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Ungemein erfolgreich

Gesellschaft | H.Lorenz, L.Franke, G.Koppel (Hg.): Wer rettet Wen? – Die Krise als Geschäftsmodell / Auf DVD: L.Franke, H.Lorenz: ›Wer rettet wen? Die Krise als Geschäftsmodell auf Kosten von Demokratie und sozialer Sicherheit‹

Herdolor Lorenz und Leslie Franke genießen als Dokumentarfilmer einen besonderen Ruf, ihre Arbeiten sind stets dicht am Puls der Zeit. »Bahn unterm Hammer« (2007) begleitete die Debatte um die Privatisierung der Bundesbahn, »Water makes Money« (2011) erschien punktgenau zum Konflikt um die Privatisierung der Berliner Wasserversorgung. Von WOLF SENFF

›Wer Rettet Wen?‹ thematisiert die Krise der Finanzwirtschaft und die Rolle neoliberaler Politik, der Film hatte am 11. Februar seine Premierenvorstellungen zeitgleich in einhundertfünfzig europäischen Städten; seitdem wurden über siebenhundert Vorführungen jeweils punktuell von einem interessierten Publikum veranstaltet, niLorenz_ua_Wer_rettet_wencht jedes Mal in Kinos, doch oft genug vor überfüllten Kinosälen.

Als Buch, als DVD

Die Zivilgesellschaft zeigt sich spontan und kreativ, und jenseits aller eingefahrenen medialen Kanäle wird Raum für eigene Initiative genutzt. Auch Schulklassen, deren Gmk- oder Geschichtslehrer sich nicht auf die seitens der Industrie- und Handelskammern für Unterrichtszwecke gelieferte Neoliberalismus-Lobhudelei stützen wollten, forderten den Film an.

Nun wird er als Buch und DVD vorgelegt, zwei Medien, die sich in diesem Fall durchaus sinnvoll ergänzen. Ihr Untertitel spielt auf die opulente Untersuchung von Naomi Klein an, die das Wort vom Katastrophenkapitalismus, »Disaster Capitalism«, prägte.

»Krise als Geschäftsmodell«

Acht Jahre später ist offensichtlich, dass daran nicht nur nichts geändert wurde, sondern dass unsere herrschenden, »besserverdienenden« Eliten diese Entwicklung kaltblütig und rücksichtslos forcieren, indem sie die gewachsene staatliche Infrastruktur reduzieren, »einsparen«, »verschlanken« und den in Europa einst sorgsam gehüteten allgemeinen Wohlstand systematisch vernichten.

Wer das Buch zur Hand nimmt, liest sachliche, nüchterne, verständliche Erklärungen für die »Krise als Geschäftsmodell«, und stellt fest: Es ist weit schlimmer, als wir angenommen haben. Mittels Finanzderivaten und Kreditausfall-Swaps verselbstständigte sich der Finanzsektor gegenüber staatlichen Aufsichtsinstanzen.

Kriminelle in feinem Fummel

»Troika«, erfährt er, ist nicht erst seit Griechenland ein feststehender Begriff. In Irland sei die Demokratie seit 2010 de facto ausgeschaltet, und unter dem Diktat der Troika erlebe Irland Schritt für Schritt die neoliberale Agenda: Privatisierung zuzüglich Verteuerung der Stromversorgung, der Abfallwirtschaft, der Wasserversorgung. Notwendige Investitionen in sozialen Wohnungsbau seien Fehlanzeige.

Gut, vielleicht ist das für den einen oder anderen Leser nichts Neues. Dennoch stellt sich während des Lesens immer wieder die Frage, ob man bei unseren Leitmedien vorzugsweise auf den Ohren zu sitzen pflegt. Weshalb ist denn diese systematisch betriebene, aalglatt organisierte Verelendung nicht längst zentrales Thema der öffentlichen Debatte geworden? Sitzen die wahren Verbrecher in den honorigen Etagen und kleiden sich in feinen Fummel?

