/

Der vierte Streich des Rentnerclubs

Roman | Richard Osman: Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt

Sie sind gerade auf Entzug, denn ein ganzes Jahr lang haben sie ohne Mord leben müssen. Da geschieht es endlich wieder: Ein Antiquitätenhändler musste ins Gras beißen. Mit fast 80 Lebensjahren trotzdem kein würdiger Abschluss für Kuldesh Sharma. Aber ein guter Grund, um den Donnerstagsmordclub zum vierten Mal in ein gefährliches Abenteuer zu stürzen. Und natürlich sind sie alle vier – Joyce, die Ex-Spionin, Elisabeth, die so gern Schriftstellerin wäre, der »Rote Ron« und Psychiater Ibrahim – wieder dabei. Denn ohne das Quartett aus der Seniorensiedlung Coopers Chase wäre die Südostküste des Vereinigten Königreichs ein kriminelles Sodom und Gomorrha. Von DIETMAR JACOBSEN

Er sieht »den Schuss aufblitzen, doch bevor der Knall ihn erreicht, ist er schon tot«: Antiquitätenhändler Kuldesh Sharma hat von der Nacht vom 27. auf den 28. Dezember mit Sicherheit nicht gedacht, dass es seine letzte sein würde. Zumal er seit dem Morgen auf ein geheimnisvolles Kästchen aufpassen soll, von dem er glaubt, dass es ihm die Zeit auf Erden nicht nur verlängern, sondern auch verschönern könnte.

Doch nun hat sich diese Hoffnung als Irrtum erwiesen. Und schon wird es unruhig im Südosten Englands, wo in der Seniorenresidenz Coopers Chase vier rüstige Rentner nur darauf warten, dass ihr Donnerstagsmordclub wieder etwas zu tun bekommt.

Das Mordclubfieber

Spätestens seitdem der Autor, Produzent und Fernsehmoderator Richard Osman (Jahrgang 1970), der ein bisschen aussieht wie ein zu groß geratener Hercule Poirot mit Brille, im Jahr 2020 sein Ermittlerquartett erfand, hat das Mordclubfieber die englische Kriminalliteratur (und nicht nur die) gepackt. Nun wandeln sie überall im Land auf Agatha Christies Spuren und nehmen sich all jener Rätsel an, vor denen die Polizei kapituliert. Es gibt einen Sommer- und einen Wintermordclub, einen in Shaftesbury und einen, der auf einer Yacht tagt.

Lady Hardcastle und ihre Zofe Florence übernehmen genauso die Aufgaben der überforderten staatlichen Ordnungshüter wie Mrs. Potts samt zweier alter Freundinnen. Cosy, Cosy everywhere! Doch das ebenso taffe wie originelle Quartett aus Coopers Chase, welches Englands »Author of the Year« des Jahrgangs 2021vor drei Jahren ins Rennen schickte, hat sich inzwischen an die Spitze der Bewegung gesetzt und mit seinem vierten Fall unter dem Titel Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt sollte es von dort auch nur schwer zu verdrängen sein.

Um Heroin im Wert von hunderttausend britischen Pfund scheint es diesmal auf den ersten Blick zu gehen. Und dass die, die solches ins Land schmuggeln, und jene, die es dann unter die Leute bringen, keinen Spaß verstehen, dürfte eigentlich bekannt sein. Allein der Antiquitätenhändler Kuldesh Sharma, bei dem der Stoff für eine Nacht zwischengelagert wird, glaubt trotzdem sofort an seine große Chance. Doch ein paar Stunden später ist er tot und rund um Brighton beginnt es, unruhig zu werden.

Südenglands Dealer, Betrüger, Ganoven und Teufel der schlimmsten Sorte – alle kriechen sie aus ihren Löchern. Und selbst die dank des Donnerstagsmordclubs im Gefängnis sitzende und seit Neuestem von Ibrahim psychotherapeutisch betreute Kokain-Dealerin Connie Johnson schmiedet in der Abgeschiedenheit ihrer Zelle Zukunftspläne. Aber wo ist der heißbegehrte Stoff abgeblieben?

