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Ein Jahr nach dem großen Morden

Roman | Chris Hammer: Outback

Rivers End, eine Kleinstadt im australischen Nordosten. Noch ein Jahr nach dem grausamen Verbrechen weiß niemand genau, warum der junge Pfarrer Byron Swift vor dem sonntäglichen 11-Uhr-Gottesdienst mit einem Gewehr aus seiner Kirche trat und fünf Männer erschoss, um dann selbst unter den Kugeln aus der Waffe eines Polizisten zusammenzubrechen. Von DIETMAR JACOBSEN

Nur ein Stimmungsbild will der aus Sydney angereiste Reporter Martin Scarsden für seine Zeitung, den Sydney Morning Herald, schreiben: Ein Jahr danach – wie kommt Rivers End mit dem grausigen Erbe zurecht? Doch als er beginnt, sich umzuhören, merkt er schnell, dass der Ort und seine Bewohner Geheimnisse bergen, die auch ein völlig neues Licht auf die Gewalttat von damals werfen.

Chris Hammer: Outback-Der kleine Ort Rivers End im australischen Outback, jenen fernab der Zivilisation liegenden Regionen, die einen Großteil der Fläche des fünften Kontinents einnehmen und – wenn überhaupt – nur schwach besiedelt sind, hat ein entsetzliches Verbrechen erlebt. Fünf gestandene Männer aus diesem und dem Nachbarort hat der Pfarrer der St. James-Kirche vor dem sonntäglichen Gottesdienst erschossen. Mit dem Besitzer des Supermarkts ein paar Meter die Straße hinunter hat Byron Swift noch gesprochen, bevor er in seine Kirche ging, mit einem Gewehr im Arm wieder auftauchte und die zur Jagd verabredeten Männer gezielt erschoss, als Letzten eben jenen Lebensmittelhändler Craig Landers.

Nun jährt sich das Ereignis und der Sydney Morning Herald schickt seinen Reporter Martin Scarsden nach Rivers End, um zu erkunden, welche Spuren der Massenmord bei den Einwohnern hinterlassen hat und vielleicht eine neue Erklärung für die Bluttat zutage zu fördern.

Dunkle Vergangenheit

Chris Hammer arbeitete selbst als Journalist über dreißig Jahre lang weltweit. Outback ist sein erster Roman nach einigen Sachbüchern und die australische Presse war voll des Lobes für ein Buch voller Spannung, Atmosphäre und einprägsamer Figuren, an dem Hammer arbeitete, seitdem er als Journalist 2008/2009 von der sogenannten Jahrtausenddürre auf seinem Kontinent berichtete. Ausgedörrte, rote Erde, Wassermangel, kaum unter Kontrolle zu bringende Buschbrände und Tag für Tag eine auf der Gegend lastende erstickende Hitze spielen auch in Outback wichtige Rollen.

Sie fordern die Einwohner der kleinen, übersichtlichen Stadt Rivers End heraus, vernichten, was die sich in mühsamer Arbeit über Jahre geschaffen haben, binnen Stunden, zehren an der Willenskraft von Männern und Frauen und ziehen Elemente an, die glauben, hier – weit weg von den großen Städten – ihren verbrecherischen Geschäften ungestört nachgehen zu können. War Byron Swift, der von vielen geschätzte Pfarrer von St. James, auch jemand, der hier Zuflucht suchte, weil er eine dunkle Vorgeschichte vor der Welt verbergen musste?

Martin Scarsden, anfänglich misstrauisch beäugt und vorsorglich gemieden, beginnt die Einwohner von Rivers End zu befragen. Er schließt Freundschaften, versucht zu helfen, wo er helfen kann, und ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Einwohnern aufzubauen. Da ist die schöne Buchhändlerin Mandy Blonde, zu der sich ein zartes Liebesverhältnis zu entwickeln beginnt.

Da ist der junge und naive Polizist Robbie Haus-Jones. Er war es, der den Pfarrer an weiteren Morden gehindert hat, indem er ihn selbst erschoss und unter dieser Tat noch ein Jahr später sichtlich leidet. Und da ist Fran Landers, die mit jenem gewalttätigen Mann verheiratet war, der wohl des Hauptziel des Pfarrers bei seinem Amoklauf darstellte, und die eher froh zu sein scheint über den Tod ihres Mannes.

Hinzukommen die Outsider Codger Harris und Harley Snouch, die ihre einsame Existenz auf zwei in den sogenannten Scrublands nördlich von Rivers End gelegenen Farmen verbringen, undurchsichtige Gestalten, die in kriminelle Aktivitäten verwickelt zu sein scheinen. Snouch wird gar nachgesagt, Mandy Blondes Mutter vor Jahren vergewaltigt zu haben und deshalb der Vater der jungen Frau zu sein. Und schließlich füllt sich der Raum des Romans auch mit immer mehr Polizisten und Geheimdienstleuten, denn mit Martins Ankunft in Rivers End beginnt eine Serie von Verbrechen die Stadt zu erschüttern.

»Gib Sex hinzu und rühre um.«

Nach einem Buschfeuer, dass die Farm von Codger Harris verwüstet, werden die böse zugerichteten Leichen von zwei deutschen Backpackerinnen gefunden, die vor geraumer Zeit als vermisst gemeldet wurden. Eine Motorradgang, die Drogengeschäfte im großen Stil aufgezogen hat, treibt sich zunehmend in der Gegend herum. Und der zunächst als Selbstmord durchgehende Tod eines Polizisten stellt sich schließlich als geschickt getarnter Mord heraus. Dass das alles miteinander und letzten Endes auch mit den fünf Morden vor einem Jahr zusammenhängt, ist Martin Scarsden schnell klar. Allerdings zieht er zunächst die falschen Schlüsse aus den Geschehnissen und macht sie öffentlich, was ihn schnell in Misskredit bei seinen zahlreich in Rivers End angereisten Journalistenkollegen bringt und zeitweise sogar den Job kostet.

Outback ist ein gut geschriebener, seine Spannung bis zum Schluss nicht verlierender Thriller, der seine Leser in eine exotische Gegend entführt und mit einem Dutzend Figuren konfrontiert, von denen kaum eine ohne Geheimnis ist. Ein Buch, das selbst auf den letzten zehn Seiten noch Überraschungen für seine Leser bereithält. Und das ganz zum Schluss endlich den erlösenden Regen auf eine Gegend niederstürzen lässt, die den sie Bewohnenden alles abverlangt, was Menschen abverlangt werden kann. »Gib Sex hinzu und rühre um«, gibt Hammers Held an einer Stelle des Romans das Rezept für eine das Publikum begeisternde Story preis. Er selbst hat sich erfolgreich daran gehalten

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Chris Hammer: Outback
Aus dem australischen Englisch von Rainer Schmidt
Scherz: Frankfurt/Main 2019
494 Seiten. 14,99 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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