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Beton, Biker und ein Psychopath

Roman | Scott Thornley: Der gute Cop

Detective Superintendent Iain MacNeice genießt den Ruf, der beste Cop der Mordkommission von Dundurn zu sein. Der Witwer und passionierte Grappa-Trinker ist einfühlsam, unkonventionell in der Wahl seiner Methoden und immer ein kleines Stückchen schneller als seine Mitarbeiter, wenn es gilt, Schlüsse zu ziehen. Als zwei rivalisierende Biker-Gangs einen blutigen Krieg anfangen, sechs Leichen aus dem Hafenbecken der fiktiven, am Ontariosee gelegenen kanadischen Stadt geborgen werden und obendrein ein perverser Frauenmörder damit beginnt, die Öffentlichkeit in Angst und Schrecken zu versetzen, ist das aber auch für MacNeice fast zu viel. Doch zum Glück muss er ja nicht allein gegen das Verbrechen antreten. Von DIETMAR JACOBSEN

Am 8. August 1813 versanken während eines Sturms der Schoner »Hamilton« und das Handelsschiff  »Scourge«, beide zu dem amerikanischen Geschwader gehörend, das am nächsten Tag die britische Flotte angreifen sollte, im Ontariosee. Die Episode aus dem Britisch-Amerikanischen Krieg von 1812/1815 ist auch deshalb unvergessen, weil die beiden in ca. 90 Metern Tiefe vor dem kanadischen liegenden Schiffe durch das sauerstoffarme Wasser am Grund des Sees bis heute hervorragend erhalten sind und entsprechend unter Denkmalschutz stehen.

In Scott Thornleys Kriminalroman Der gute Cop freilich sollen sie gehoben und in einem speziellen Museumskomplex der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die (fiktive) Stadt Dundurn erhofft sich durch das »Hamilton-Scourge-Projekt« und den zu erwartenden Ansturm von Touristen mehr als ordentliche Einnahmen. Doch als man gerade dabei ist, den Schlick des Hafenbeckens vorsichtig abzupumpen, tauchen plötzlich ein Oldtimer, vier Betonsäulen und sechs mehr oder minder gut erhaltene Leichen auf. Und mittendrin Detective Superintendent Iain MacNeice, der »gute Cop«, der alles richten soll und dessen kleines Team sich zusätzlich auch noch mit einem gefährlichen Serienmörder herumzuschlagen hat.

Zwei versunkene Schiffe, sechs Leichen und ein Serienmörder

Vier Bücher hat der im kanadischen Hamilton geborene Scott Thornley (Jahrgang 1943) bis dato rund um seinen Helden Iain MacNeice und dessen kleines Team geschrieben. Der gute Cop – im Original treffender The Ambitionous City – ist die Nummer 2 der Reihe. Warum man nicht mit Band 1 beginnt und damit ein paar unverständlichen Anspielungen auf bereits Geschehenes aus dem Weg geht, wissen nur der Suhrkamp Verlag und Herausgeber Thomas Wörtche.

Schade ist die Entscheidung vor allem deswegen, weil der Leser nur allzu gerne mehr darüber wüsste, was der zweiten charismatischen Ermittlerfigur in Thornleys Krimiuniversum, DI Fiza Aziz, geschehen ist. Die muss nämlich, als die Arbeit dem ihr nicht ganz gleichgültig gegenüberstehenden MacNeice über den Kopf zu wachsen beginnt, erst von einem Lehrstuhl im fernen Ottawa zurück nach Dundurn geholt werden muss, um ihre ganz speziellen Qualitäten in die Teamarbeit einzubringen.

Aber so schnell, wie die junge muslimische Frau wieder zu ihrem alten Team stößt, kann der Wechsel von der Praxis in die Theorie nicht allzu spannend gewesen sein. Und dringend gebraucht wird sie allemal. Denn der geheimnisvolle Frauenmörder mit dem Furcht einflößenden Motorradhelm und der effektiven Messertechnik, der seinen Opfern keine Zeit lässt, sich zu wehren, hat es offensichtlich auf in ihren jeweiligen Berufen höchst erfolgreiche weibliche Nachkommen von Migranten abgesehen. Dass die promovierte Polizistin mit den iranischen Wurzeln damit hundertprozentig in sein Beuteschema fällt und einen Lockvogel darstellt, wie man ihn sich nicht besser wünschen kann, will ihr Boss zwar zunächst nicht so richtig wahrhaben, lässt sich dann aber doch dazu überreden, den skrupellosen Killer mit einem waghalsigen Trick aus seiner Deckung zu locken.

Der mit den Vögeln spricht

Mit dem Kanadier Scott Thornley hat der Suhrkamp Verlag wieder einmal kriminalliterarisches Neuland erschlossen. Vielleicht bürdet der Autor, der erst im fortgeschrittenen Alter zur Spannungsliteratur fand, seinem Ermittlerteam in dessen zweitem Fall ein wenig zu viel auf. Mafialeichen, Bikerstress, ein Serienkiller und der ziemlich schnell aus dem Ruder laufende Konkurrenzkampf mehrerer Betonproduzenten, in dem natürlich auch die Mafia mitmischt – man muss nicht gleich mit den Vögeln reden wie Detective Superintendent MacNeice, damit einem da der Kopf ein wenig schwirrt.

Dass es ebenfalls keine gute Idee des Autors war, den Frauenmörder Billie Dance seine ein wenig an Pegida erinnernden fremdenfeindlich-populistischen Ansichten im Dialog mit dem eigenen Spiegelbild erörtern zu lassen, merkt der Leser schnell. Ansonsten aber liest sich das Ganze – immerhin mehr als 500(!) Seiten – durchaus weg und macht Lust auf die vom Verlag versprochenen weiteren Bände – auch weil sich zwischen den beiden Hauptfiguren der Reihe wohl mehr als eine berufliche Beziehung anzubahnen scheint. Und da will man doch dabei sein, oder?

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Scott Thornley: Der gute Cop
Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet und Andrea O’Brien
Berlin: Suhrkamp Verlag 2020
524 Seiten. 16.- Euro
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