Ist ja alles so schön bunt hier

Bühne | ›Peer Gynt‹ von Henrik Ibsen in der Inszenierung von David Bösch im Residenztheater München

Theatereffekt, Theatereffekt, Theatereffekt und turbulente Komik mitten im Wald. ›Peer Gynt‹ von Henrik Ibsen in der Inszenierung von David Bösch im Residenztheater München – TINA KAROLINA STAUNER war dabei.

Foto: © Thomas Dashuber
Foto: © Thomas Dashuber
Der Wald ist im Theater von Martin Kušej als Szenerie offenbar sehr beliebt. Beim ›Weibsteufel‹, einem Drama von Karl Schönherr aus dem Jahr 1914, mit Kušej selber als Regisseur ist der dunkle Wald noch ein perfekter Raum für eine perfekte Inszenierung. Der düstere Wald für Norwegens Trollwelt und Peer Gynts Egotripp ist für Henrik Ibsens ›Peer Gynt‹ diesmal nur noch ein Raum, der für allerlei Schnickschnack Platz hat. Für ein Lichterkettenzelt, ein rotes, aufblasbares Plastikherz, ein Feuerwerk, einen funkelnden Sternenhimmel.

Shenja Lacher als Peer Gynt spiel sich dort taumelnd, aber höchst sicher, geschickt und versiert von Szene zu Szene und durch ein Stück, das durch und durch dem Mainstream gehört. Ich bin in Peer Gynt gegangen, weil er so ziemlich die erste Bühnenfigur war, die mir als Jugendliche begegnete und ich jetzt einfach wieder einmal mit diesem Stoff konfrontiert sein wollte. Eine Schallplattenaufnahme der Peer-Gynt-Suiten Edvard Griegs war es freilich, die ich damals anziehend fand. Ein Peer Gynt, der nun mit allerlei Popmusikstücken, Klimbim und bunten Requisiten als Egozentriker, ruheloser Geist und sogenannter »Kaiser der Selbstsucht« durchs Schauspiel klamaukt, und zwar für den Theaterkommerz, das ist dann meine Sache nicht so sehr.

Dem Stück wurde im Mittelteil von Bühnenbildner Falko Herold vorübergehend außer dem Wald eine aufwendige Diaprojektion und eine Wüstenszenerie, Bebilderung eines Traums, verpasst und es bebildert von einer Art Märchenszenerie zu Märchenszenerie in zwei Stunden die Geschichte des scheiternden Peer Gynt. Er, ein überbehütetes Muttersöhnchen, das der Realität zu entfliehen versucht unterwegs auf Abenteuern durch die ganze Welt. Dabei an Trolle und Dämonen geratend, Ingrid entführend, Solvejg liebend und verlassend sowie in die unmöglichsten Situationen kommend. Und zwar in der Inszenierung des End-20ers David Bösch voll und total unterhaltsam und sehr gekonnt beinahe für jeden etwas. Alt und arm vergleicht Peer Gynt seine Seele gegen Schluss schließlich mit einer Zwiebel, die lauter Hüllen hat, aber keinen Kern. Macht nichts. Ist ja alles so schön bunt hier.

Peer Gynt Foto © Thomas Dashuber
Foto © Thomas Dashuber
Henrik Ibsen hatte ›Peer Gynt‹ innerhalb kurzer Zeit während einer Italienreise verfasst, doch freilich inspiriert duch Mythen und Märchen der Heimat und die Feenmärchen von Peter Christen Asbjørnsen. ›Peer Gynt‹, eigentlich ein dramatisches Gedicht aus dem Jahr 1867, ist als Kritik des romantischen Nationalismus zu verstehen. In der inszenierung von David Bösch ist der Lebensweg eines Träumers und Spinners und Außenseiters für’s Mainstreampublikum zu schriller, skurriler Unterhaltung geworden.

›Peer Gynt‹ ist eigentlich eine Außenseitergeschichte, die den Blick auf ein aufgerissenes Inneres zeigen soll: »Mein Buch ist Poesie: Und ist es keine, dann soll es Poesie werden. Der Begriff der Poesie wird sich schon dem Buche anpassen. Es gibt nichts Stabiles in der Welt der Begriffe«, hatte Ibsen zum Erscheinen des Stücks postuliert. Und der Wiener Bernhard Moshammer, der für die Musik zur Inszenierung im Residenztheater verantwortlich ist, hat den Song ›Boats and Birds‹ von Gregory And The Hawk mit im musikalischen Kontext. In den Lyrics von ›Boats And Birds‹ heißt es: »…if you’ll be my boat /I’ll be your sea / a depth of pure blue just to probe curiosity /ebbing and flowing / and pushed by a breeze/ I live to make you free / I live to make you free …« Je weiter Peer Gynt reist, desto unwirklicher werden jedenfalls die Situationen. Schön, dass Solvejg ihn dann doch noch retten kann.
[Dieser Text ist eine überarbeitet Version der Veröffentlichung in kultura-extra]

| TINA KAROLINA STAUNER

Titelangaben
›Peer Gynt‹ von Henrik Ibsen in der Inszenierung von David Bösch
Residenztheater München

Fotos
| © Thomas Dashuber 2014

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