/

Sechs Worte und eine Jahreszahl

Kulturbuch | Helmut Lethen: Der Schatten des Fotografen

Gibt es eine Wirklichkeit hinter Bildern? Die Sehnsucht nach dem unvermittelten Blick ist so alt wie die Menschheit selbst. In seinem heute mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2014 ausgezeichneten Werk* Der Schatten des Fotografen geht Helmut Lethen der Frage auf einem Streifzug durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts und unserer Gegenwart nach. Die Suche nach Realität. Von EVA HENTER-BESTING

Helmut Lethen: Der Schatten des Fotografen

Am Eingang des Buches steht die Schilderung einer Kunstperformance von Marina Abramovic – und Marina Abramovic steht nackt im Eingang der Galleria Communale d’Arte Moderna in Bologna. Nur wenige Zentimeter entfernt und ebenso unbekleidet gibt Lebensgefährte Ulay das männliche Pendant. Sie bilden ein Spalier für die Besucher der Ausstellung. Der Zutritt ist nur durch den Spalt zwischen den Körpern möglich – eine befremdliche Situation, die jeder anders empfindet. Auf der anderen Seite erwartet aber alle das Gleiche: zwei Bildschirme, die mit leichter Zeitverzögerung das Ein- und Auftauchen der Passanten zeigt. Die Last des Schamgefühls ist weg, dafür zieht das Bewusstsein ein, etwas verpasst zu haben. Berührungen finden nur noch in der Einbildung statt. Die »Verhaltenslehre der Kälte« als Happening, allerdings ohne Carl Schmitt und Walter Benjamin.

Der Hunger nach Empirie

Helmut Lethen bekennt sich zum »Hunger nach Empirie« der 80er Jahre. Einst war er Redakteur einer linken Kulturzeitschrift, später Mitglied einer maoistischen Partei. Heute ist er Kulturwissenschaftler und als solcher gegenüber dem vermeintlich Evidenten skeptischer denn je. Der Schatten des Fotografen ist ein Essay über sein Umdenken.

Die Theorie, die »wie ein Pfeil trifft«, wenn klar wird, dass ein realer Körper vor der Kamera stand, von dem zwar Lichtpartikel ausgestrahlt und chemisch gespeichert wurden, der aber selbst für immer abwesend bleibt, nennt sich »punctum« und stammt von Roland Barthes. Sein Werk Die helle Kammer und Siegfried Kracauers Theorie des Films interessierten den materialistischen Lethen zu Beginn der 80er plötzlich mehr als Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Doch auf der Suche nach dem Durchdringen der Realität trifft er schließlich immer wieder auf die »Hinterwelt der Zusammenhänge«, der er zu entfliehen verhoffte. Anhand ausgewählter Beispiele, die Lethen persönlich berührt haben, schildert er die für ihn zweifelsfreie Existenz des »punctum« – etwa in Alains Resnais Nacht und Nebel oder in den Fotos der zweiten Wehrmachtsausstellung im Jahr 2001.

Eine Schule des Sehens

Hier gelangt er auch zu der Erkenntnis, dass Bilder nicht für sich sprechen können. Erst im Kontext von Wissen taugen sie als historische Beweismittel. Fotografien geben die Wirklichkeit nicht wieder, so sein impliziertes Resümee. Sie sind Produkt physikalischer Prozesse, einer Apparatelogik und der Intention des Produzenten. Wie sehr Aufnahmen in die Irre leiten können, zeigt das Titelbild des Buches. Eine Flusslandschaft im sonnigen Tageslicht, eine Frau watet dem Ufer zu, rafft den Saum ihres Rockes ein wenig in die Höhe. Es zeugt von Ruhe und Idylle. – Das Bild stammt aus dem Jahr 1942. Deutsche Landser haben das Foto aufgenommen. Die Frau fungiert als lebender Detektor, die Soldaten vermuteten Minen im See. »Die Minenprobe. Vom Donez zum Don 1942«, lautet die Schrift auf der Rückseite. »Sechs Worte und eine Jahreszahl zerreißen die Stille«.

