Experimente

Sachbuch | Philip Ball: Experimente

Schon seit Jahrtausenden fragen sich die Menschen – wenn es ihnen die Religion nicht gerade verbietet – warum alles so funktioniert, wie es funktioniert, was also hinter den Phänomenen der Natur steckt. Von MARTIN GEISER

Eine physikalische VersuchsanordnungDas Buch ›Experimente – Versuch und Irrtum in der Wissenschaft‹ ist eine Geschichte über die menschliche Neugier und das Bedürfnis, die Welt und das Leben zu verstehen. Experimente betreibt die Menschheit schon seit Ur-Zeiten. Noch zentraler sind sie geworden mit dem Aufkommen der Wissenschaft. Diese ist ohne Experimente nicht denkbar.

Das Buch beleuchtet 60 Experimente (und Experimentreihen) und fasst diese thematisch in sechs Kapitel. Vom technisch recht einfachen Versuchen mit Licht und Prismen von Isaac Newton reicht das Spektrum der Experimente bis zu den wissenschaftlichen Mega-Projekten, wie die des Teilchenbeschleunigers LHC am CERN. Auch thematisch spannt das Buch einen grossen Bogen: Physik und Chemie sind ebenso präsent wie Genetik und das menschliche Verhalten.

Innerhalb der Kapitel sind die Experimente chronologisch geordnet. Zudem beschreibt der Autor in fünf »Intermezzi« das Wesen des Experiments. Die Beiträge sind sehr kurzweilig geschrieben und voller spannender Fakten. Leider sind nicht alle Experimente so beschrieben, dass man sie als Laie nachvollziehen kann. Hier wären vielleicht zusätzliche erklärende Grafiken sinnvoll gewesen.

Offenbar ist es aber gar nicht die Absicht des Autors, naturwissenschaftliche Phänomene zu erklären wie in einem Lehrbuch. Vielmehr erzählt Philip Ball die Geschichte der Experimente, der Menschen dahinter und ordnet beides in den historischen Kontext ein. Dies gelingt dem Autor zweifellos sehr gut, auch dank zahlreichen historischen Abbildungen und Fotografien.

Neben dem eigentlichen Haupttext sind informative Kurzbiografien der beteiligten Forscher eingefügt. Meist sind es tatsächlich Männer, doch Ball vergisst die Frauen nicht. Er würdigt sie und ihre Beiträge an die Wissenschaft angemessen – dies im Gegensatz zu vielen, der mit diesen Forscherinnen arbeitenden Männern, die oft den ganzen Ruhm für sich beanspruchten.

Zwar liesse sich das Buch durchaus als Nachschlagewerk für einzelne Experimente nutzen, aber es lässt sich auch von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen. Denn ›Experimente‹ ist mehr als die Summe seiner einzelnen Beiträge. Aus den zahlreichen beschriebenen Experimenten ergibt sich auch eine Art Gesamtbild.

Mit diesem gelingt es dem Autor, zu zeigen, was Wissenschaft ausmacht, wie sie funktioniert. Sie besteht, so zeigt Ball, nicht nur aus strahlenden Erfolgen und revolutionären Durchbrüchen. Nicht jedes Experiment gelingt im ersten Anlauf. Technisches Geschick, Neugier und Geduld sind oft mehr gefragt als sturer Ehrgeiz.

So ist es faszinierend zu sehen, wie die Menschheit Schritt für Schritt zum Wissensstand von heute gelangt ist. Beim Lesen wird bewusst, dass Dinge, die für uns heute selbstverständlich sind, unseren Vorfahren noch höchst rätselhaft erschienen. Und so macht Experimente, selbst wenn es in die Vergangenheit blickt, auch neugierig auf den wissenschaftlichen Fortschritt und damit auf all die Resultate von Experimenten der Zukunft.

