Es waren einmal zwei Schwestern …

Kinderbuch | Sid Sharp: Moor Myrte und das Zaubergarn

So können Märchen beginnen und so beginnt diese Geschichte, die man durchaus in die Kategorie einordnen kann. Und natürlich ist die eine die Gute und die andere die Böse. Wer jetzt denkt: alles klar, brauche ich nicht auch noch, hat die Rechnung ohne Sid Sharp gemacht, findet ANDREA WANNER.

Ein Mädchen im roten Mantel wandert durch eine bergige Landschaft und wird von einem großen frauenähnlichen Wesen beobachtetBeatrice ist die eine der beiden Schwestern. Ein bisschen mollig, aber immer gut gelaunt und zu allen freundlich und nett. Ganz im Gegensatz zu ihrer Magnolia, einer mürrischen Bohnenstange, die Beatrice rumscheucht und wie ihre Dienstbotin behandelt. Die beiden sind unglaublich arm, ernähren in ihrem zugigen, baufälligen Haus am Stadtrand von Ratten und Kakerlaken, und Beatrice kommt damit ganz gut klar. Sie ist mit der großen Spinnenfamilie im Haus befreundet, singt, malt bastelt …

Magnolia dagegen hat an allem etwas auszusetzen. Und als es sie friert, ist es klar, dass Beatrice sich um eine Lösung kümmert. Ihr Vorschlag, im Wald etwas Schönes zu suchen und in der Stadt zu verkaufen, erntet nur Hohngelächter. Jeder wisse doch, dass man aus dem Wald nicht mitnehmen dürfe, weil einen sonst die alte Frau aus dem Moor in eine Fliege verwandeln und fressen würde. Aber das hält Beatrice nicht auf. Ihr Unterfangen hat Erfolg, wenn auch anders als erwartet. Jedenfalls kehrt sie mit einem Zaubergarn zurück, dass ihr die Moor Myrte tatsächlich gegeben hat. Alles könnte gut sein, wenn Magnolia nicht so geldgierig wäre.

Sid Sharp kommt aus Kanada und wurde 2024 für das erste Buch ›Der Wolfspelz‹ in der Rubrik »Kinderbuch« für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2024 nominiert. Auch in dieser Geschichte nimmt sie wieder Märchenanleihen, die stark an Frau Holle erinnern. Aber was in dieser Mischung aus Bilderbuch und Graphic Novel daraus wird, ist schon wirklich außergewöhnlich. Klischeehaft werden die Rollen verteilt und die Charaktere gestaltet, mit so viel Witz und Charme, dass man einfach hingerissen ist.

Der achtsame Umgang von Beatrice mit allen anderen Lebewesen und der Natur sucht seinesgleichen und die kapitalistische Ausbeutungsmentalität von Magnolia kommt einem nur zu bekannt vor. Viele der Szenen haben einen schwarzen Hintergrund, der für eine gewisse Grundspannung sorgt und auf dem das Weiß und die Farben umso mehr leuchten. Unglaublich witzig sind die Spinnen als Akteurinnen, denen eine besondere Rolle zugewiesen wird und die irgendwann in den Streik treten.

Jedes einzelne Detail ist mit unglaublicher Sorgfalt gemalt, vom abbröckelnden Putz auf der Mauer über den sprießenden Farn bis zu den Spinnweben: man kann sich nicht sattsehen an den Kleinigkeiten, die Beatrice alle zu würdigen weiß. Und dass so viel Liebe zu allem am Ende belohnt werden muss, ist doch eigentlich klar in einem Märchen.

| ANDREA WANNER

Titelangaben
Sid Sharp: Moor Myrte und das Zaubergarn
(Bog Myrtle, 2024). Aus dem Englischen von Alexandra Rak
Zürich: NordSüd 2025
152 Seiten, 22,00 Euro
Kinderbuch ab 8 Jahren
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