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Wein & Krieg

Kulturbuch | Wein & Krieg

Don & Petie Kladstrup sind keine Dänen, sondern sympathisch-liebenswerte US-Amerikaner, die als Journalisten schon lange in Paris und der Normandie leben und über Wein schreiben, obwohl ihnen ja der Calvados näherliegen müsste. Von WOLFRAM SCHÜTTE

Wein und Krieg - 9783608948509Vielleicht muss man Amerikaner sein – also ebenso begeisterungsfähig wie hinlänglich naiv, um über ›Wein & Krieg‹, vornehmlich aber über »Frankreichs größten Reichtum« im Augenblick seiner größten Demütigung, nämlich unter deutscher, nationalsozialistischer Besetzung und Besatzung zu schreiben.

Zum einen sind die amerikanischen Wahlfranzosen »patriotisch« genug, um das heikle Thema überhaupt derart zuzuspitzen; zum anderen hinlänglich distanziert & vorsichtig, um die »Querelles francaises« über Kollaboration & Widerstand im milden Licht, das von heute auf das Dunkel der Vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Frankreich fällt, so darzustellen, dass allen wohl und fast niemandem weh geschieht.

In elf Kapiteln und einem Epilog blättern sie auf, was sie sich sowohl in Büchern, Dokumenten und anderen historischen Quellen als auch im Laufe von persönlichen Gesprächen an Kenntnissen über die Rolle des Weins in der französischen Kultur- und Militärgeschichte angeeignet haben. Das ist ziemlich viel, speziell im Hinblick auf das Geschehen während der Jahre 1940/45. (Freilich sitzen sie auch einer Bordelaiser Anekdote auf, wonach ein deutscher Offizier schon im 1. Weltkrieg nicht schlecht gestaunt habe, als er die Etiketten der in einem See vor den Deutschen versteckten Bordeaux bei seinem Morgenspaziergang als schwimmende Papierstücke entdeckte. Dabei sind die Deutschen damals noch nicht einmal nach Paris, geschweige denn bis zur Gironde gekommen!)

Das umfängliche Buch der Kladstrups, das mit Glossar & Anmerkungen, Bibliographie und Illustrationen, einem Wein- & Champagner-, einem Namens-, Sach- & Ortsregister prunkt und von ihrem deutschen Verlag liebevoll auch noch mit einem Lesebändchen geradezu zum »Coffe-Tablebook« neben einer Flasche Volnay oder Haut-Brion prädestiniert wurde, ist wohl eher in kleinen Schlucken zu sich zu nehmen, als auf einen langen Zug. Leert man es – als Rezensent –, indem man (es) ansetzt und bis zur Neige in sich hineinschüttet (was man natürlich als gebildeter Trinker mit Wein nie tun soll, als interessierter Leser jedoch mit Büchern oft erlebt), so stoßen einem zu oft seine stoffliche Redundanzen, vielfache Wiederholungen, Ungereimtheiten und Widersprüche auf – als wärs ein korkender Wein.

Ein versierter Lektor hätte aus der Fülle des Stoffs wie ein kundiger Winzer eine Kreszenz verschnitten, die – wie bei guten Weinen – nicht auf die Ertragsmenge (hier sind es 380 Seiten), sondern auf deren konzentrierte Qualität es abgesehen hätte, um diesem Produkt eine runde, nachhaltige, intensive Fülle mit großem Abgang zu geben. Weniger wäre also auch hier wohl mehr gewesen.

Aber vielleicht tut man den beiden passionierten Journalisten damit ein wenig Unrecht, haben sie sich doch erzählerisch angestrengt, ihren reichen Stoff anhand der Lebensschicksale verschiedener Winzerfamilien der Champagner, des Elsass, Burgunds und des Bordelais so zu dramatisieren, dass daraus z. T. bewegende Geschichten wurden – zwischen Anpassung, Kollaboration, Demütigung, Verschleppung, Tod und Résistance, wobei manchmal die Übergänge fließend waren.

Es ist aber ganz erstaunlich (und sagen wirs auch: erfreulich), mit welchen raffinierten, gewitzten Mitteln – falls es sich nicht doch hin und wieder um heroische Legenden handelt – die französischen Winzer, Weinhändler und Hoteliers sich dem deutschen Zugriff auf ihre wertvollsten Bestände an großen Weinen entzogen haben: indem sie diese ein- & vermauerten, in weitläufigen Kellern oder auf dem Felde versteckten und sogar noch auf dem Transport nach Deutschland die erbeuteten Weine aus den Fässern laufen ließen.

