Weiße Nächte, weite Blicke

Das Spektakel ist beeindruckend. Fast hell, in pastellfarbenem Dämmerlicht, erscheinen die Julinächte in Sankt Petersburg. Vielleicht lässt sich gerade unter diesem Himmel das Unsagbare, Flimmernde, Schwebende erzählen, wenn die Grenzen zwischen Realität und Erfindung verschwimmen? Der Journalist und Schriftsteller Alexander Osang begibt sich auf Spurensuche und Zeitreise zwischen Ost und West. Von INGEBORG JAISER

Sie sind Kosmopoliten, Weltenbürger, moderne Nomaden – oder vielleicht doch Heimatlose und Getriebene? Fast beiläufig wechseln sie zwischen Sprachen und Weltanschauungen, zwischen Wohnsitzen, Jobs und Beziehungen, immer irgendwo im Transit, auf der Durchreise. Auch wenn Alexander und Uwe demselben Kosmos entstammen, strauchelt jeder von ihnen auf ganz eigene Art durch Raum und Zeit. Dennoch kreuzen sich ihre Wege immer wieder.

Weltgewandt, wendig, weitgereist

Schon der Beginn dieses Romans (der vielleicht gar keiner ist) steckt die Eckdaten fest: »Ich kannte Uwe aus New York, obwohl er eigentlich aus Ostberlin kam wie ich. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich ihn zum ersten Mal sah, wahrscheinlich Anfang der Zweitausender auf einer Party bei Solveigh, die aus der Nähe von Dresden stammte, aber seit über dreißig Jahren in Brooklyn lebte.«

Zum Bekanntenkreis zählen illustre Gestalten mit schrägen Lebensläufen und multiplen Identitäten. Wie »Else, die eigentlich Sabine hieß, aus Eilenburg kam und einem Mönch in einen Tempel nach Manhattan gefolgt war. Uwe gehörte dazu. Keine Ahnung, wovor der weggelaufen, wem der gefolgt war.« Uwe, der glatzköpfige, schwule Charmeur, ehemaliger Sinologiestudent und mehrfacher Gewinner von Russischolympiaden. Uwe, der gleichermaßen leutselige wie unverbindliche, anpassungsfähige, wendige Tausendsassa, der überall Freunde hat oder zumindest Leute, die er Freunde nennt. Uwe, »der verschiedene Währungen mit sich führt und verschiedene Sprachen spricht, sein Pass vollgestempelt von Immigrationsbeamten aus aller Welt.«

Schiffspassage und Zeitreise

Erzählt wird Uwes Geschichte von Alexander Osang, einst Lokalchef der Berliner Zeitung, seit der Jahrtausendwende brillanter Reporter und Kolumnist für den Spiegel, für den er erst aus New York, dann aus Tel Aviv berichtet. Als ihn das Magazin 2019 bittet, einen Text für ein Sonderheft über die rätselhaften Ostdeutschen zu verfassen, ist eigentlich ein Porträt über Angela Merkel im Gespräch. Doch Osang denkt sofort an Uwe, der alles Erzählenswerte zu verkörpern scheint: die Gespaltenheit, die Sehnsucht, »die ewige Suche nach dem Paradies hinter der Mauer.« Ein Mann auf ständiger Flucht.

Man verabredet sich zu einer gemeinsamen Schiffsreise von Helsinki nach St. Petersburg, ein Geschenk Uwes an seine Mutter zu deren achtzigsten Geburtstag. Es folgen vier Tage, drei Nächte, Unmengen von Wodka und noch mehr Geschichte(n). Die Tour gleicht einer Zeitreise zurück. Einem Roadmovie, unterlegt mit dem Soundtrack zahlreicher literarischer, cineastischer, musikalischer Bezüge und Anleihen. Nicht umsonst liest Alexander Osang zur Einstimmung Dostojewskis Novelle Weiße Nächte. Und vermerkt schon bei der Einschiffung: »Zwei mittelalte Männer und eine alte Frau auf einer Schiffspassage nach St. Petersburg. Wir könnten aus einer Erzählung von Patricia Highsmith stammen. Die Frage ist, wer am Ende über Bord geht.«

Wie ein modernes Märchen

Während sich Muttern als trügerische Gewährsfrau und emotionaler Anker stets lächelnd im Hintergrund hält, offenbart Uwe in endlos langen weißen Julinächten seine Lebensgeschichte oder vielleicht sogar -beichte. Die Forrest-Gump-Story einer märchenhaften Biografie, zwischen Ost und West oszillierend, mit abstrusen Episoden und filmreifen Personal ausstaffiert. Es schwindelt einem geradezu bei all den Fluchtversuchen, Grenzübertritten, Familienzerwürfnissen, Schmuggelaffären, Verfehlungen und Neuanfängen. Und doch schrammt Uwe »immer haarscharf an der Weltgeschichte vorbei.« Während der Währungsunion und der deutschen Wiedervereinigung lebt er in China, während Merkels Amtsantritt in Amerika. Nun lehrt er DDR-Literatur und -film an der New York University.

