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Bis auf die Haut geschorene Schafe

Theater | Oliver Bukowski: Ich habe Bryan Adams geschreddert – Deutsches Theater Göttingen

Ein Abend mit dem  Deutschen Theater. Da sag ich nicht nein. Pünktlich auf die Minute stand ich vor dem fein angeleuchteten Gebäude und drängte mich an der Schlange kartenkaufwilliger Menschen vorbei. Ein paar kleine Smalltalks am Pressestehtisch später hatte ich meine Karte und von mir aus konnte die Show losgehen. Von SVEN GERNAND

Foto: Müller
Foto von Thomas Müller
Die Idee des Stücks hört sich vielversprechend an: Bryan Adams schreddern. Super! Seit dem inflationär besungenen Sommer 69 steht das sicher auf dem Zettel so mancher Musikliebhaber mit eigenem Gartenschredder. Nicht dass ich Bryan gänzlich verabscheue. Aber ich fürchte mich vor dieser opossumartigen Totenstarre, die mich gelegentlich erfasst, wenn mein musiksensibles, zerebrales Nervensystem mit ihm konfrontiert wird.

Wie auch immer. Während ich dort stand, spürte ich, wie schließlich mein limbisches System wieder die Kontrolle übernahm. Ich kannte jetzt nur noch Angriff oder Flucht. Und letzteres erschien mir plötzlich in Anbetracht des fleischig grinsenden Kollegen neben mir am Pressestehtisch dann doch zu drastisch.

Also Angriff. Auf dem Weg in den Saal verlor ich gleich meinen Lieblingskugelschreiber. Oder einer dieser neureichen Fuzzis in Abendkleidung hatte ihn mir abgezogen. Argwöhnisch blickte ich mich um. Der Kollege mit dem Fleischgrinsen hatte mich derweil leicht keuchend eingeholt und holte zu einem speichelflockigen Satz in meine Richtung aus. »Ahh«, zischte ich, »ich weiß genau, was du vorhast!« Im Satze erstickt erstarrte sein Gesicht. Immer noch grummelnd suchte ich meinen Platz.

»Der war gut!«, prustete mein Sitznachbar und verfiel dabei in geiferndes Gelächter. Die junge Dame zu seiner Linken hatte vielleicht etwas witziges gesagt, schaute sich aber nun beschämt auf die pinkfarbenen Halbschuhe. Oha. Aber mein Platz war super, mittig, mittendrin. Ich zückte meinen Ersatzkuli mit der unauffälligen Sparkassenwerbung und wartete gespannt auf die dritte Glocke.

Das Bühnenbild: genial! Linear. Ebenförmig. Man kann sofort erahnen, wohin die Reise gehen würde. Cremefarbene, biedere Anstriche, mittelschichtig, ohne jeden Sinn für Humor. Das Stück entpuppt sich als Gartenparty. Äußerlich heterogene, aber genauso innerlich angepasste Arbeitskollegen irgendeiner Firma. Menschen also, die sich irgendwo zwischen ihren, in vielen Jahren im Büro gestorbenen Träumen und ihren, in noch viel mehr Jahren gewachsenen, alkoholgetränkten Depressionen treffen und fröhlich die Mittsommernacht feiern. Sektempfang, Plastikstühle, Girlanden, Papierlaternen, Buffettisch mit Häppchen und ein echtes Männergespräch über das obligatorische Notstromaggregat im Hobbykeller. What the Fuck?

Zu sehen sind Benjamin Krüger, Imme Beccard, Marie-Thérèse Fontheim, Andreas Daniel Müller, Marie-Kristien Heger, Michael Meichßner (Foto von Thomas Müller)
(Foto von Thomas Müller)
Das wirklich deftige an dem von Michael Kessler inszenierten Stück ereignet sich jedoch jenseits des Ersichtlichen. Die Wortsalven des gespielten Prekariats sind zu unproletarisch, zu prekär, rumoren in meinem Gehirn und setzen sich dort fest wie blütenweißer Kalkfraß. Oder wie Mantawitze. Die Szenerie ist zumeist nur unterlegt von unschuldigem und sommerabendlichen Vogelgezwitscher, friedlich, bieder, optisch unspektakulär und so treffen mich die gepfefferten Botschaften mitunter wie durch den Saal pfeifende Bleischrapnelle.

Die Protagonisten vertreiben sich währenddessen auf der Bühne die Zeit mit ihren Handys, tippend qwertzend, swipend. Die Stimmung wird dabei immer bedrückender, gerät jenseits der im Büro teuer erkämpften Gräben und Grenzen. Es ist nunmehr offensichtlich, dass sich dort langsam etwas hoch schaukelt. Es liegt was in der Luft, droht sich zu entladen, zu eskalieren. Ein soziales Gebilde aus Menschen, die sich kennen, aber nicht mögen, ist kurz davor zu implodieren und alle gleichsam unter sich zu begraben.