Vier Pensionäre warten auf ihren Mörder

Mit dieser Frage beschäftigen sich von Stund an Gangsterbosse wie Mitch Maxwell oder Luca Buttaci, die um ihren Ruf und, nebenbei bemerkt, auch um ihr (Über-)Leben fürchten müssen, Polizisten wie Donna de Freitas und Chris Hudson, denen mit Jill Regan von der National Crime Agency NCA plötzlich eine Frau vor die Nase gesetzt wird, die sich nur ungern in die Karten schauen lässt, aber auch Kuldesh Sharmas Konkurrentin in der Antiquitätenhändlerszene, Samantha Barnes, und der kanadische Hühne Garth, ihr Mann und vor keiner Brutalität zurückschreckender Kompagnon.

Einige aus diesem Personenkreis werden das Ende des vierten Romans um den Donnerstagsmordclub nicht mehr erleben. Denn natürlich haben wieder Elizabeth und Joyce, Ron und Ibrahim die besten Karten in einem Spiel, in dem es, wie sich plötzlich herausstellt, um mehr geht als nur um das Heroin in seinem kleinen, unauffälligen Kästchen. Mit dessen Hilfe vier unerschrockene Pensionäre schließlich eine Falle aufbauen, die entweder sie das Leben oder den Mörder von Kuldesh Sharma die Freiheit kosten wird.

Der nächste Donnerstag kommt bestimmt

Mit Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt gelingt es Richard Osman bereits zum vierten Mal, seinen Leserinnen und Lesern eine gelungene Synthese aus Joke and Crime, kaltblütigen Morden und warmherzigen Charakteren zu präsentieren. Was gar nicht so selten passiert, wenn man es mit einer Serie übertreibt – für den Donnerstagsmordclub gilt das noch nicht. Im Gegenteil: Bis dato kann man die taffe Pensionärsriege noch ganz gut ertragen. Was vielleicht auch an dem Umfeld liegt, in dem sich Elizabeth, Joyce, Ron und Ibrahim bewegen und das von Richard Osman mit dem nötigen Augenmaß von Band zu Band ein wenig erweitert wird.

Auch für ernste und in Krimikost mit dominierender heiterer Note eigentlich unübliche Themen hat Richard Osman seine Romanreihe geöffnet. So geht es in Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt auch um Demenz und Sterbehilfe. Mit Elizabeths Mann Stephen verliert die Serie eine ihrer sympathischsten Figuren. Mit Mervyn Collins gewinnt sie auf der anderen Seite einen zwar leichtgläubigen, aber durchaus über Clubpotenzial verfügenden Mann hinzu, dem man freilich erst einmal aus einer Klemme heraushelfen muss. Aber wozu sind Freunde sonst da, als Gefahren zu erkennen, die der Einzelne übersieht, und ihnen gemeinsam ins Auge zu sehen. So ist am Ende wieder (fast) alles gut. Und der nächste Donnerstag kann kommen.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Richard Osman: Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt
Aus dem Englischen von Sabine Roth
Berlin: List Verlag 2023
432 Seiten. 17,99 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Mehr zu Richard Osman in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Für die einen ist es Müll, für die anderen sind es Schätze

Nächster Artikel

Auf geht’s!

