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Ein Konzept, das einleuchtet

Kulturbuch | Scenario 8: Film- und Drehbuch-Almanach

Ein Almanach, man kennt das noch, ist ein üblicherweise jährliches Periodikum, fachbezogen, es dient als Nachschlagewerk und informiert über den Stand der Dinge. Bis in den SPIEGEL gelangte seinerzeit die Nachricht vom überraschenden Erfolg des Jahrbuchs ›Schotts Sammelsurium‹. Ein Hype, der schnell in sich zusammenfiel. Dass es anders geht, zeigt ›Scenario‹, ein Film- und Drehbuch-Almanach, der seit einigen Jahren etabliert ist. Von WOLF SENFF

Scenario 8In ›Scenario 8‹ holt ein ambitionierter Essay, ein Hintergrundartikel von Keith Cunningham über das »Erbe von Mythos und Drama« fürs Drehbuch, historisch weit aus, verweist auf »die spirituelle Geschichte der vergangenen 2500 Jahre« und darüber hinaus ins Paläolithikum. Das Fazit einer »aktuellen Bedeutungsöde« der westlichen Welt ist nicht besonders originell, ihm ist schwer zu widersprechen, ebensowenig der Anklage der Ideologie des »Marktrealismus«.

Joseph Campbell relaunched

Gar nicht nachvollziehbar ist die Tatsache, dass Cunningham den schwülstigen Ladenhüter Joseph Campbell zum Dreh- und Angelpunkt seiner Betrachtungen macht. Campbell reüssierte in den USA zu McCarthys Zeiten, über lange Zeit hatte er maßgeblichen Einfluss auf das Hollywood-Kino. Er fände heutzutage seine Heimat bei der rechtsradikalen Tea Party, irgendwie sind die kulturellen Koordinaten verrutscht oder da will uns jemand amerikanisieren. Denn macht man sich die Mühe, bei Campbell nachzublättern, so erweisen sich als maßgebliche Topoi seiner Mythen und seiner Dramaturgie: das ›Weib als Verführerin‹, der ›Urheld‹, der ›Krieger‹ – Relikte aus der Steinzeit des Kinos und, relaunched in diesem Insider-Leitfaden, gänzlich irreführend.

Das ist überaus bedauerlich, denn das Konzept dieses Almanachs leuchtet ein, bietet eine gute Orientierung und kann im fachorientierten Diskurs eine Lücke füllen. Man darf einen so weitgefächerten Almanach selbstverständlich auch als eine Fundgrube betrachten. Unter der Rubrik Essay findet sich beispielsweise ein äußerst einfühlsamer Text über Märchenstoffe, ihre symbolische Bildhaftigkeit und ihre Übertragbarkeit auf heutige Verhältnisse. Schön zu lesen.

Beim Publikum anerkannt und stabil

Eingeleitet wird ›Scenario 8‹ durch ein umfassendes Werkstattgespräch mit dem Drehbuchautor und Regisseur Alexander Adolph, der für seine Arbeit, u.a. für TATORT- und POLIZEIRUF 110-Folgen, mit Grimme-Preisen und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

Das Backstory-Segment würdigt Jurek Becker in einem detaillierten und umfassenden Essay als Drehbuchautor und publiziert Auszüge aus einem Treatment von 1966 und einem Drehbuch (›Neuner‹, 1989/90). Bevor Jurek Becker seinen ersten Roman ›Jakob der Lügner‹ (1969) veröffentlichte, war er längst als Drehbuchautor bei der DEFA etabliert, nach seinem Wechsel in den Westen 1977 setzte er seine Arbeit bruchlos fort, u.a. mit siebenundzwanzig Episoden für ›Liebling Kreuzberg‹.

Auf den Rezensionsteil folgt der Abdruck des mit dem Deutschen Drehbuchpreis prämiierten Drehbuchs ›Pizza Kabul‹ von Thomas Franke nebst Laudatio der Jury. Die Tatsache, dass ›Scenario‹ sich mit seiner achten Ausgabe beim Publikum behauptet und als stabil erweist, ist auch ein Indiz für die stetig wachsende Reputation deutschen Films.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Scenario 8. Film- und Drehbuchalmanach
Herausgegeben von Jochen Brunow
Berlin: Bertz + Fischer 2014
320 Seiten. 24 Euro

Reinschauen
Mehr Infos über die Edition Scenario: edition-scenario.de
Weitere Informationen über den Herausgeber: jochen-brunow.de

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