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Unaufhaltsam

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Unaufhaltsam

Und gesetzt den Fall, es nähme ein Ende mit dieser Zivilisation, ausweglos, wir säßen mittendrin und sähen zu, wie die Bastionen einbrächen, Risse knirschten im Gefüge, die tragenden Pfeiler stünden unter Wasser, sie wankten, was, Tilman, was wäre zu tun.

Farb tat sich eine Pflaumenschnitte auf.

Tilman griff zu einem Marmorkeks, er hatte Marmorkekse gekauft anstatt der Kipferl, die ihm im Geschmack zu fade geworden waren, seitdem die Preise für Vanille so schamlos angezogen hatten.

Sicher, sagte er, das Geschehen ließe sich anfangs komplett leugnen, es gebe keine klimatische Veränderung, könnte man behaupten und wäre fürs erste aus dem Schneider, auch früher seien Flüsse über die Ufer getreten, seien Wälder in Flammen aufgegangen, aber je schärfer die Anzeichen der Katastrophe zutage träten, desto fragwürdiger werde diese Haltung, außerdem sei, Nichtstun zum zweiten, immer auch möglich, Hoffnung auf eine rettende technologische Innovation zu setzen, der menschliche Erfindungsgeist habe sich stets als hilfreich erwiesen, doch das laufe auf dasselbe hinaus, viele Worte und man unternähme nichts.

Annika lächelte und blätterte in ihrem Reisemagazin.

Farb nickte, nicht ganz, sagte er, denn man schwadroniere bereits über gigantische Spiegel im All, Aerosole am Himmel oder riesige CO2-Filtermaschinen, also auf weitgehende technologische Eingriffe in die natürlichen Abläufe, und erfahrungsgemäß werden von unstillbarem Ehrgeiz und Tatendrang getriebene Ingenieure sich mancherorts durchsetzen, und erfahrungsgemäß werden sie massiven Schaden anrichten.

Farb lehnte sich zurück, atmete durch und tat sich einen Löffel Schlagsahne auf.

Das Fundament sei erschüttert, sagte er, die tragenden Pfeiler schwanken, und wieder andere, defätistisch, sähen gar keinen Ausweg, keine Rettung, aus, vorbei, und nähmen sich vor, an ihrer guten Laune eisern festzuhalten, komme was da wolle, den Abschied festlich zu begehen, eine letzte große Party, planetarisch, der Vergangenheit in einem ausschweifenden Ambiente ihren Dank zu erweisen, abschiednehmend ein letztes Mal zu feiern, das Desaster in vollen Zügen zu genießen, und wer nur aufmerksam hinsehe, werde feststellen, auch das sei längst im Gange, Sport werde auf allen Kanälen völkerverbindend inszeniert, Hurtigruten, Aida Kreuzfahrten, der Mensch feiere sich selbst, hatten wir nicht schöne Zeiten, jeder Weg hat mal ein Ende, Elvis werde für neue Auftritte digital revitalisiert, Paralympics, medial erstickende Angebote, Toooor!, Balltreter allüberall, ein Sommermärchen, kulturelles Welterbe, was ihr wollt, anrührende Naturfilmserien.

Selbst Annika mußte lachen.

Das treffe jedoch vor allem auf die herrschende Kultur der Industriegesellschaft, sagte Farb, und dort zumeist auf die wohlhabenden Schichten, die im Dunkeln sieht man nicht, aß ein Stück von seiner Pflaumenschnitte und tat sich einen zweiten Löffel Sahne auf. Die herkömmliche Ordnung, fügte er hinzu, sei im Begriff, sich aufzulösen.

Niemand, stellte Annika fest, gebe Antwort auf die Frage, was denn zu tun sei.

Tilman räusperte sich. Der Mensch, spottete er, laufe vorzugsweise davon, er mache sich aus dem Staub, rette sich wer kann, aus gefährdeten Regionen werde er evakuiert.

Und, wiederholte Annika, was sei zu tun.

Den Naturgewalten könne der Mensch nur begrenzt widerstehen, schon gar nicht könne er sie beherrschen, sagte Farb, und es gebe keine allgemein gültigen Rezepte, oft könne er mit seinen bescheidenen Mitteln schwerwiegende Schäden verhindern, Deiche und Sandsäcke gegen Hochwasser, Feuerwehreinsätze gegen Brände, er könne vorbeugend warnen, bei Hochwasser könne er alte Flußarme nutzen, in die das Wasser ausweiche, er könne Wasser aus Talsperren kontrolliert ablaufen lassen, es gebe durchaus Möglichkeiten, mit den Unbilden und den Launen der Natur umzugehen, sagte er, nur gegen die Extremwetterlagen, die mit der klimatischen Veränderung einhergingen, sei er machtlos – der heftige Kälteeinbruch in Schweden, und die vereisten Straßen, spiegelglatt, sind nicht befahrbar, dazu Stromausfall –, und er verursache sie weiterhin selbst, indem er die natürlichen Lebensbedingungen ignoriere, indem er die Natur verletze, und es sei absehbar, daß die Schäden irreparabel seien und eine Eigendynamik entwickelt hätten, die er längst nicht mehr beeinflussen könne.

Annika schenkte Tee nach, Yin Zhen.

Also man könne nichts tun, sagte sie.

Ungemütlich, sagte Farb.

Darauf werde es hinauslaufen, sagte Tilman, und es sei anzunehmen, daß auch die gegenwärtig massiven geopolitischen Umwälzungen und die verrohenden sozialen Strukturen ein Reflex der klimatischen Veränderung seien.

| WOLF SENFF

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