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Bigfoot und die Opioide

Roman | Lee Child: Der Bluthund

Wenn auf einen Verlass ist, dann auf Jack Reacher. Auch als der im Schaufenster eines Pfandleihers in einer kleinen Stadt in Wisconsin – wie fast immer hat es Lee Childs Held zufällig in diese Gegend verschlagen – auf einen Abschlussring der Militärakademie West Point stößt, interessiert er sich sofort für das Schicksal der Frau, der das auffällig kleine Stück offensichtlich einst gehörte. Auf mehr als die eingravierten Initialen S.R.S. und das Jahr 2005 stößt er allerdings zunächst nicht. Aber weder der Pfandleiher noch die Person, von welcher der den Ring bekommen haben will, kommen Reacher sonderlich koscher vor. Und so nimmt das 22. Abenteuer des Mannes ohne festen Wohnsitz in einer Pfandleihe seinen Anfang. Von DIETMAR JACOBSEN

Der Bluthund von Lee Child
Er hinterlässt schon einen furchterregenden Eindruck. Als Jack Reacher die Spur eines Abschlussrings der Militärakademie West Point, den er in einer kleinen Pfandleihe irgendwo in Wisconsin entdeckt hat, aufnimmt, um das Schmuckstück seiner ursprünglichen Besitzerin zurückzubringen, wird er fortan immer als »Bigfoot« angekündigt, einmal sogar verbunden mit der Bemerkung: »Man könnte ihn in einen Zoo stecken.« Dabei weiß jeder Lee-Child-Leser seit mehr als zwei Jahrzehnten: Eigentlich ist der durchtrainierte Fast-2-Meter-Mann mit den Schaufelhänden niemand, der Konfrontationen sucht.

Er gerät nur immer wieder in die Lage, sich entweder verteidigen zu müssen oder anderen, denen gerade ein Unrecht widerfährt, beizustehen. Wenn das freilich geschieht, dann kann Lee Childs Held – auch wenn er seinen Gegnern vorher in der Regel noch eine letzte Warnung zukommen lässt – unbarmherzig sein.

Ein Ring und seine Geschichte

Zum Glück muss er das in seinem 22. Abenteuer, dem mit Der Bluthund ein eher geschmackloser deutscher Titel verpasst wurde, nicht allzu oft. Vielleicht trägt dazu auch die Gesellschaft bei, in der er sich, kurz nachdem er die Spur der Ringbesitzerin aufgenommen hat, wiederfindet. Denn die geheimnisvolle West-Point-Absolventin besitzt eine bildschöne Zwillingsschwester – und die wiederum hat einen Detektiv engagiert, der für sie dasselbe für Geld tun soll, was Reacher ganz umsonst tut, um seine Neugier zu befriedigen und weil er ahnt, das hinter dem Verschwinden der Elite-Soldatin eine tragische Geschichte steckt. Dass aus der Ferne auch noch ein West-Point-General, ein DEA-Agent und eine engagierte Provinzpolizistin Unterstützung leisten, sorgt nicht nur gelegentlich für einen etwas reacheruntypischen Humor – der dem Roman aber gut zu Gesicht steht –, sondern hilft auch dem Trio an der Front.

Das sieht sich auf seiner Suche nach Serena Rose Sanderson, wie die Irak- und Afghanistan-Veteranin mit vollem Namen heißt, in immer unwegsamere Gebiete des dünn besiedelten Wyoming unweit der Provinzstadt Casper eindringen. Inzwischen ahnen die sie Suchenden auch, warum sich die Ex-Soldatin weit weg von jeglicher menschlichen Zivilisation in einem einsamen Tal verkrochen hat. Offensichtlich wurde sie bei ihrem letzten Afghanistaneinsatz so schwer verwundet, dass sie ohne Opioide nicht mehr zu leben vermag und letzten Endes sogar den von Childs Helden gefundenen Ring veräußern musste, um die Leute bezahlen zu können, die sie illegal mit Schmerzmitteln beliefern.

Illegale Schmerzmittel

Es ist ein Riesenmarkt mit als Schmerzpflaster und -pillen getarnten Rauschmitteln, auf den Reacher und seine Reisegenossen bei ihrer Suche stoßen – so gut organisiert wie schnell nervös werdend, wenn Leute wie der Ex-Militärpolizist ihre Nase zu tief in die Angelegenheit eines über das ganze Land sich ausbreitenden illegalen Handelsnetzes stecken. Eines Netzes, das Milliarden umsetzt und seinen Kunden dabei immer das Gefühl gibt, dass sie keine an der Nadel hängenden Junkies sind, sondern durchschnittliche Mittelklasse-Bürger, die lediglich etwas für ihr Wohlbefinden tun. Dass diese Menschen längst ebenso süchtig sind wie die von ihnen mit Verachtung gestraften haltlosen Gestalten in den dunklen Seitenstraßen, weisen sie weit von sich. Und doch: Hinter den Medikamenten mit den unverdächtigen Namen verbergen sich dieselben, alles andere als harmlosen Substanzen. Und natürlich bringen sie denselben Tod, wenn man es mit ihnen übertreibt.

Kein Wunder also, dass man Reacher Killer hinterherschickt. Mischt sich hier doch einer in ein Geschäft ein, dass inzwischen längst nicht mehr nur von geldgierigen Ärzten und profitorientierten Pharmafirmen betrieben wird, sondern vor allem von hierarchisch strukturierten kriminellen Banden mit besten Verbindungen zu Kreisen von Wirtschaft, Politik und Militär. Ein Geschäft, das immer ruinöser wird für diejenigen, die abhängig geworden sind von den Schmerzfreiheit und Glück auf Zeit versprechenden Mittelchen, Menschen wie jener Frau, deren Schicksal Lee Childs Helden, einmal damit konfrontiert, nicht mehr loslässt.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Lee Child: Der Bluthund
Ein Jack-Reacher-Roman
Deutsch von Wulf Bergner
München: Blanvalet 2020
447 Seiten. 22.- Euro
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Reinschauen
| Leseprobe
| Dietmar Jacobsen über Lee Child in TITEL kulturmagazin 

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