Erlesene Tage

Kalender | Literaturkalender 2015

Im Wirbel der entgleisten Jahreszeiten kann man schon mal den Blick auf den anstehenden Wechsel verlieren. Noch ist Muße genug, das Kalenderangebot fürs nächste Jahr zu sichten. Dort erwartet uns ein Vorgeschmack auf neue, spannende Entdeckungen – nicht nur literarischer Art! Von INGEBORG JAISER

K wetzstein kleinFür Menschen mit gutem Geschmack

Sehr schlicht, sehr reduziert, sehr minimalistisch kommt der ›Wetzstein Gedichtekalender‹ des Verlages Klöpfer & Meyer daher. Von außen in tannengrünem Gewande, mit gepflegtem cremefarbenem Innenleben und silbermatter Spiralbindung. Ein Augenschmaus für Puristen und Liebhaber der Poesie.

Bereits im fünften Jahr in Folge erscheint dieses Schmuckstück mit faksimilierten Kalligraphien des Freiburgers Thomas Bader, der die Buchhandlung »Zum Wetzstein« führte. In kühner, expressiver Handschrift sind Gedichte von Rilke und Trakl, Schiller und Goethe, Mascha Kaleko und Hilde Domin festgehalten. Traumhaft poetische Zeilen über Naturschönheiten, die Wunder des Lebens und den Wechsel der Jahreszeiten. Zwei Blätter und zwei Gedichte pro Monat. Möglicherweise ist dieser Kalender der letzte seiner Art, da im März 2014 Thomas Bader verstorben ist. Welch Glück, seinen handschriftlichen Ausdruck und seine literarische Leidenschaft fortleben zu sehen.

K Fliegende WörterGedichte zum Verschreiben und Verbleiben

Ebenfalls der Lyrik hat sich der ›Fliegende Wörter-Kalender‹ verschrieben, wenngleich in gänzlich anderer Dosierung und Darreichungsform. 53 Postkarten mit ebenso vielen Gedichten laden jede Woche aufs Neue zum Vorlesen und Nachdenken, Adressieren und Verschicken ein. Wen könnte man nicht alles beglücken mit Zeilen von Ingeborg Bachmann und Sarah Kirsch, von Robert Gernhardt und Hanns Dieter Hüsch, von Ezra Pound und William Butler Yeats?

Dabei zeichnet sich der stabile Postkartenkalender durch (typo)graphische Prägnanz und ein originelles Layout aus. Jede Woche gehen Farbe, Form und Text eine gelungene Symbiose ein, variantenreich und abwechslungsvoll. Und Achtung: In der 35. Woche gibt ein Lyragramm reichlich Rätsel auf. Viel Spaß beim Lesen und Dechiffrieren!

K Ars VivendiVon Madonna bis Molière

Dem Genuss der Lektüre widmet sich auch der ›Literarische Lesen-Kalender‹ von ars vivendi, wenngleich er ebenso den Akt des Schreibens, Verlegens und Sammelns zum Thema hat. Zahlreiche bekannte Autoren und Künstler kommen zu Wort – mit einer Fülle von Zitaten und Bonmots.

Gleichermaßen lasziv geben sich Madonna (»Jeder denkt, ich sei total verrückt nach Sex. In Wahrheit lese ich viel lieber ein Buch.«) wie Molière (»Beim Schreiben ist es wie bei der Prostitution…«). Weiterhin philosophiert Borges über das Paradies als Bibliothek, räsoniert Grass über die Tortur des Schreibens und vergleicht Lichtenberg ein Buch mit einem Spiegel. Die kurzen, eingängigen Texte werden von geschmackvollen und gefälligen Fotografien (vornehmlich aus dem Bestand von Bildagenturen) begleitet. Dieser Wochenkalender der eher leichten Muse eignet sich hervorragend als Geschenk für alle Gelegenheiten.

K AufbauDer Dienstälteste

Im nun 48. Jahrgang ist der ›Aufbau Literaturkalender‹ mit Abstand der »dienstälteste« seiner Art. Prall an Informationen, reich an Texten, illustriert mit teilweise noch unbekannten Fotografien, präsentiert er auch dieses Mal altbekannte Begleiter und neue Überraschungsgäste.

Dabei schöpfen die Herausgeber aus einem riesigen Fundus ständig aktualisierter Biographien mit derzeit rund 5000 Geburts- und Sterbedaten. Jede Kalenderwoche nimmt so biographischen Bezug zur jeweils vorgestellten Person – in abwechslungsreicher, oft recht überraschender Art.

So reicht bereits im Monat Januar der weite Bogen vom mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart über den publizistischen Tausendsassa Kurt Tucholsky bis zum derzeitigen finnischen Shooting-Star Sofie Oksanen. Jedes Kalenderblatt arrangiert einen literarischen Appetithappen mit aufschlussreicher Vita und Fotografien zum jeweiligen Autor. Als roter Faden zieht sich im unteren Bereich jeder Seite das dezente Kalendarium mit biographischen Eckdaten zahlreicher Literaten dahin.

