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Schöngeist der Belle Époque

Kulturbuch | Julian Barnes: Der Mann im roten Rock

Marcel Proust und Gustave Flaubert, Oscar Wilde und Joris-Karl Huysmans, Edmond de Goncourt und Sarah Bernhardt, dazu ein bunter Reigen an Adligen und Ästheten, an Bigamisten und Bankrotteuren – sie alle bevölkern Julian Barnes neues Buch. Darunter: ›Der Mann im roten Rock‹, ein angesagter Modearzt seiner Zeit mit dem Ruf eines »unverbesserlichen Verführers«, doch auch ein fortschrittlicher, vernunftbegabter Mediziner. Der englische Schriftsteller Julian Barnes zeichnet ein detailreich recherchiertes und klug ausgearbeitetes Porträt einer ganzen Epoche. Von INGEBORG JAISER

Mann im roten RockJa, er hat tatsächlich gelebt, dieser Dr. Samuel Jean Pozzi, Bonvivant und Lebemann, Salonlöwe und anglophiler Connaisseur, dazu als Chirurg und Gynäkologe ein »hochintelligenter, entscheidungsfreudiger, wissenschaftlicher Rationalist«. 1846 in eine Familie mit italienischen und Schweizer Wurzeln hineingeboren und in Frankreich zweisprachig aufgewachsen, hat er alle Voraussetzungen, um als Kosmopolit im besten Mannesalter jene Jahre zu genießen, die gemeinhin als Belle Époque gelten.

Schattierungen von Rot

Und ja, es existieren einige Bildnisse dieses unverschämt gut aussehenden Mannes. Das imposanteste: das überlebensgroße Dr. Pozzi at Home des Malers John Singer Sargent, das 2015 als Leihgabe den Weg in die National Portrait Gallery in London findet. Dort ist Julian Barnes dermaßen beeindruckt, dass ihn das gemalte Porträt zu einem literarischen inspiriert – mehr noch: zu der vielschichtigen, schillernden Darstellung einer ganzen Epoche. Und man kann nicht anders, als den Mann im roten Rock mit dem versierten Blick des Kunstkenners Barnes zu betrachten. Ein Schwelgen in Attitüden und Farbschattierungen, die heutzutage fast schon aus der Mode gekommen sind: ein eleganter Herr posiert in theatralischer Haltung in einem scharlachroten Morgenmantel vor burgunderfarbenem Hintergrund. Um seine Hüften baumelt eine Kordel mit pelziger Quaste, die an einen Stierpenis erinnert. Doch: »Alles zu seiner Zeit«, bremst Julian Barnes erst mal listig seine Bildbetrachtung aus.

Exzesse und Eskapaden

Um danach im großen Stile ein aufregendes, prickelndes, zuweilen abgründiges Gesellschaftspanorama des Fin de Siècle auszubreiten. Wie aus vielen losen Fäden gesponnen, entsteht ein changierendes Geflecht von Kunst und Literatur, Dekoration und Lifestyle, Dekadenz und Extravaganz, Klatsch und Tratsch, ausgeschmückt mit unzähligen abseitigen Episoden, sexuellen Eskapaden, aber auch medizingeschichtlichen Exkursen. Zu den vielen sorgsam recherchierten Details gehört zum Beispiel eine frühe Liebschaft Pozzis zur legendären Schauspielerin Sarah Bernhardt, der er später eine Eierstockzyste »so groß wie der Kopf eines vierzehnjährigen Kindes« entfernt. Hinter dem ambitionierten Mediziner steckt auch ein großer Frauenversteher und -verführer.

Doch Barnes´ Augenmerk liegt hauptsächlich auf der fluiden Lebenswelt der Dandys und Ästheten: »Der Dandy war eine anglofranzösische Erscheinung, die das gesamte neunzehnte Jahrhundert mal auf der einen, mal auf der anderen Seite des Ärmelkanals auftauchte«. So folgen wir einem illustren Freundeskreis im Jahre 1885 auf einen kanalüberquerenden Männerausflug von Paris nach London. Neben besagtem Pozzi sind mit im Boot: der Graf Robert de Montesquiou, ein »flamboyanter Homosexueller« und leibhaftiges Vorbild für Des Esseintes in Huysmans Roman ›Gegen den Strich‹, sowie der Prinz Edmond de Polignac, der als Grund der Reise »eine intellektuelle und dekorative Einkaufstour« angibt. Man darf gespannt sein!

Literarische Delikatesse

Ausgehend von dieser Reise breitet Barnes einen vielgestaltigen, weiträumigen Kosmos halbseidener Gestalten aus, deren Leben die Kunst beflügelt – und vice versa. Der Habitus realer und literarischer Personen verschmilzt zu einer betörenden Melange aus Dekadenz und überspanntem Esprit. All die sexuellen Ausschweifungen und missglückten Duelle scheinen erst mit dem abrupten Ende der Belle Époque von den Schrecken des Ersten Weltkriegs in den Hintergrund gedrängt zu werden.

›Der Mann im roten Rock‹ entpuppt sich – wie viele Werke von Julian Barnes – als einzigartiger Mix aus kulturhistorischem Essay mit biografischen Passagen und romanhaften Anklängen, ohne eindeutig einem Genre zugeordnet werden zu können. Barnes Könnerschaft liegt in der beachtlichen Leistung, das Ergebnis langwieriger, fundierter Recherchen dermaßen leichtfüßig und wie en passant präsentieren zu können. Gewürzt mit einer gehörigen Brise britischen Humors. Stellenweise liest es sich ein bisschen wie Florian Illies’ 1913 für Fortgeschrittene und höhere Semester. Ein sehr dichtes, zeitgenössisch illustriertes Buch, das man am liebsten seitenweise mit Post-Its spicken möchte, an all den Stellen, die zum Nachlesen, Recherchieren, Vertiefen anregen. Eine seltene literarische Delikatesse, deren Lektüre man langsam und genüsslich zelebrieren sollte, bei einer ausgewählten Tasse Tee am Nachmittag oder einem Glas Amontillado vor dem offenen Kamin.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Julian Barnes: Der Mann im roten Rock
Köln: Kiepenheuer & Witsch 2020
299 Seiten, 24,- Euro
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