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Auf geht’s!

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Auf geht’s!

Was solle man dazu sagen, fragte Farb, die Realität werde übertönt vom Lärm einer Wohlfühlgemeinde, deren Welt eine Wirklichkeit taumelnder Blasen sei, die sekundenlang irrlichternd schweben, bevor sie geräuschlos platzen und sich ins Nichts auflösen würden.

Eine mediale Wirklichkeit, fragte Tilman.

Spaßgesellschaft, sagte Annika.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Diese Wirklichkeit habe sich vom realen Leben verabschiedet, sagte Farb, sie überlagere den Alltag und, wie gesagt, sie werde letztlich geräuschlos platzen und keinen Eindruck hinterlassen, und der Mensch, als ginge all das mit rechten Dingen zu, sähe sich unversehens mit einer rauhen Wirklichkeit konfrontiert.

Er dachte kurz über seine Worte nach, nahm sich einen Löffel Sahne und verteilte sie sorgfältig über seinen Kuchen.

Tilman lächelte. Da seien rätselhafte Mechanismen am Werk, sagte er, denn jeder, der wolle, könne sich über diese rauhe Wirklichkeit informieren, jederzeit, ohne Probleme, doch es existierten offensichtlich massive Verdrängungsprozesse, die den Blick auf diese groben Realitäten verwehren, und da schalte man unwillkürlich ab, die Tasten seien unkompliziert zu bedienen, nichts für ungut, man klinke sich aus.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Skandinavien, sagte Tilman, erlebe einen heftigen Kälteeinbruch, eine Extremwetterlage, in der ersten Januarhälfte mit Temperaturen von minus vierzig Grad, ein Hochdruckgebiet mit eisiger Luft ziehe über Nordeuropa hinweg, die Straßen seien spiegelglatt, vielerorts stecke man hilflos im Stau, Stromausfälle lähmten den Alltag.

Tilman nahm sich einen Marmorkeks, er war von den Vanillekipferln abgekommen, sie hatten an Geschmack verloren, seitdem die Preise für Vanille so enorm angezogen hatten.

Im australischen Bundesstaat Queensland, sagte er, seien, so die Nachrichten wenige Tage vor Heiligabend, mehr als zehntausend Menschen ohne Strom, zahlreiche Häuser seien überflutet.
Nichts sei noch, wie es war, sagte Farb, der Vulkan auf Island sei erneut aktiv, die Bewohner der kleinen Ortschaft Grindavik seien erneut evakuiert worden, Lava habe bereits einzelne Häuser in Brand gesetzt, der gewalttätige Alltag setze sich fort.

Farb schenkte Tee nach, sie hatten das Service mit dem rostroten Drachen aufgedeckt, ein Geschenk, das Tilman, wie er sagte, von Beijing mitgebracht hatte, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war.

Die Saison der Wirbelstürme werde den USA in Florida in einigen Monaten wieder zu schaffen machen, sagte er, ebenso die Waldbrände in Kalifornien, was werde man tun können, mehrere hunderttausend Menschen zu evakuieren werde kaum möglich sein.

Das sei die neue Realität, sagte Annika, und sie breche gegenwärtig so massiv auf uns herein, daß niemand die Augen vor ihr werde verschließen können, unmöglich, sie erinnere sich an den Schlammvulkan Lusi im Norden Javas, dessen bestialisch stinkender, vernichtender Auswurf mittlerweile sieben Quadratkilometer Landfläche bedecke, ein Ende sei nicht absehbar, der Lusi sei bis heute weitgehend aus der Wahrnehmung der internationalen Öffentlichkeit verbannt.

Tilman trank einen Schluck Tee, Yin Zhen, und warf einen Blick zum Gohliser Schlößchen.

Überall, sagte er, wohin du auch siehst, die herkömmlichen Abläufe würden sich nicht länger zu einer harmonischen, zivilisierten Einheit fügen, störungsfrei, nein, sie brächen auf, desintegriert, träten auf als Spielverderber, chaotisch, unsortiert, Prognosen würden unmöglich, Diskontinuität regiere als Prinzip, und plötzlich seien die vermeintlichen Errungenschaften, für die sich der Homo sapiens soeben im Überschwang gefeiert habe, sie seien dahin wie ein wankendes Kartenhaus, abgestürzt, plattgemacht, einfach so, ein irrlichterndes Konstrukt, megaloman, und falle ihm wie Schuppen von den Augen, was sei das gewesen, brüllendes Gelächter, habe man allen Ernstes den Alltag auf digitale Abläufe gründen wollen, ein Wolkenkuckucksheim, ein elender Traum, oh Glück und Glas, wie leicht bricht das,  Internettechnologie, deren Erzeugnisse bei der geringsten Unregelmäßigkeit abstürzten, zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie bitte Ihren Arzt oder Ihren Apotheker, Hohn und Spott, brüllendes Gelächter, oder nur wenige Tastendrücke und der sensible Mechanismus sei zugänglich für kriminelle Machenschaften, da habe sich der Homo sapiens aber ein zerbrechlich Ei ins Nest gelegt, oh Hagel und Granaten, wer habe das auch ahnen können, niemand, Lieferketten brächen zusammen, was Wassereinbruch, was Stromausfall, was Feuersbrünste, und das hochspezialisierte Konstrukt – im Nu sei es dahin, vergangen, vergessen, vorüber, brüllendes Gelächter, nein, er lerne nicht aus, nein, im Leben nicht, lärmendes Johlen, gellende Pfiffe, Spottgesänge, der Homo sapiens finde sich zurückgeworfen auf seine alltäglichen pragmatischen Abläufe, unkompliziert, handhabbar, keine selbstfahrenden Autos, nein, keine künstlichen Intelligenzen, keine Tickets für die Fernreise zum Mars, nichts davon, Alexa habe schwupp die Sprache verloren, aus, vorbei, Steinzeit, umblättern, kein ChatGPT, nirgends, und der Mensch stehe, traurige Gestalt, Heulen und Zähneklappern, inmitten der kläglichen Überbleibsel seiner eben noch triumphalistisch gefeierten Technologien, wer zum Teufel habe ihm bloß all diesen Unsinn eingeredet, und sei vollauf damit beschäftigt, das nackte Überleben zu sichern.

| WOLF SENFF

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Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman reichte ihm einen Löffel Sahne und nahm sich einen Marmorkeks; seitdem die Preise für Vanille in unerschwingliche Höhen gestiegen waren, waren die Vanillekipferl, die er früher so gern gegessen hatte, nicht länger im Handel erhältlich.

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