Unfassbare Zustände

Derselbe Ablauf sei für Griechenland vorgezeichnet bzw. bereits vollzogen. Der Faktenlage zufolge stehe der Bereich der öffentlichen Bildung vor dem Kollaps, die Budgets seien bereits 2013 um siebzig Prozent gekürzt worden, von der gesundheitlichen Versorgung ganz zu schweigen.

Der einst öffentliche Rundfunk ERT wurde nach der offiziell verordneten Schließung monatelang besetzt, weiter betrieben und sende bis auf Weiteres als Piratensender. Zivilisierte Welt? Unfassbare Zustände.

Keineswegs ›alternativlos‹

Der vorliegende Band zeichnet die zahlreichen Etappen neoliberalen Desasters detailliert nach, am Beispiel Spaniens unter anderem die »Ruinierung eines vorbildlichen Gesundheitssystems« und wieder die Privatisierung von Bildung, er zeigt haarsträubende Ungereimtheiten der »Bankenrettung« in Deutschland: Hypo Real Estate, HSH Nordbank und andere. Alles schon vergessen? Schnee von gestern? Genau. Das ist’s, worauf unsere ›Eliten‹ spekulieren.

Durch die Ereignisse in Griechenland seien die europäischen Probleme erneut in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt, und Lösungsbeispiele wie in Island: Schuldenschnitt inklusive Bestrafung der Verantwortlichen – sie sitzen, man glaubt es nicht, tatsächlich im Knast –, in Ecuador: Überprüfung und Korrektur des Schuldenbetrags entfalten verführerische Anziehungskraft; auch an anderen Beispielen wird überzeugend deutlich, dass die gegenwärtige Lage keineswegs ›alternativlos‹ ist.

Ein Finanzierungsmodell

Im Zusammenhang der Kampagnen gegen TTIP seien diverse Initiativen entstanden, etwa für ein Schuldenaudit nach dem Beispiel Ecuadors. ›Podemos‹ in Spanien sei bereits Ergebnis einer an Konflikten erprobten Selbstorganisation der Zivilgesellschaft.

Nicht zuletzt sind der vorliegende Band sowie die DVD das Ergebnis einer besonderen Form von Organisation der Zivilgesellschaft. Die beiden Filmemacher stellten ihr jeweiliges Projekt im Netz vor und warben zahlreiche Subskriptionen ein, mit denen sie bis zu zwei Dritteln des Bedarfs finanzieren konnten. Das hat eine gewisse Nähe zum Crowdfunding und verschafft eine politisch und finanziell unabhängige Basis.

Es ist höchste Zeit!

Die DVD ist ein Medium mit eigenem Wert – nicht so nüchtern, aber eben nicht so detailreich wie das Buch, in dem die Interviews mit Oskar Lafontaine (»Die Finanzmärkte haben die Demokratie ausgehebelt«) und mit Satyajit Das (»Die Realwirtschaft ist nur noch ein Anhängsel der Finanzwirtschaft«) teilweise abgedruckt sind.

Der Film, darauf sei abschließend noch einmal hingewiesen, ist über die Maßen erfolgreich, wird international angefordert und musste aufgrund der wachsenden Nachfrage inzwischen in sieben Sprachen übersetzt werden. Er wurde am Vortag des Referendums im griechischen Fernsehen gesendet und war – drei Millionen Zuschauer bei elf Millionen Einwohnern – ein, so würden wir sagen, Quotenhit. Deshalb erscheint die Publikation als DVD, aber auch die andere, präzisere, in Buchform nur folgerichtig. Es ist höchste Zeit!

| WOLF SENFF

Titelangaben
Herdolor Lorenz, Leslie Franke, Gabriele Koppel. Wer rettet Wen? – Die Krise als Geschäftsmodell
Hamburg: VSA Verlag, 2015
180 Seiten, 14,80 Euro

Wer rettet wen? Die Krise als Geschäftsmodell auf Kosten von Demokratie und sozialer Sicherheit 2015, ein Film von Leslie Franke und Herdolor Lorenz
104 Minuten, 19,75 Euro
Film und Buch zusammen zum Preis von 28,80 Euro
Erwerben Sie Buch und DVD bei Osiander

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