Intellektuell betreutes Wohnen

Kurzprosa | Sigrid Nunez: Sempre Susan

Die Schriftstellerin Susan Sontag (1933-2004) war in den USA eine ungemein populäre, allerdings auch von vielen kritischen Attacken begleitete Intellektuelle. Die promovierte Philosophin, die 2003 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, hat es als scharfsinnige Essayistin zu internationaler Anerkennung gebracht. Sie selbst sah sich aber lieber als Romanautorin und fühlte sich in dieser Haltung bestätigt, als sie für ihren letzten Roman In Amerika (dt. 2002 bei Hanser) den National Book Award erhielt. Nun ist ein kleiner, aber ungemein gehaltvoller Band der amerikanischen Schriftstellerin Sigrid Nunez erschienen, der über ihre Begegnung, über ihr kurzzeitiges Zusammenleben und die gemeinsame Arbeit mit Susan Sontag berichtet. Die Erinnerungen an Susan Sontag hat PETER MOHR gelesen

Nunez (Jahrgang 1951) war erst vor einem knappen Jahr im deutschen Sprachraum durch ihren feinsinnigen, auf mehreren Ebenen changierenden Roman Der Freund bekannt geworden.

1976 hatte Nunez die damals schon berühmte Autorin Susan Sontag kennengelernt, die gerade eine Brustkrebsoperation überstanden hatte. Sie sollte bei der Bewältigung der Korrespondenz helfen und lernte bei ihrer Arbeit – quasi en passant – Susan Sontags Sohn David Rieff kennen und lieben.

Über einen kurzen Zeitraum teilten sie eine mit Büchern vollgestopfte, ziemlich marode Wohnung am Riverside Drive in New York: zwei Frauen, dazwischen der Sohn und Geliebte. Eine Konstellation, die nicht funktionieren konnte und auch nur wenige Monate hielt und die Nunez als »intellektuell betreutes Wohnen« beschreibt.

Sigrid Nunez‘ schmaler Text bietet eine reizvolle künstlerische Melange aus Erinnerungen, Monografie, Essay und Fiktion. Es ist eine stille Hommage an eine große, bewundernswerte Denkerin, von der die Autorin unendlich viel gelernt hat. Dennoch spart sie nicht mit kritischen Tönen – etwa, wenn es um das Binnenverhältnis in der schwierigen Dreierbeziehung geht, um Sontags chronische Unpünktlichkeit, ihre Neigung zur Egozentrik, ihre Stimmungsschwankungen (»es umgab sie eine Aura des Scheiterns wie Trauerkleidung eine Witwe«) und manche Marotten.

Susan Sontag verachtete Frauen, die Handtaschen trugen und bemühte sich selbst, möglichst unkonventionell zu leben und das auch als eine Art anti-bürgerliches »Markenzeichen« zu transportieren. Dosensuppen und jede Menge Bücher prägten ihren Alltag. Konsum war ihr verhasst. »Auf dem Fernseher lag eine Zange – um den Kanal zu wechseln, da der Knopf dafür abgebrochen war.«

Sigrid Nunez beschreibt, dass sie als junge Frau von Mitte zwanzig einst zwischen Bewunderung und Skepsis schwankte, selber eher schüchtern gewesen sei und sich stets zurückgezogen hat, wenn prominenter Besuch wie Nobelpreisträger Joseph Brodsky oder Regisseur Mike Nichols bei Susan Sontag auflief. Sie erzählt trotz der (beinahe intimen) Nähe zum »Stoff« in einem wohltuend unaufgeregten, bisweilen sogar kühl-distanziert wirkenden Ton.

Sempre Susan ist ein aufrichtiges, empathisches Büchlein über die Begegnung zweier intellektueller Frauen, das den Leser mit seinem seltsamen Charme des Disparaten gefangennimmt.

| PETER MOHR

Titelangaben
Sigrid Nunez: Sempre Susan
Erinnerungen an Susan Sontag
Aus dem Amerikanischen von Annette Grube
Berlin: Aufbau 2020
141 Seiten. 18.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe
| Ingeborg Jaiser über Sigrid Nunez in TITEL kulturmagazin

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Die Geschichte von einer verflixt mutigen Gans

Nächster Artikel

Bigfoot und die Opioide

Weitere Artikel der Kategorie »Kurzprosa«

Grönland

TITEL | Textfeld: Wolf Senff: Grönland

Sie reden vom Klimawandel, sagte Farb, und schwadronieren von seinen angeblich positiven Seiten.

Die USA haben die Insel käuflich erwerben wollen.

Ein schlechter Witz, spottete Farb, in welchen Zeiten leben wir.

Es gab sogar wiederholte Angebote.

Sie firmiert als größte Insel des Planeten, Tilman, ist zu achtzig Prozent mit einem Eisschild bedeckt, schmale Küstenstreifen sind besiedelt, doch die Temperaturen steigen und Eis schmilzt, Bodenschätze werden vermutet, seltene Erden, jeder sucht seltene Erden, da herrscht kein Mangel an Investoren.

Desillusioniert, nicht verbittert

Kurzprosa | Helga Schütz: Die Kirschendiebin Helga Schütz, die Anfang Oktober ihren 80. Geburtstag feierte, hat sich seit Jahr und Tag als poetische Dokumentaristin des ostdeutschen Alltags einen Namen gemacht. Äußerst subtil hat sie in ihren Romanen (angefangen mit ›In Annas Namen‹, 1986) darüber hinaus ihre eigene Biografie eingeflochten. An dieser bewährten Konzeption hat die in Niederschlesien geborene und später in der DDR lebende Autorin auch in ihrem aktuellen Erzählwerk ›Die Kirschendiebin‹ festgehalten. Von PETER MOHR

Ferne III

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Ferne III

Seltsam, sagte Sut, sei, sich gegen Zukunft abzugrenzen.

Bildoon verstand das Problem nicht. Ein Problem? Jedenfalls klang es danach. Und überhaupt, wie kam Sut dazu, sich gegen die Zukunft abzugrenzen – das war starker Tobak, auf diesen Gedanken mußte jemand erst einmal kommen. Bildoon wurde neugierig.

LaBelle sah eine Sternschnuppe aufblitzen.

Eldin legte einen Scheit Holz ins Feuer.

Die Flammen schlugen hoch.

Kyudo-Texte

Textfeld | Wolf Senff: Kyudo-Texte. Eine Affaire der Schülcke Tesch fühlte sich im Dojo an das Museum erinnert, das er mit der Schülcke besucht hatte, auch dieses nach japanischem Vorbild entworfen. Ach! eine ausgefallene Idee, zwei Tage nach Zürich zu reisen.

Hitze

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Hitze

Wie schön!

Die Dinge bewegen sich, Annika, sie nehmen Fahrt auf.

Das kann man so sehen.

Die Glut bricht durch die Oberfläche, die verkrusteten Verhältnisse werden aufgeweicht.

Ein Lebenszeichen.

Herrlich, sagte Farb, man möchte meinen, der Planet wache auf.

Oder einfach nur, daß er sich in seiner Ruhe gestört fühle.

Farb lachte. Wut und Ärger als Beweggrund, mag sein, jedenfalls reagiere er höchst lebendig, er sei erzürnt, wer könne ihm das verübeln.