Andererseits lieferten sie unter großen Champagner- oder Burgunder-Namen »speziell für die Wehrmacht« verminderte Qualitäten, auf die sie dann – freilich neben besten Bordelaiser Flaschen u. a. von (Mouton)Rothschild – wieder stießen, als eine französische Einheit (vor den oberkommandierenden US-Truppen) auf dem hitlerischen Obersalzberg das Weinlager mit 100.000 Bouteillen des bekennenden Antialkoholikers sicherstellte.

Auch sorgten die Franzosen de Gaulles dafür, dass sie im »Champagnerfeldzug« (von der Landung in der Provence die Rhone aufwärts) auf der westlichen Rhoneseite vorstießen (und die Amerikaner auf der östlichen), weil sie so die besten Lagen befreien & dafür sorgen konnten, dass kein unnötiger Schaden (durch amerikanische Panzer oder deutsche Sprengsätze) an den Weinlagen entstand.

Wie recht sie dabei hatten, ihre mächtigeren Verbündeten von den sensibelsten Weinanbaugebieten fernzuhalten, zeigte sich bei einer Siegesfeier in Beaune. Als dabei die schönsten & besten Weine Burgunds, die den Amerikanern von den Winzern geschenkt worden waren, auf einem gemeinsamen Bankett ausgeschenkt wurden, mussten die französischen Offiziere ohne mit der Wimper zu zucken ihre stolzen Produkte hinunterschlucken, obwohl sie von den »Amis« mit »Wundalkohol aufgesprittet« worden waren: »Oh Libération, was für Verbrechen sind in deinem Namen schon begangen worden«, soll ein entsetzter, aber die Contenance haltender französischer General vor sich hingemurmelt haben.

Es sind die zahllosen Anekdoten und absonderlichen Geschichten über »Wein & Krieg«, welche dem ausschweifenden Buch der Kladstrups denn doch immer wieder spezielle Würze geben, und ein bislang zumindest bei uns – wohl aber auch in Frankreich – eher beschwiegenes und umgangenes, also unbekanntes Kapitel des französischen Weins im letzten deutschen Welt-Krieg aufschlagen.

Wer wusste z.B. schon, dass die Deutschen in Frankreich »Wein-Führer« ernannten, die zwar für die brutale Requirierung des »größten Reichtums Frankreichs zuständig waren, sich jedoch vergleichsweise »zivilisiert« verhielten, weil sie und nicht wenige deutsche Militärs – wie der ehemalige Sektvertreter und Nazi-Außenminister v. Ribbentropp – im Zivilberuf weinhändlerisch tätig gewesen waren und ihre französischen Geschäftspartner noch aus der Vorkriegszeit bis hin zu persönlichen Freundschaften kannten? Oder, dass der Pariser Bürgermeister Pierre Taittinger, aus der bekannten Champagner-Dynastie, den kommandierenden deutschen General von Choltitz davon überzeugt hatte, Paris entgegen Hitlers Befehl vor der Zerstörung am Kriegsende zu bewahren?

›Krieg & Wein‹ steckt voller solcher erstaunlicher historischer Merkwürdigkeiten – nicht nur komischen, sondern auch tragischen. Es empfiehlt sich, das journalistisch ganz schön ins Kraut geschossene und durch seine Stofffülle erzählerisch mäandrierende Buch in kleinen Portionen zu sich zu nehmen – begleitet von der einen oder anderen Flasche aus der Champagne, dem Bordelais, dem Burgund; aber die Zeit, die man schmökernd mit Don & Petie Kladstrup verbringen kann, reicht auch noch hin, um dabei ein paar süffelnde Abstecher in die anderen Weinregionen Frankreichs zu machen. A v/notre santé.

| WOLFRAM SCHÜTTE

Titekangaben
Don & Petie Kladstrup: Wein & Krieg
Bordeaux, Champagner und die Schlacht um Frankreichs größten Reichtum
Aus dem Englischen von Dietmar Zimmer
Stuttgart: Klett-Cotta 2002 (1. Aufl.)
380 Seiten, 25 Euro
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