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Dumm, wie dumm

Kulturbuch | Emil Kowalski: Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte

Die Zeiten sind verwirrend, keine Frage. Man hat sich daran gewöhnt, sich auch mental nicht regulieren zu lassen, Verbote sind uncool, kognitiv ist man voll auf Neoliberal gestylt worden. Hm. Passt es dazu, wenn wir – ironiefrei, wohlgemerkt – von einer Erfolgsgeschichte der Dummheit reden? Das überlegt WOLF SENFF

Dummheit - 9783476045348Und ist es zulässig, wie Emil Kowalski es macht, mit Bezug auf den britischen EU-Austritt von Dummheit der Bevölkerung und von Dummheit der Regierung zu reden? Vorsicht. Jemandem, der sich herablassend über die vermeintliche Dummheit anderer auslässt, wird leicht Arroganz und Eitelkeit bescheinigt – und die seien, so Robert Musil in einem Vortrag von 1937, »Geschwister der Dummheit«. Oh! Oh! Dünnes Eis!

Dummheit und Demokratie

Nach und nach schimmert aber eine politische Haltung durch, etwa wenn er vom »Ideal des Fortschritts« spricht oder vom »selbststeuernden, selbstoptimierenden, selbstlernenden« System des freien Markts. Diese Prahlerei kommt uns verdächtig bekannt vor. Einem Außenstehenden, sagt Kowalski, beschriebe er die Lage der westlichen Demokratien mit den Worten: »Wir sind frei und es geht uns gut«. Er fügt hinzu, dass die Früchte des Fortschritts noch »ungleich verteilt« seien.

Die liberale Demokratie sei eine flexible, wandlungsfähige Regierungsform, die der menschlichen Unvollkommenheit gerecht werde, und die Verfassung der USA beuge mit dem Prinzip der Gewaltenteilung sogar der Dummheit der Regierenden vor. Der Bürger nehme eben in Kauf, dass der unvollkommene Mensch nie zufrieden sei, das Streben nach Perfektion stecke uns tief in den Knochen.

Nichts verstanden

Die hohe Spezialisierung der Arbeitswelt führe einen Zustand herbei, in dem der Mensch die zugrunde liegenden Prozesse und Informationen nicht mehr verstehe und dennoch im Spannungsfeld zwischen dem eigenen Perfektionsstreben und dieser, wie Kowalski es nennt, relativen Dummheit als ein »user« sein Leben in dieser Welt gestalten müsse.

Nicht allein, dass er die Realität verharmlosend wahrnimmt, nein, er wirft die europäische Tradition der Aufklärung kurzerhand auf den Müll, einschließlich der Tradition eines humanen Menschenbildes, die auf Erasmus und Thomas Morus zurückgeht. Erasmus wird von ihm nur als Autor einer Schrift über die Dummheit erwähnt. Da hat jemand die Tragweite seiner eigenen abenteuerlichen und letztlich zynischen Argumentation nicht verstanden.

Politische Maßnahmen sind gefragt

»Wir sind frei und es geht uns gut«? Du liebe Zeit! Rassismus in den USA und dazu die hohe Waffendichte sind, wie wir fast wöchentlich wieder erfahren müssen, brisanter innenpolitischer Sprengstoff, ein leichtfertiges Spiel mit dem Feuer.

Reichtum sei »ungleich verteilt«? In den USA und diversen europäischen Nationen herrscht weit verbreitet krasses Elend. Wer ernstgenommen sein will, jammert nicht über ungleiche Verteilung, sondern diskutiert intelligente politische Maßnahmen, die die Lage entspannen, deeskalieren. Der Ansatz, über Dummheit zu diskutieren, ist weltfremd – wie blind kann man sein.

Einheitliche Massenkultur

Emil Kowalski nimmt die Realität durch seine rosarote Brille wahr. Seine Argumentation ist nicht ernst zu nehmen, aber typisch für viele, denen ebenfalls an nichts anderem liegt als an nennenswerten Erträgen der Ökonomie. Dass Notleidenden zu helfen wäre? Dass Hunger und Kindersterblichkeit empörende Tatsachen sind? Dass jedermann einen Anspruch auf Bildung hat? Alles egal. Kein Thema. Und dass er einige Seiten »Genesis, korrigiert« anhängt, hat nun echt megalomane Züge.

Man muss nicht viele Worte an diese unnütze Publikation vergeuden, doch abschließend sei an den Bestseller ›Wir amüsieren uns zu Tode‹ von Neil Postman aus dem Jahr 1985 erinnert, in dem Dummheit deutlich anders positioniert ist. Er diagnostiziert ein Verlangen nach Spaß und gleichzeitig die Tabuisierung kritischer Ernsthaftigkeit als Ursache für den infantil dümmlichen Charakter der ›Spaßgesellschaft‹ und verweist auf die vereinheitlichte Massenkultur der USA und der übrigen westlichen Industriegesellschaften.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Emil Kowalski: Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte
Stuttgart: J.B.Metzler 2017
177 Seiten, 16,99 Euro
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