sei nicht angekommen im Leben, behauptet Gramner: Wie meint er das?

Ist das ein Problem?

Was bedeutet es denn, Tilman, daß jemand ankommt im Leben? Du kommst ja im Leben nicht an wie ein ICE, der in den Bahnhof einläuft, oder?

Nein, eher nicht. Gramner hat eben das Gefühl, er müßte ankommen im Leben, Susanne.

Das vermißt er.

Gut möglich.

Erklärt hast du es mir nicht, Tilman, entgegnet Susanne und trinkt einen Schluck Tee aus der Tasse mit dem roten Drachen. Sie setzt die Tasse ab und schenkt Tilman Tee nach.

Wie du meinst.

Das wird ja auch nicht sein wie im Hundert-Meter-Lauf, sagt sie, daß du ein Zielband reißt, und das war’s dann, nun bist du im Leben. Oder? So wird er es nicht meinen, anzukommen.

So kann man es kaum verstehen, Susanne.

Ein Goldgräber, der auf eine Goldader stößt, der würde rufen, er sei endlich angekommen im Leben, stimmt’s? Oder ein Walfänger, der dem Pottwal den tödlichen Hieb versetzt hat und nun das Blut strömen sieht.

Du willst mich auf Glatteis führen, Susanne.

Man könnte das aber annehmen, oder?

Erfolg ist kein Maßstab, Susanne.

Nicht für Gramner.

Nicht für Gramner. Er ist ein guter Koch. Die Männer schätzen ihn. Sie hören ihm zu, sie nehmen seine Ansichten ernst.

Und er hat trotzdem nicht das Gefühl, er sei angekommen, Tilman.

Habgier und das Töten von Mitgeschöpfen sind jedenfalls nicht hilfreich, es muß andere Ziele geben.

Wer im Leben angekommen ist, der ist am Ziel, Tilman.

Und kennt keine anderen Ziele?

Keinen Ehrgeiz, keine Begierde, kein Täuschen, kein Streben, keine Macht, keine Intrige.

Und? Ist Gramner angekommen im Leben?

Er wird es selbst nicht wissen.

Ist es so kompliziert?

Es geht ja weiter, Tilman. Wer im Leben ankommt, fühlt sich zu Hause, er macht sich dessen Prinzipien zu eigen.

So gesehen, wird es schwierig, daß man ankommt. Die Moderne ist degeneriert, sie züchtet Ängste und sät Haß, sie ist gewalttätig. Herrschaft, das ist ihre Geschäftsgrundlage. Daß jemand ankommt im Leben, sieht diese Moderne gar nicht vor.

Gramner und der Walfang zu Zeiten des kalifornischen Goldrauschs, das steht am Anfang der Moderne, ihre häßliche Fratze wird eben erst sichtbar.

Und folglich hätte er zurecht das Gefühl, nicht anzukommen. Die industrielle Moderne, je länger sie dauert, entfernt sich desto weiter vom Leben.

Ist es das?

Wie du es auch nennst, Susanne – es läuft auf dasselbe hinaus. Gramner hat recht, und es gibt keine Ankunft im Leben.

| WOLF SENFF

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Weniger Gequatsche, mehr Action bitte!

Nächster Artikel

Dinge ändern sich

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Zeichen der Zeit

Literaturkalender 2026 Die Wochen bis zum Jahreswechsel sind gezählt. Sollte man nicht jetzt schon Termine übertragen, Geburtstage markieren, Pläne schmieden für das noch jungfräuliche 2026? Ganz beschwingt mit literarischer Begleitung und Inspiration für neuen Lesegenuss – Wiederentdeckungen inklusive? Aus der Fülle jährlich erscheinender Literaturkalender stellt INGEBORG JAISER einige herausragende Exemplare vor.

Gefühl

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Gefühl

Das Rauschen des Ozeans klang wie von ferne zur Ojo de Liebre herüber.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Keine Ahnung, sagte Gramner, der Mensch der Moderne habe keine Ahnung, null, er stehe sprachlos vor einem Abgrund, man finde kaum eine andere Epoche, während der der Mensch dermaßen blind gewesen sei.

Der Ausguck stand auf, tat einige Schritte, löste sich in die Dunkelheit auf und schlug einen Salto.

Ramses IX

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ramses IX

Ramses lächelte. Es war abenteuerlich, sich in fremden Gegenden und Kulturen umzutun und einen Eindruck von den Menschen zu gewinnen, durchaus interessant, gewiß, die Kultur der Industriegesellschaft ist hochentwickelt, überlegte er, extrem leistungsbezogen und bestehe doch erst seit zwei Jahrhunderten. Unzählige Menschen lebten auf dem Planeten, und für sie müsse gesorgt werden, da nehme die Verteilung urwüchsige Züge an, das werde man verstehen.

Taiping

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Taiping

Ein Aufstand, und deshalb, sagst du, flüchteten sie zuhauf über den Ozean, wie kommst du darauf, Thimbleman?

Sie erzählen es in der Barbary Row, die Welt ist aus den Fugen.

In deinem Alter solltest du dich nicht in zwielichtigen Spelunken herumtreiben. Aber es stimmt, in südlichen Provinzen Chinas tobt ein Aufstand, eine mächtige religiöse Bewegung gewinnt an Macht, 1851 wird das Königreich Taiping ausgerufen, das ist jetzt eine Handvoll Jahre her, und der Anführer ernennt sich zum Himmlischen König, fünfzehn Jahre lang, Wuhan wird erobert und Nanjing wird eingenommen, der Aufstand wird zwanzig bis dreißig Millionen Menschenleben fordern, die Welt ist aus den Fugen.

Blutrausch

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Blutrausch

Die zivilisierte Welt sei auf dem Rückzug, ultimativ, sagte Annika und schenkte Tee ein, Yhin Zhen, sie hatte das Drachenservice aufgedeckt, die Temperaturen waren mild.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Ob es nicht stets dasselbe sei, fragte er, die einen würden in Luxus oder wenigstens ohne finanzielle Sorgen leben, die anderen, bei weitem die Mehrheit, seien barbarischen Zuständen ausgeliefert, es würden Kriege geführt, zu Millionen irrten die Menschen auf dem Planeten umher, und wer es sich leisten könne, suche in friedfertigen Regionen unterzukommen.

Er nahm einen Löffel Schlagsahne und strich sie sorgfältig auf seiner Pflaumenschnitte glatt.