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Tatendrang

TITEL-Textfeld | Wolf Senff: Tatendrang

Angesichts des Desasters, fragte Farb, was sei zu tun, und legte sich ein Stück von der Pflaumenschnitte auf.

Tilman ging zur Küche und holte die Schale mit Schlagsahne.

Annika schenkte sich Tee ein, Yin Zhen, sie hatten das Service mit dem Drachenmotiv aufgedeckt, Tilman hatte es, wie er sagte, von Beijing mitgebracht, wo er einen Halbmarathon auf der Großen Mauer gelaufen war, aber sie hatte es vor wenigen Tagen in einer Auslage eines Geschäfts in der City gesehen, rostrot.

Eine Freundin, sagte sie, reise in diverse Regionen des Planeten und drehe Tierdokumentationen, um durch das Fernsehen einen Eindruck von der Vielfalt des Lebendigen zu vermitteln, ein Requiem, abschiednehmend, denn die Vielfalt schwinde.

Farb tat sich einen Löffel Sahne auf, verteilte sie gleichmäßig über sein Stück Kuchen und strich sie sorgfältig glatt.

Wer als letzter gehe, schalte das Licht aus, spottete er, lächelte freundlich und aß ein Stück seiner Pflaumenschnitte, der Mensch möchte, sagte er, noch kauend, eine Erinnerung an das Leben bewahren, die Moderne präsentiere sich als eine Instanz, die maßgebliche Informationen speichere, das gesammelte Wissen der Menschheit, was solle man davon halten, sei das nicht alles Größenwahn.

Und ob es nicht darüber hinaus von totalitärer Denkweise zeuge, fragte Annika, und zwanghaft sei, sagte sie, sich seiner Vergangenheit zu vergewissern, indem er mittels seiner archäologischen Grabungen – die Totenruhe störend, die Gräber plündernd – antike Kulturen recycle, sie museal inszeniere und geschäftstüchtig arrangiere, allesamt liebevoll eingebettet in ein Weltkulturerbe, gerade so, als werde es kein morgen geben.

Tilman lächelte, rückte näher an den Couchtisch und suchte eine schmerzfreie Sitzhaltung einzunehmen.

Das sei der eine Teil, sagte er, und zwar daß sich wie von selbst ein gewaltiges Abschiedsfest anbahne, nie dagewesen, eine monströse Grablegung der eigenen Zivilisation, alles müsse heraus, bunt, dröhnend, triumphalistisch, mit Glanz und Gloria, Expeditionen zum Mars, der Mensch als Maß aller Dinge, die Krone der Schöpfung, wir waren Homo sapiens, bis über beide Ohren, und er habe kaum eine blasse Ahnung davon, was gefeiert werde, was gehe hier eigentlich vor.

Darin verberge sich, ergänzte Farb, eine überbordende Gier nach Leben, der finale Rausch, schaumschlagend, man möchte nochmal zwanzig sein, und wenn die Welt in Scherben fällt – im Bewußtsein des Untergangs werde noch die letzte Sekunde ausgekostet, der Homo sapiens schrecke vor nichts zurück, im Geoengineering – Solar Radiation Modification SRM – zelebriere sich seine Ingenieurskunst.

Annika blätterte in ihrem Reisemagazin.

Farb aß von seiner Pflaumenschnitte und überlegte, ob er dazu nicht lieber eine Tasse Kaffee tränke, genieße man Yin Zhen nicht sowieso besser ohne Pflaumenschnitte.

Manch einer, allem Augenschein trotzend, sagte Tilman, gehe unerschütterlich dem Alltag nach, zwar würden die Nachrichten täglich die verheerenden Spuren der Katastrophe verzeichnen, Orkane, Feuersbrünste, Überflutungen, doch komme was da wolle, man füge sich in die Gegebenheiten, sie seien nicht zu ändern.

Manch einer stelle sich den Ereignissen todesmutig entgegen, sagte er, der Mensch dürfe, heiße es dort, nicht kampflos aufstecken, es werde Nischen geben, in denen ein Überleben, in denen Hoffnung möglich sei, von Bränden und Überflutungen unversehrte Regionen würden Zuflucht gewähren, eine letzte Frist, jedenfalls, fügte Tilman hinzu, könne von einem geordneten Leben keine Rede mehr sein.

Angesichts des Desasters, wiederholte Farb, sei das eine Seite der Medaille, und zusätzlich würden erbitterte Kämpfe um verbliebene Ressourcen geführt: um genießbares Trinkwasser, um Lebensmittel angesichts ausbleibender Ernteerträge, und da sei jeder sich selbst der nächste, die gesperrten Weizenlieferungen aus der Ukraine setzten den Anfang, unübersehbar, und die erbarmungslosen militärischen Konflikte in der Ukraine und im Gaza-Streifen werfen ein Schlaglicht darauf, welche Umgangsformen zu erwarten seien, friedliche Zeiten werde es nicht geben.

Folglich, wiederholte Farb, und angesichts des Desasters, was sei zu tun.

Annika lächelte nur und erinnerte daran, daß in Perpignon in Südfrankreich eine lange vergessene Tradition aus dem Mittelalter aufgegriffen worden sei, man habe dort aufgrund der anhaltenden Dürre erstmals seit hundertfünfzig Jahren mit den Reliquien des heiliggesprochenen Gaudérique eine Bittprozession von der Kathedrale über das historische Stadttor bis zum Fluß Têt durchgeführt, und ferner, nicht zu vergessen, auf dem Zugspitzplatt sei im Anblick des sterbenden Gletschers eine Andacht begangen worden, was, fügte sie hinzu, könne man in Zeiten wie diesen mehr verlangen.

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