Charles Darwin
An einigen Stellen in ›Experimente‹ wird (selbstverständlich) Bezug auf Darwins bahnbrechende Theorie genommen. Doch das Buch reduziert den Forscher Darwin nicht bloss auf seine bekanntesten Werke (allen voran ›Die Entstehung der Arten‹). Philip Ball zeigt uns auch den Regenwurm-Forscher Darwin, der akribisch genau die »Arbeit« und das Verhalten der unscheinbaren Tiere beobachtet und ausgeklügelte Experimente mit ihnen durchführt. Absolut lesenswert und wohl einer der Höhepunkte des Buchs.

| MARTIN GEISER

Titelangaben
Philip Ball: Experimente
Versuch und Irrtum in der Wissenschaft
Englisches Original: Beautiful Experiments – An Illustrated History of Experimental Science
Bern: Haupt Verlag 2024
240 Seiten, 38 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Auf der Suche nach einem Football-Star

Nächster Artikel

Tatendrang

Weitere Artikel der Kategorie »Sachbuch«

Sie wissen weder ein noch aus

Gesellschaft | Peter & Sabine Ansari: Unglück auf Rezept Für den Außenstehenden ist die Lektüre erschütternd. Man wird das Buch mehrfach beiseitelegen und einen Tag abwarten, bevor man es wieder aufschlägt. Zum Glück gibt es ein Kapitel ›Alternative Behandlungsmöglichkeiten‹. Von WOLF SENFF

Small Talk der Selbstgefälligen

Kulturbuch | Francois Garde, Das Lachen der Wale. Eine ozeanische Reise Spurensuche, ja, das ist bekannt, das ist ein kriminalistisches Verfahren auf der Suche nach einem Täter. Ins Allgemeine erweitert bezeichnet es eine Methode, Erkenntnisse zu gewinnen. Spontan drängen sich da die ›Stolpersteine‹ in den Sinn, das mittlerweile europäische Kunstprojekt, das, die Spuren von Opfern des Nationalsozialismus sichernd, uns gleichsam stolpernd auf deren Spuren bringt, damit wir nicht nur nicht vergessen, sondern uns Erinnerung aneignen und daraus für die Zukunft lernen. Von WOLF SENFF

Kreativität pur

Sachbuch | John Whelan: Ateliers und Werkstätten

Wer kennt das nicht, man ist im Urlaub, bereist Länder und möchte sich etwas Schönes als Andenken mitnehmen, aber eben nicht aus dem Angebot der vorwiegend chinesischen Massenware, sondern etwas mit Geschichte, mit Herkunft, mit Einzigartigkeit. Eben etwas ganz Besonderes. Dieser prachtvolle Bildband öffnet Türen für viele Ideen und Eindrücke, meint BARBARA WEGMANN

Victoria, Victoria!

Gesellschaft | Antje Schrupp: Vote For Victoria! Preisfrage: Von wem stammt diese Aussage? »Während andere meines Geschlechts zu zeigen versuchen, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, warum Frauen in sozialer und politischer Hinsicht als dem Mann untergeordnet behandelt werden sollten, habe ich unerschrocken die Arena der Politik und der Wirtschaft betreten und die Rechte ausgeübt, die ich bereits besaß. Deshalb kündige ich hiermit meine Kandidatur für die Präsidentschaft an.« Die für viele überraschende Antwort (nicht nur darauf) hatte Antje Schrupp schon 2002 in ihrer Dissertation gegeben, jetzt erscheint sie neu, pünktlich zum aktuellen Wahlkampf, als mitreißender Galopp durch ein Stück

Tatort Haut

Kulturbuch | G. Burg/M. Geiges: Rundum Haut

Die Haut ist mit einer Gesamtfläche von rund zwei Quadratmetern und einem Gewicht von zehn Kilogramm das größte Organ des Menschen. Dass sie nicht nur eine bloße Hülle darstellt, sondern als »Leinwand des Lebens« auch der Psyche Ausdruck verleiht, zeigen gängige Redewendungen wie »Aus der Haut fahren«, »Sich in seiner Haut nicht wohlfühlen« oder »Das geht mir unter die Haut«. Von INGEBORG JAISER.