Staunend gleicht Alexander Osang diese irrwitzige Lebensgeschichte mit seiner eigenen Vita ab, die stets – wie auf einer zweiten Tonspur – parallel mitläuft. Und ringt, in seinem Versuch, sich der Wahrhaftigkeit zu nähern, immer mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Porträtiertem und Porträtierendem. Wo liegen die Grenzen zwischen Nacherzählung, Erfindung, Belegbarem? Wer hat die Deutungshoheit über den eigenen Werdegang?

Am Ende scheitert die Veröffentlichung der Story im Spiegel-Sonderheft alleinig daran, dass die Faktenchecker und Dokumentare des Magazins zu wenig Nachweise für diese unglaubliche Lebenserzählung finden. Klingt Uwes Biografie nicht wie ein Broadway-Musical? Letztendlich ist Fast hell dieser Ablehnung zu verdanken. Und wir können uns an einer extended version in Buchform erfreuen, an diesem flirrenden, strudelnden, kreiselnden Osang-Sound, der doch immer wieder in Sätzen von enormer Klarheit und Hellsicht mündet. Denn »mit jedem Text verändert man die Wirklichkeit«.

| INGEBORG JAISER

Titelangaben
Alexander Osang: Fast hell
Berlin: Aufbau 2020
237 Seiten, 22.- Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Zuckerträume

Nächster Artikel

Schöngeist der Belle Époque

Neu in »Roman«

Am Ende ist alles anders

Roman | Antonio Muñoz Molina: Schwindende Schatten Es ist ein beinahe kafkaesker Romananfang. Ein Mann erwacht aus einem Traum, hat sich zwar nicht wie Gregor Samsa in Die Verwandlung in ein Ungeziefer verwandelt, doch er hatte vergessen, »wo ich mich befand, und ich war wie er oder war er, weil mein Traum mehr seiner war als meiner.« PETER MOHR über Antonio Muñoz Molinas opulenten Roman Schwindende Schatten PDF erstellen

Heimweh nach Historie

Roman | Jan Brandt: Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt Eine drängende soziale Frage unserer Zeit lautet: wo können wir, wie wollen wir leben? Angesichts der existenziellen Bedeutung des Wohnens hat der Schriftsteller Jan Brandt erneut seinen großen geplanten Auswandererroman vertagt und gleich zwei Bände in einem dazwischengeschoben. Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt birgt das ganze Ausmaß an Zerrissenheit zwischen einem entgleisten Immobilienmarkt und der eigenen Identitätssuche. Von INGEBORG JAISER PDF erstellen

Zwei Entführungen und ein Todesfall

Roman | Ross Thomas: Der Mordida-Mann Auch der 18. Band der im Berliner Alexander Verlag seit 2005 neu erscheinenden Ross-Thomas-Ausgabe ist wieder ein kleines Wunderwerk. Das unter dem Titel Der Backschischmann bereits 1982 im Ullstein Verlag auf Deutsch erschienene und nun von Jochen Stremmel neu und erstmals vollständig übersetzte Buch führt seine Leser dorthin, wo der spät zum Schreiben gekommene ehemalige Politikberater, Journalist und Gewerkschaftssprecher Thomas sich am besten auskannte: in die Zirkel der Mächtigen dieser Welt, wo Korruption, Intrigen und Verrat zum Tagesgeschäft gehören. Als nach der Entführung eines Top-Terroristen im Gegenzug der Bruder des amerikanischen Präsidenten gekidnappt wird,

Ein Superheld im Super-Wirr-Warr

Roman| Alina Bronsky: Nenn mich einfach Superheld Wie kann das arme Opfer eines Kampfhundunfalls ein Superheld sein? In Alina Bronskys Roman Nenn mich einfach Superheld beweist Marek genau dies, indem er das Leben mit all seinen Problemen, Verrücktheiten und Liebeleien gekonnt meistert – mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus in petto. Von ANNA NISCH PDF erstellen

Die unendliche Bedeutungslosigkeit des Seins

Roman | Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit Milan Kundera zeigt in seinem neuesten Roman ›Das Fest der Bedeutungslosigkeit‹, dass er dem Ruf, einer der bedeutensten zeitgenössischen Romanciers Europas zu sein, mehr als gerecht wird. Die Erkenntnisse, an denen er VIOLA STOCKER teilhaben ließ, zeugen von großer Weisheit und Gleichmut des Alters. All der Zorn, der ihn als Ausgeschlossenen verfolgt hatte, scheint verflogen und seine traurige Komik gipfelt im Bild des französischen Bauern Stalin, der es nicht mag, wenn Genosse Kalinin Statuen französischer Königinnen anpinkelt. PDF erstellen