Die Bildanalysen und Kritiken bilden die Höhepunkte des Buches; sie sind Übungen der Präzision. Der Schatten des Fotografen kommt ohne starke Eingangsthese aus und funktioniert auch ohne strittige Argumentation. Als Bildungsroman konzipiert, beschreibt und verweist Helmut Lethen auf den Wahrheitsgehalt hinter den Fotografien und entwirft nebenbei eine »Schule des Sehens«. Allerdings bietet er keine systematische Untersuchung, wie anfänglich vermutet, sondern eine intellektuelle Biographie, die er mit Anekdoten und prägenden Einflüssen seines Wissenschaftlerlebens anreichert. Oft anregend, oft anstrengend ist das theorieintensive Buch – und eine Offerte zum Mitdenken.

| EVA HENTER-BESTING

Titelangaben
Helmut Lethen: Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit
Berlin: Rowohlt Berlin 2014
272 Seiten. 19,95 Euro
* Nach der Preisverleihung aktualisiert, alle Nominierungen beim Preis der Leipziger Buchmesse 2014.

1 Comment

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Bis auf die Haut geschorene Schafe

Nächster Artikel

Krautschau und Trisodomie

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Bannerträger des Donaldismus

Kulturbuch | Patrick Bahners: Entenhausen. Die ganze Wahrheit Begründet wurde der Donaldismus im Jahr 1977 durch Hans von Storch als »Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus« – D.O.N.A.L.D. Der verständnislose Außenstehende vermutet darin eine Verschwörungstheorie, die mit allen erdenklichen Mitteln bemüht ist, eine Comicwelt in der Realität zu verwurzeln. Von WOLF SENFF

Indiana Jones und der IS

Kulturbuch | Günther Wessel: Das schmutzige Geschäft mit der Antike. Der globale Handel mit illegalen Kulturgütern Vor gut einem Jahr schreckte eine Meldung aus dem Nahen Osten die Öffentlichkeit auf: Der IS finanziert seinen Terror durch den Verkauf von geraubten antiken Kunstwerken ins Ausland. Günther Wessels zeigt in seinem Buch ›Das schmutzige Geschäft mit der Antike‹, dass das Problem sehr viel komplexer ist, als eine solche vereinzelte Nachricht glauben lässt. Von PETER BLASTENBREI

Jede Gesellschaft hat den Fußball, den sie verdient

Kulturbuch | Eduardo Galeano: Der Ball ist rund

Die Kulturkritik Galeanos und seine quasi journalistische Berichterstattung ausgesprochen narrativ daher. Schöne Geschichten um den Fußball, die schön sind, weil der Autor offenbar liebt, was er beschreibt. Von HOLGER SCHWAB

Das psychisch instabile Individuum

Kulturbuch | Arno Gruen: Wider den Terrorismus In seinem Essay über die Ursachen terroristischer Aktivitäten mahnt uns Arno Gruen, unsere Sensibilität nicht mit Schwäche zu verwechseln, im Gegenteil, es handle sich um eine zutiefst menschliche Regung. Ganz im Gegensatz dazu verberge sich hinter der Aufwallung von Omnipotenz die Lust am Untergang. »Es schmerzt uns, was in der Welt geschieht.« Von WOLF SENFF

Französische Küchengeheimnisse

Kulturbuch | Bill Buford: Dreck

Tja, was ist es: ein Kochbuch, ein Erlebnisbericht, eine Biographie, Eindrücke eines Abenteuers, vielleicht aber auch von allem etwas. Und eigentlich ist es auch egal, denn es macht ungeheuren Spaß, dieses Buch zu lesen, ob man Gourmet oder Gourmand ist, selbst gerne kocht oder sich lieber die Pizza bestellt. BARBARA WEGMANN ist dem Journalisten und von Leidenschaft getriebenen Koch auf 544 Seiten gefolgt.