Wenn Obama die Monopoly-Spieler bedient

Comic | P.Jorion / G.Maklés: Das Überleben der Spezies

»Der Kapitalismus und seine Kritik sind doch recht trockene und abstrakte Angelegenheiten – und daher auch nahezu unverständlich.« Falsch! Der Comic ›Das Überleben der Spezies. Eine kritische, aber nicht ganz hoffnungslose Betrachtung des Kapitalismus‹, des Wirtschaftskolumnisten Paul Jorion und dem Zeichner Gregory Maklés beweist gekonnt das Gegenteil. PHILIP J. DINGELDEY hat sich den Sachcomic angesehen.

Cover-Das-Ueberleben-der-Spezies-Paul-Jorion-Gregory-MaklesBei dem handelt es sich um eine beißende Satire, in der einem bei manch grotesken Stellen auch das Lachen im Halse stecken bleibt. Denn seinem Credo folgend, dass die Ökonomie zu ernst sei, um sie nur den Ökonomen zu überlassen, bietet Jorion mit seinem Comic eine humorvolle und kritische Einführung in den Kapitalismus.

Das Buch ist in drei Kapitel plus Prolog und Epilog untergliedert. Der Prolog dient dazu, grundlegende Probleme des Kapitalismus aufzuwerfen, wie Wirtschafts- und Finanzkrisen, ökologische Krisen etc. Im ersten Kapitel wird erklärt, wie Überschuss im Kapital besteht, wie Kapitalisten und Arbeitgeber den einfachen Arbeitnehmer ausbeuten, der unfähig erscheint, Widerstand zu leisten, während Finanzfirmen das Geld für sich arbeiten lassen und bei Problemen auch noch staatliche Unterstützung erhalten (Stichwort: »too big to fail«). Zwar wird schon hier stark simplifiziert, aber dafür wird der Kapitalismus, als Herrschaft des Stärkeren, per se als repressiv gebrandmarkt.

Erstaunlicherweise gelingt Jorion hier ein außergewöhnlicher Dreh, nämlich selbst bei solchen absurden und erschreckenden Szenerien Humor zu integrieren, indem er etwa Arbeitgeber und Kapitalist fast den Sexualakt vollziehen lässt oder einen linken Journalisten skizziert, der Dividenden sozialisieren will. Der Humor ist dabei ganz unterschiedlich: Er laviert umher zwischen der Geldverteilung, dargestellt als Monopoly, über etwas platte Formulierungen bis hin zu einem harten Zynismus, der die volle Scheinheiligkeit vieler ökonomischer Akteure aufdeckt.

Im zweiten Teil erklärt der Kapitalist seinem Sohn, was man mit dem Überschuss macht. Auch hier werden ausbeuterische Investitionen gezeigt, Börsenspekulationen werden als Pferdewetten klassifiziert. Das Ganze wird erklärt von Mister X., einem sozialdarwinistischen Börsenmakler mit Maske, der bewusst zur eigenen Bereicherung und voller Ehrlichkeit Leute betrügt. Theorien wie die Selbstregelung des Marktes durch Angebot und Nachfrage werden auch widerlegt und als reine Strategie der Kapitalisten deklariert.

Ausbeutung, Unterdrückung und Gehirnwäsche

In diesem Kapitel ist alles mit dabei: Die Abwertung des Arbeitnehmers als nichtmenschliches Pferd, Wirtschaftskrisen, platzende Blasen, das Diktat der Wirtschaft auf die repräsentative Demokratie der USA, die Beschränkung der Pressefreiheit etc. Und als besonderes Highlight erkennt der Sohn in einem stark verfremdeten Moment – denn zuvor wurde er als naiv und dumm charakterisiert – die Unterdrückung von Menschen durch Menschen, die eigentlich einer gemeinsamen Spezies angehörten, woraufhin er mit einer multimedialen Gehirnwäsche im »Psychiatrischen Institut Sankt Hayek« malträtiert wird. Der letzte Teil schließt das Ganze mit einem krassen Bruch, nämlich kapitalistischen Albträumen der Französischen Revolution, die sowohl das Feudalsystem abschafften als auch ihre Feinde massenhaft köpften.

Leseprobe Abb: Egmont-Verlag
Leseprobe
Abb: Egmont-Verlag
Der Humor von Jorion wäre aber nichts ohne die grandiosen Zeichnungen von Maklés: Der Arbeitnehmer, gleichgesetzt mit 99 Prozent der Bevölkerung (wie es auch die gleichnamige Bewegung für sich behauptet), wird etwa als Legofigur dargestellt, die ein reines Plastikspielzeug ist, das keine Chance hat, den Planeten zu retten. Der Kapitalist ähnelt stark dem Monopoly-Männchen, der Arbeitgeber ist ein Militär, der freie Markt ein blutiges, nur an der Effizienz interessiertes Pferderennen und US-Präsident Barack Obama sowie seine innenpolitischen Kontrahenten fungieren lediglich als Putzfrau und Bedienung der Kapitalisten.

Mal sind Maklés in schwarz, weiß und grün gehaltene Zeichnungen grobschlächtig, meistens aber doch recht detailliert, surreal und unterstützen wirkungsvoll die fast schon episch-dramatischen Verfremdungseffekte der Geschichte. Gerade diese Zeichnungen, gepaart mit der ironischen bis zynischen Offenheit der Protagonisten, bringen den Leser zum Nachdenken und zum Hinterfragen. Das Ergebnis wäre dem Comic zufolge automatisch, den Kapitalismus vom ethischen Aspekt der sozialen Gerechtigkeit her als inakzeptabel abzukanzeln.

Dabei sind Jorion und Maklés keine kommunistischen Revolutionäre. Sie nehmen sich zwar allerlei Anleihen diverser kapitalismuskritischer Theorien, vom Marxismus bis zur Crouch´schen Postdemokratie, aber lehnen doch die Folgen einer Revolution ab. So stimmt der Untertitel dieses sehr empfehlenswerten Comics immerhin partiell: Diese Darstellung des Kapitalismus stimmt einen nämlich extrem hoffnungslos, nur verarbeiten sie dies mit gekonntem Humor. Ebenso wird der Kapitalismus aus einer eher egalitären Perspektive absolut kritisiert und eigentlich kein gutes Haar an ihm gelassen. Es besteht für Jorion und Maklés lediglich die Hoffnung, dass die Menschen durch solche Bücher wie ihres aus ihrem kapitalistischen Albtraum aufwachen – eine anspruchsvolle Intention.

| PHILIP J. DINGELDEY

Titelangaben
Paul Jorion (Text), Gregory Maklés (Zeichnungen): Das Überleben der Spezies
Eine kritische, aber nicht ganz hoffnungslose Betrachtung des Kapitalismus.
Aus dem Französischen von Marcel le Comte
Köln: Egmont Graphic Novel 2014
120 Seiten, 24,99 Euro

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