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Unter falscher Flagge

Roman | Horst Eckert: Im Namen der Lüge
Den Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Veih kennen die Leser hierzulande bereits aus drei Romanen Horst Eckerts. Nun, in Im Namen der Lüge, tritt mit Melia Khalid eine junge Frau an dessen Seite, die mit ihrem Team für den Staatsschutz in NRW die linke Szene beobachtet. Als ein scheinbar von der RAF lanciertes Papier darauf hindeutet, dass in naher Zukunft mit Anschlägen einer neuen linksautonomen Stadtguerilla zu rechnen ist, wird Melia aktiv. Aber übersieht sie dabei nicht, dass die Gefahr, die vom anderen Rand des politischen Spektrums ausgeht, noch viel größer ist? Und kann sie sich mit dem Mordermittler Veih zusammentun, obwohl es am Anfang zwischen ihnen alles andere als reibungslos zu laufen scheint und der Mann, was den Inlandsgeheimdienst betrifft, seit seinem letzten Fall mit dem Jenaer NSU-Trio ein gebranntes Kind ist? Von DIETMAR JACOBSEN

Mit Schirm, Charme und dem kaiserlichen Geheimdienst

Roman | Matthias Wittekindt und Rainer Wittkamp: Fabrik der Schatten

Als die Polizei nach der Kollision eines Güterzuges mit einem Pkw nahe der Stadt Bingen am Rhein feststellt, dass der Fahrer des Autos nach dem Unfall mit vier Schüssen geradezu hingerichtet wurde, mischt sich sofort der militärische Nachrichtendienst des Großen Generalstabs aus Berlin in die Angelegenheit ein. Man schreibt das Jahr 1910 und die militärische Elite des Kaiserreiches ist fest davon überzeugt, dass ein Krieg in der Luft liegt. Deshalb wittert man überall Spione und hat in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts alle Abteilungen, die sich mit der Strategie zukünftiger Siege sowie der Spionageabwehr beschäftigen, massiv aufgestockt. Das hat auch Major Albert Craemer, einst bei der Kriminalpolizei tätig, zu einem neuen Job verholfen. Als Leiter der Frankreich-Abteilung des Geheimdienstes, die von dem Zwischenfall in Bingen besonders betroffen ist, weil die Insassen des Pkw offensichtlich Franzosen waren, begibt er sich gemeinsam mit seiner jungen Mitarbeiterin Lena Vogel sofort vor Ort. Von DIETMAR JACOBSEN

Am unteren Ende der Fahnenstange

Film | Im TV: TATORT – 903 Kopfgeld (NDR), 9. März Na toll. Wir kennen keine Kompromisse. »Du hast drei meiner Leute getötet. Und meinen Bruder zum Krüppel geschossen.« – »Hinsetzen. Klappe halten … Schnauze. [Kommissar stößt den Kopf des Vorredners mehrfach brutal auf die Tischplatte.] Ich wollte das nur klarstellen … Ist nichts passiert, er ist nur hingefallen.« Das ist der allerneueste O-Ton beim TATORT, kein Erbarmen mit nix, Steinzeit relaunched. Von WOLF SENFF

Zwei feine Herren unter sich

Roman | Martin Suter: Allmen und Herr Weynfeldt

Zum siebten Mal seit 2011 lässt Martin Suter in Allmen und Herr Weynfeldt seinen kultivierten Kunstdetektiv Johann Friedrich von Allmen nach verschwundenen Werken suchen. Diesmal ist es ein umstrittener Picasso, der über Nacht aus dem Besitz des renommierten Kenners Adrian Weynfeldt verschwunden ist. Und ob das Bild mit dem schönen Titel Baigneuses au ballon 4 nun ein echter Picasso ist oder nicht – irgendjemand scheint zu glauben, damit das große Geschäft machen zu können. Von DIETMAR JACOBSEN

Das Geld wird knapp, man sieht’s mit Bedauern

Film | Im TV: Tatort 900 – Zirkuskind (SWR), 16. Februar »Phönizische Kunst, ungefähr fünftes bis drittes Jahrhundert vor Christi. Wenn die Funde aus dieser Epoche stammen und so gut erhalten sind, reden wir wohl über mehrere Hunderttausend Euro.« Weshalb werden eigentlich für steinalte, halb zerdepperte Gegenstände dermaßen hohe Beträge hingeblättert? Bestimmt hat jemand, weil Denken oft hilft, mal darüber nachgedacht. Von WOLF SENFF