K HarenbergLiterarische Reise um die Welt

»Glück als das lichterlohe Bewusstsein: diesen Augenblick wirst Du niemals vergessen«, notiert Max Frisch angesichts der Schönheiten des italienischen Hafenstädtchens Portofino. Derart zu Literatur gewordene Glücks- und Sehnsuchtsmomente versammelt der Harenberg Verlag in seinem Kalender ›Träume von Anderswo‹ – in harmonischem Gleichklang mit visuellen Eindrücken von Orten, Städten, Landschaften.

Ingeborg Bachmann liegt über dem Stadtplan von Wien »wie ein Ertrinkender«. Pablo Neruda beschwört die Erde, den Lehm, die Stille der chilenischen Wälder. Annemarie Schwarzenbach ist versucht, eine Hymne zu schreiben auf die Magie Afghanistans. Und Heinrich Heine vermerkt nach einem glücklich überstandenen Sturm auf Helgoland: »Das Meer ist mein wahlverwandtes Element, und schon sein Anblick ist mir heilsam.«

Ein farbenfroher, vielgestaltiger Wochenkalender für alle Träumer und Reisende im Geiste.

K literarische ostsee Strandglück und Segelschiffverse

Sie alle schrieben von der Ostsee: Sommerfrischler und Urlauber, Reporter und Schriftsteller, Künstler und Kulturschaffende. Manchen war sie verlorene Heimat (wie dem Objektkünstler Günther Uecker), manchen Inspirationsquelle (wie Joachim Ringelnatz), wieder anderen Rechercheobjekt (wie dem rasenden Reporter Egon Erwin Kisch). Wer es sich leisten konnte, übersommerte gleich an der »Badewanne Berlins«.

Für den Kalender ›Literarische Ostsee‹ der Edition Ebersbach hat die Herausgeberin Kristine von Soden tief »in alten Seekisten gestöbert« und manch Sagenhaftes und Sehnsuchtsvolles zutage gefördert. Von alten Bekannten und fast schon Verschollenen. Illustriert mit Archivaufnahmen, antiquarischen Postkartenmotiven und modernen Fotografien. Fast glaubt man, Seeluft zu schnuppern.

K arche

Mit Pauken und Trompeten

Hoch die Tassen! Der ›Arche Literatur Kalender‹ wird 30 und ruft deshalb das aktuelle Motto »Feste und Feiern« aus. Ein prächtiger Anlass, um zahlreiche Schriftsteller der Weltliteratur zu Wort kommen zu lassen, in Briefen und Tagebüchern, Gedichten und Reden. Da wird gehörig gefeiert und jubiliert, getanzt und getrunken – angesichts von Literaturpreisen, Jubiläen, Kindsgeburten oder schlicht den Schönheiten des täglichen Lebens.

Doch neben den ausufernden Amüsements von F. Scott Fitzgerald oder Anais Nin tauchen immer wieder auch Absagen und Verweigerungen auf: Der lungenkranke Anton Čechov verkneift sich eine Essenseinladung (»Ich habe keinen Frack und auch keine Lust«), Gottfried Benn würde vor seinem 70. Geburtstag am liebsten fliehen (»Mich machen die Preludien dieses Tages schon ganz verrückt«) und Jorge Amado gesteht seinen Horror vor gesellschaftlichen Anlässen (»Dieser Zwang, geistreich zu sein zu sein, weil die Gäste glänzende Sätze, Tiefgründigkeit, die Brillanz des Schriftstellers erwarten: es ist zum Wegrennen«).

Illustriert mit herausragenden Aufnahmen bekannter Fotografen (wie Ingo Morath oder Man Ray) wird dieser Wochenkalender auch zum visuellen Augenschmaus und wurde nicht umsonst mit dem ›gregor international calendar award 2015‹ in Silber prämiert.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Wetzstein Gedichtekalender 2015
Tübingen: Klöpfer & Meyer 2014
22,00 Euro

Fliegende Wörter 2015
Münster: Daedalus 2014
16,95 Euro

Literarischer Lesen-Kalender 2015
Cadolzburg: ars vivendi 2014
19,90 Euro

Aufbau Literatur Kalender 2015
Berlin: Aufbau Verlag 2014
19,99 Euro

Träume von Anderswo 2015
Berlin: Harenberg 2014
17,99 Euro

Literarische Ostsee 2015
Berlin: edition ebersbach 2014
22,00 Euro

Arche Literatur Kalender 2015: Feste und Feiern
Hamburg, Zürich: Arche Kalender Verlag 2014
22,00 Euro

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