Was wäre die Welt ohne Farbe

Sachbuch | Patrick Baty: Die Farben der Natur

Fast 300 Seiten, über 700 farbige Illustrationen, Farben über Farben und das alles mit System und wissenschaftlichem Hintergrund: Dieses Buch führt ein in eine Welt der »unglaublichen Farbenvielfalt der Natur.« Und in die Anfänge der Farbbestimmung. Das lässt jedes Alltagsgrau schnell vergessen, meint BARBARA WEGMANN

Farben der NaturApropos »grau«: sie erinnern sich sicher an das »lebhafte Mausgrau«? Na? Richtig, Loriot, Herr Winkelmann, der auch davon überzeugen möchte, dass Menschen mit einer Sitzgruppe in bestimmter Farbe eher zum Suizid neigen als andere Menschen … ob das je wissenschaftlich untersucht wurde? Wohl eher nicht. Dennoch macht er mit der Aufzählung verschiedener Grautöne klar: Grau ist noch längst nicht gleich Grau.

Dieses wunderbare und geradezu edle Buch ist ein Farben-Bestimmungsbuch, es setzt Farbtöne in Beziehung zu Tieren, Pflanzen und Mineralien. Vorreiter bei dieser Strukturierung war der Geologe und Mineraloge Abraham Gottlob Werner. Er setzte 54 Farbtöne einst in Beziehung zu Mineralien. Das war 1774 und das Farbspektrum umfasste 54 Farbtöne. Das System wurde später erweitert, das Farbspektrum wuchs, die Vielfalt wurde beeindruckend. Patrick Syme, ein schottischer Pflanzenmaler nahm zu den Mineralien nun auch Tiere und Pflanzen hinzu. 1821 waren es dann bereits 110 Farbtöne. »Symes Beitrag zur Systematisierung von Farben bestand indes nicht allein im Zusammentragen von über hundert Farbbezeichnungen aus verschiedenen Quellen. Sein Verdienst ist es auch und vor allem, aus einem Lehrmittel für Maler und einige wenige Fachleute ein echtes Arbeitsinstrument für Naturforscher aller Sparten gemacht zu haben.«

Auf diesem Werk basiert dieses im wahrsten Sinne des Wortes farbintensive Buch, spannend wird es zudem mit der Erkenntnis, in wie vielen Bereichen eine »Nomenklatur der Farben« Bedeutung hat. Ob es Mode, die Lebensmittelfarben, die Gartenarchitektur, die Arbeit von Pflanzenzüchter betrifft, die »Produktion von Tarnstoffen«, die Pilzkunde oder Philatelie, überall sind Farbbestimmungen gefragt. Auch in der Medizin, 1841 zum Beispiel in einem Werk über die Farbveränderungen der Iris. Farbbestimmung über die Beziehung zu Tieren, Pflanzen und Mineralien also nicht nur irgendein ein Hobby? Keineswegs. »Mit seiner Nomenklatur der Farben hat Syme der Naturforschung nichts weniger als einen universellen Schlüssel zum Reich der Farben an die Hand gegeben.«

Wie oft steht man im Baumarkt, renovierungswillig, hat zig Farbmuster in der Hand und weiß nicht, was man nehmen soll, geschweige denn, wie es später einmal an der großen Wand wirklich aussehen wird. An diese Situation denke ich automatisch bei der Auflistung von zum Beispiel Weißtönen: Schneeweiß. Rotweiß, Violettweiß, Gelbweiß, Orangeweiß, Grünweiß, Milchweiß oder Grauweiß. Zu jeder Schattierung werden aus Tier-, Pflanzen- und Mineralienwelt die entsprechenden Farben angegeben: Schneeweiß findet seine Bestimmung in der Tierwelt im Brustgefieder der Lachmöwe, in der Pflanzenwelt beim Schneeglöckchen und bei den Mineralien im Carraramarmor. Ultramarinblau ist die Flügeloberseite des Kleinen Wiesenvögelchens, die Borretschblüte und der Lapislazuli.

Wie wichtig diese Verbindungen der Farbtöne zur Natur waren, wird vor dem Hintergrund der technischen Möglichkeiten damaliger Zeiten klar: Eine breitere Nutzung allgemeiner Farbstandards ergab sich »erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als mit der technischen Entwicklung synthetischer Farbstoffe und verbesserter Druckverfahren die Voraussetzungen für eine größere Verbreitung identischer Farbmuster gegeben waren.« Die Anhaltspunkte wie eine Farbe sich darstellt in der Natur zu bestimmen, war also auch den technischen Noch-nicht-Möglichkeiten geschuldet.
An Wortschöpfungen und Farbadjektiven ist das Buch eine wahre Fundgrube. Alle einzelnen Farbtöne werden aus den jeweils drei Bereichen mit zeitgenössischen Illustrationen belegt und veranschaulicht. Die Fülle all dieser Informationen und Illustrationen führt bei »nur« 288 Seiten stellenweise zu etwas schwer lesbaren Texten, umso übersichtlicher ist die Gliederung des Buches und umso spannender die eingeschobenen Essays aus der Entstehung, Geschichte und Bedeutung der Farbennomenklatur.

