/

Auf der Suche nach einem Football-Star

Roman | Louisa Luna: Abgetaucht

Mehr als dreißig Jahre ist es inzwischen her, dass der populäre Footballspieler Zeb Williams mitten in einem Spiel auf und davon lief. Gerade sollte das letzte Viertel des Traditionsmatchs zwischen den Universitäten von Berkeley und Stanford vor mehr als 60.000 Zuschauern angepfiffen werden, als der zur Mannschaft von Berkeley gehörende Mann sich den Ball griff und aus dem Stadion sprintete. Seitdem wurde er nur noch einmal gesehen – von einem kurz nach dem Zwischenfall mit der Suche nach dem Sportidol beauftragten Detektiv in der Kleinstadt Ilona in Oregon. Und genau dort hofft Alice Vega, die Spezialistin im Aufspüren verschwundener oder entführter Personen, im Auftrag der Familie einer Ex-Freundin von Williams drei Jahrzehnte später auf Spuren des Vermissten zu stoßen. Und landet in einer von einer ultrarechten Hassgruppe terrorisierten Gegend, in der jeder Tag ihr letzter sein könnte. Von DIETMAR JACOBSEN

Alice Vega weiß genau, wie sie einen Fall wie den des nach seinem Verschwinden mitten aus einem wichtigen Football-Spiel heraus nur noch einmal nachweislich aufgetauchten Zeb Williams anzugehen hat. Sie muss als Erstes eine jener Personen ausfindig machen, die mit ihm in einem Coffee Shop der Kleinstadt Ilona/Oregon zusammengesessen haben. Ein Detektiv, der kurz nach dem Verschwinden des Sportstars auf den Fall angesetzt wurde, hat ihn dort aufgestöbert und Fotos geschossen. Aber das ist inzwischen mehr als dreißig Jahre her. Und weil sich Zebs Spur danach komplett verlor, ist der Auftrag, den Louisa Lunas Heldin von Anton Fohl erhalten hat, dem vermögenden Mann, der Zeb Williams damalige Freundin Carmen später geheiratet hat, kein leichter.

Ein Spielverderber ist verschwunden

Abgetaucht ist Louisa Lunas sechster Roman, der dritte und bisher letzte ihrer Alice-Vega-Reihe. Luna, 1977 in San Francisco geboren, lebt heute mit ihrer Familie in Brooklyn. Für ihre Serie mit der taffen Spezialistin im Auffinden verschwundener oder entführter Personen im Mittelpunkt erntete sie viel Lob von der englischsprachigen Kritik. Für Abgetaucht – im Original unter dem Titel Hideout 2022 erschienen – wurde die Autorin bei den Edgars 2023 mit dem Sue Grafton Memorial Award  für den besten Roman einer Serie mit einer weiblichen Hauptfigur ausgezeichnet. Auf Deutsch liegen bisher die Bände 2 und 3 der Reihe vor. Lunas erster Alice-Vega-Roman, Two Girls Down (2018), wartet noch auf seine Übersetzung.

Weil sich Lunas Heldin und der sie unterstützende Ex-Cop Max Caplan bei ihrem letzten gemeinsamen Abenteuer nähergekommen sind,  hätte Alice den inzwischen für eine Anwaltskanzlei mit weniger lebensgefährlichen Arbeiten beschäftigten Mann gern auch wieder bei ihrer aktuellen Suche dabei. Das ist freilich nicht so leicht. Hat ihn seine Unterstützung im Fall zweier getöteter mexikanischer Mädchen doch gleich mehrmals in Todesnähe gebracht. Zurückgeblieben ist ein veritables Trauma. Max schläft nicht mehr ohne seinen Revolver in Griffweite, hält sein Haus immer fest verschlossen und schaut sich mehrmals um, wenn er es verlassen muss. Ohne die Unterstützung seiner Tochter Nell, die selbst noch an den psychischen Folgen einer Entführung laboriert, wäre er wohl gänzlich verloren.

Weiße Suprematisten

Das alles bedeutet freilich nicht, dass sich Caplan keine Sorgen um Alice macht, als er erfährt, dass die bei ihrer Suche nach dem verschwundenen Footballstar in Ilona auf eine Gruppe junger Leute gestoßen ist, die sich »Liberty Boys« nennen und deren rechtsradikale Gesinnung Anlass zu mehr als nur Besorgnis gibt. Dass sie von Mitgliedern der brutalen Jugendgang nach ihrer ersten Begegnung in eine üble Falle gelockt und krankenhausreif geschlagen wurde, verschweigt sie dem Freund allerdings lieber. Denn sie hat sich fest vorgenommen, sobald wie möglich in das Städtchen, dessen eingeschüchterte Bewohner sich nicht gegen den Terror der Neonazi-Clique zu wehren wagen, zurückzukehren, um Rache zu nehmen.