Gefühlt kommt das Stück daher, wie etwas, das man auf unangenehme Weise wiedererkennt. Wie dieser unsympathische und aufdringliche Typ, den man nur flüchtig kennt, sich aber auf einer Gartenparty ungefragt neben einen setzt und gnadenlos von sich zu erzählen beginnt. Eine Parodie auf eine durchschnittliche Mittelschicht und die desillusionierten Büroknechte, die sich werktags und ohne mit der Wimper zu zucken selbst zum bröckeligen Auswurf der modernen Dienstleistungsgesellschaft machen. Die treffende und in Wort gegossene Schablone von in Gleichschritt galoppierenden und bis auf die Haut geschorenen Schafen. Ein leichenblasses Lustspiel, das den Zuschauer tief in die Wüste menschlicher Abgründe führt, die Augen öffnet in Anbetracht all der versandeten Hoffnungen und Träume, die sich in den Hinterhöfen der Seelen unbefriedigt aufdünen und alles bringt, außer ein Happy End.

Zu sehen sind Luan Seidel, Andreas Daniel Müller, Imme Beccard, Michael Meichßner, Marie-Kristien Heger, Benjamin Krüger, hinten: Marie-Thérèse Fontheim (Foto von Thomas Müller)
(Foto von Thomas Müller)
Erst jetzt fiel mir auf, dass die Sonne unterging. Also auf der Bühne als Lichteffekt. Spontan klatschte ich los. Unpassend. Fremde Blicke. Vorsichtig legte ich meine Hände wieder in den Schoß. Unter der untergehenden Bühnensonne schritt der Abend voran. Unaufhaltsam. Alkohol. Gespräche. Streit. Seelenstrip. Schranken fallen und Hemmungen werden hemmungslos abgestreift; ebenso ein Großteil der Kleidung. Und dann kam er auch irgendwann: Bryan! Gastgeber Frank drehte ungeachtet der zulässigen Zimmerlautstärke bei Gartenpartys den Ghettoblaster auf und heraus sprang Bryan. Nicht körperlich, rein akustisch. Bryan flutete den Saal, mischte sich dabei mit der katzenjammernden Karaokenummer von Frank und meinem innerlichen Aufschrei zu einem zähen Brei unverdaulicher Schmerzhaftigkeit. Schreddern!

Nun drängte sich meinem panischen Geist die alles umfangende Frage auf: Wohin? Ich schrie und zappelte, doch selbst ein von mir präferiertes, schweißdurchdränktes Aufwachen im eigenen Urin wollte nicht geschehen. Kein Ausweg, keine Chance. Gerade als ich innerlich sterbend aufgeben wollte, riss jemand die CD aus dem Ghettoblaster, schredderte sie zwar nicht, aber zertrampelte sie doch ausreichend heftig. Schämend erhob ich mich vom Saalboden und glitt wieder in meinen saalmittigen Sessel. Kann passieren.

Die Gartenparty erreicht irgendwann ihren Höhepunkt. Die entblößten Gäste, begießen sich mit Erdbeerbowle. So ganz verstehe ich nicht mehr, wo das nun hinführen wird. Der Gipfel ist überschritten. Beinahe stumm rutscht die Dramaturgie nun auf der anderen Seite wieder dem biederen Tal der Träume entgegen. Diesmal aber nicht cremefarben oder mittelschichtig, sondern innerlich simplifiziert und bis auf das Gerippe äußerlicher Merkmale abgenagt. Die Gartenparty hat sich selbst zerstört. Das langweilende, girlandenbehangene Element bürgerlicher Attitüde hatte sich kurz in ein zähnefletschendes Monster verwandelt und die vermeintliche Ordnung in einem Meer aus Chaos und Selbstausweidung ertränkt. Nun sitzen sie da. Angespülte Gestalten auf einem morgenfeuchten Rasen. Katerstimmung. Dicht bei dicht. Das Ende.

| SVEN GERNAND

Titelangaben
Oliver Bukowski: Ich habe Bryan Adams geschreddert
Deutsches Theater Göttingen
Uraufführung und Premiere: 22. Februar 2014
Inszenierung: Michael Kessler
Ausstattung: Ulrich Frommhold
Dramaturgie:Lutz Keßler

Weitere Aufführungstermine
12. März 2014, 19:45 Uhr
17. März 2014, 19:45 Uhr
26. März 2014, 20:30 Uhr
4. April 2014, 19:45 Uhr
8. April 2014, 19:45 Uhr

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