Ein sehr beeindruckendes Buch, das letztlich ganz allgemein den Wert der Farben in und für unser Leben verdeutlicht. Erinnern sie sich noch an den August 1967, als auf der Deutschen Funkausstellung für ARD, ZDF und das dritte Programm das Farbfernsehen startete?

| BARBARA WEGMANN

Titelangaben
Patrick Baty: Die Farben der Natur
Über 100 Farbtöne aus der Welt der Tiere, Pflanzen und Mineralien
Köln: DuMONT Verlag 2021
288 Seiten, 49 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Mit den Steinen sprechen

Nächster Artikel

Walfang

Neu in »Sachbuch«

Irgendwo und überall in Deutschland

Gesellschaft | Christiane Fritsche: Ausgeplündert, zurückerstattet und entschädigt / Christiane Fritsche: »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus« Lange vor dem Massenmord an den europäischen Juden setzten die Nationalsozialisten ein anderes Programm in die Tat um: die Verdrängung der deutschen Juden aus dem Wirtschaftsleben. Was das im Einzelnen für Geschädigte wie für die vielen Nutznießer bedeutete, können nur Lokalstudien belegen. Die beiden von Christiane Fritsche erarbeiteten Bücher zur Arisierung in Mannheim sind hervorragende Beispiele dafür. Von PETER BLASTENBREI PDF erstellen

Neue Demokratie

Gesellschaft | Simon Tormey: Vom Ende der repräsentativen Politik Der Australier wird allgemein geschätzt ob seiner unbekümmerten Gradlinigkeit und für seinen gesunden Pragmatismus, während wir dem Deutschen nachsagen, dass er bevorzugt grüble. Simon Tormey lehrt an der Universität Sydney, der Titel seiner Publikation hat einen grüblerischen Unterton. Von WOLF SENFF PDF erstellen

Wendepunkte

Gesellschaft | Dan Diner: Rituelle Distanz. Israels deutsche Frage Lange bevor die Bundesrepublik Deutschland und Israel 1965 diplomatische Beziehungen aufnahmen, öffnete das Luxemburger Abkommen von 1952 den Weg zu einer behutsamen Annäherung beider Staaten. Die Ereignisse sind längst ausführlich historisch beleuchtet worden, nicht wenige der Protagonisten haben ihre Erinnerungen veröffentlicht. Dan Diner, 1999-2014 Direktor der Simon-Dubnow-Institut für jüdische Geschichte in Leipzig, interessieren in ›Rituelle Distanz‹ allerdings gerade nicht die bekannten diplomatischen, politischen und wirtschaftlichen Aspekte. Von PETER BLASTENBREI PDF erstellen

Nur ein wenig mehr über Star Wars

Sachbuch | Andreas Rauscher: Star Wars. 100 Seiten

Im Jahr 2020 weiß man, dass es sich bei Darth Vader um Luke Skywalkers Vater handelt, und genauso weiß man, dass einhundert Seiten für die Erschließung des Star-Wars-Universums zu wenig sind. Andreas Rauscher hat es dennoch versucht. Er hat für die Reclam-Reihe ›100 Seiten‹ die Star-Wars-Saga in genau dieser Seitenzahl dargestellt. BASTIAN BUCHTALECK stellt die spannende Frage, wie gut Rauscher mit dem begrenzten Umfang für ein fast schon grenzenloses Universum zurechtkommt.

Rund um den Globus: immaterielles Weltkulturerbe

Kulturbuch | Tradition und Brauchtum

»Was verbindet die Kulturen der Länder, die so unterschiedlich sind wie ihre ideellen Werte und geografischen Strukturen?« Es ist, so schreibt es der bemerkenswerte Bildband, jene Suche nach Identität, die Weitergabe von Bräuchen, Traditionen, das, was Menschen, die Gesellschaft ausmacht, ihre Zugehörigkeit. Auch all dies, und das macht das großartige Buch so spannend, ist nach UNESCO-Übereinkommen auch Weltkulturerbe, immaterielles Weltkulturerbe. Viele Beispiele rund um den Globus zeigt das Buch, eine ganz spezielle Weltreise. BARBARA WEGMANN