Auf die Unterstützung der örtlichen Vertreter von Staatsmacht und Polizei in Ilona vertraut sie freilich nicht. Denn es sind just die Söhne jener Männer, die hier das Sagen haben, die den Ort terrorisieren. Also ist Alice ganz auf sich allein gestellt, wenn sie sich nach ihrer Rückkehr einen nach dem anderen die Mitglieder jener weißnationalistischen Gruppe und ihre sie steuernden Hintermänner vornimmt. Dass solcherart Racheaktionen bei Lunas taffer Heldin durchaus nicht gewaltfrei ablaufen, wissen die Leserinnen und Leser des Vorgängerbandes bereits. Aber was Alice selbst in der Konfrontation mit ihr feindlich Gesinnten zu ertragen bereit ist, sollen gefälligst auch die anderen zu spüren bekommen.

Alice schlägt zurück

Abgetaucht ist ein gut zu lesender, temporeicher und spannender Thriller mit einigen überraschenden Wendungen und einer gelungenen Auflösung des Vermisstenfalls Zeb Williams am Schluss. Er lebt von einer Heldin, die grundsympathisch ist, aber auch knallhart und ohne Skrupel reagieren kann, wenn es denn nötig erscheint. Man darf gespannt sein, wie die Geschichte zwischen Alice und Max weitergehen wird, sollte Louisa Luna die Reihe fortsetzen. Für Caplans Tochter Nell jedenfalls wäre Alice als neue Partnerin an der Seite ihres Vaters wohl alles andere als ein Problem.

Allein dass ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn die Detektivin bei ihren Fällen immer wieder in lebensbedrohliche Situationen bringt, hat bisher wohl verhindert, dass aus einer gemeinsamen Nacht der beiden Ermittler mehr geworden ist. Was freilich das ländliche Amerika abseits der großen Städte betrifft, jene Gegenden also, in denen Donald Trump die Mehrzahl seiner Anhänger rekrutiert hat und auch weiterhin rekrutiert, hat Louisa Lunas Roman keine aufmunternden Botschaften für seine Leserinnen und Leser. Aber wer hätte das auch schon erwartet?

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Louisa Luna: Abgetaucht
Aus dem amerikanischen Englisch von Karin Diemerling
Berlin: Suhrkamp Verlag 2024
457 Seiten. 18, 95 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Selbsterfüllende Prophezeiung

Nächster Artikel

Experimente

Weitere Artikel der Kategorie »Krimi«

Kommissar Daquin und die Büchse der Pandora

Roman | Dominique Manotti: Schwarzes Gold Nachdem zuletzt in der Ariadne-Reihe des Hamburger Argument Verlages vor allem ältere Bücher von Dominique Manotti erschienen sind, hat man mit Schwarzes Gold nun den jüngsten Roman der erst spät zum Schreiben gekommenen Wirtschaftshistorikerin auf Deutsch herausgebracht (Übersetzerin ist die im Verlag für Lektorat und Produktion verantwortliche Iris Konopik). Er besitzt alle Qualitäten, für die man seine Autorin seit dem Erscheinen ihrer Romane hierzulande rühmt, hat 2016 in Frankreich den Grand prix du roman noir gewonnen und präsentiert mit Théo Daquin eine Hauptfigur, die Manotti-Leser bereits kennen. Von DIETMAR JACOBSEN

Er ist zurück

Roman | Ian Rankin: Mädchengrab John Rebus ist wieder da. Zwar schafft es Ian Rankins in die Jahre gekommener Serienheld nicht wieder an seinen alten Arbeitsplatz – doch mitverantwortlich für die Aufklärung so genannter »cold cases« kann der unkonventionelle Rentner aus Edinburgh schnell beweisen, dass die neue Generation zwar fixer mit der Maus ist, Intuition und Einfühlungsgabe aber noch lange nicht ausgedient haben. Mädchengrab – gelesen von DIETMAR JACOBSEN

Auftritt: Die Ex vom BKA

Film | TV: Tatort Die Wahrheit stirbt zuerst (MDR), 16. Juni: Meine Güte – kann Katja Riemann toll eklige Weiber spielen! Und wie charmant Andreas Keppler ihre entzückende Visage beschreibt! Boshaft? Nicht doch! Auch an Eva Saalfeld teilt er aus, »ihr«, sagt er, »hängt die Müdigkeit wie Würmer aus den Augen!« Das ist nicht fein – nein, das gehört sich nicht. Wir lernen, wie Keppler mit den Mädels umspringt, das ist die halbe Miete. Von WOLF SENFF

Von anständigen Dieben und diebischen Ehrenmännern

Roman | Ross Thomas: Das Procane-Projekt / Zu hoch gepokert

Fünf Romane hat Ross Thomas (1926-1995) unter dem Pseudonym Oliver Bleeck geschrieben. In ihnen allen steht der Wiederbeschaffungsexperte Philip St. Ives, ein enddreißiger Ex-Reporter mit Dandy-Appeal, im Mittelpunkt. Das Procane-Projekt ist Nummer 3 und erschien im Original 1971 unter dem Titel The Procane Chronicle. Zu hoch gepokert folgte 1974 als vierter Fall für St. Ives unter dem Originaltitel The Highbinders. Um eine Chronik der besonderen Art geht es im ersten Roman. Um ein Schwert von historischer Bedeutung im zweiten. Einfach wird es für Thomas‘ Helden in keinem der beiden Fälle. Denn wo es um viel geht, wollen meist auch viele ein Stück vom Kuchen abhaben. Von DIETMAR JACOBSEN