//

Radikal innovativ

Film | Im TV: ›TATORT‹ 924 – Die Feigheit des Löwen (NDR), 30. Nov

Diesmal wird in deutsch-syrischen Zusammenhängen ermittelt, es geht zunächst um illegale Immigranten und um einen Schleuserring, der in einen Todesfall verwickelt ist, gefälschte Pässe, die Bundespolizei fahndet. Von WOLF SENFF

Tatort - Die Feigheit des LöwenFoto: NDR/ Christine Schroeder
Tatort – Die Feigheit des Löwen
Foto: NDR/ Christine Schroeder
Lydia und Raja sind beste Freundinnen, Lydia ist mit Nagid verheiratet, einem Arzt, der seit einigen Wochen seinen syrischen Bruder beherbergt, ebenfalls einen Arzt, der Arbeit sucht, um eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten.

Ein Sprung ist misslich

Das Geschehen, man weiß es, darf nicht stillstehen. Doch ein Wechsel vom erstaunten Ausruf der Kommissarin auf eine telefonische Mitteilung hin (sie erhielt Nachricht vom Fund der Leiche) über einen eilig noch zwischengeschalteten Take dann zum Leichenschauhaus, wo der Sohn soeben die Leiche seines Vaters Achmed Shuk identifiziert hat, ist durchaus ein kühner Sprung, und ein Sprung ist misslich, im Porzellan wie im ›TATORT‹.

Das Drehbuch ist ambitioniert und gestaltet das Geschehen auch inhaltlich kompliziert, denn genaugenommen geht es, wie man nach und nach feststellt, um eine verwickelte syrisch-deutsche Familienangelegenheit, die weit in die Vergangenheit des Bürgerkriegs zurück reicht, und es ist beeindruckend dargestellt, wie das normale bürgerliche Leben in einer Arztfamilie der norddeutschen Kleinstadt Oldenburg von diesen Ereignissen eingeholt wird.

Humor? Wo ist Humor?

Vermutlich wäre es vollauf genug gewesen, die tragische, auch erschütternde Familiengeschichte darzustellen, der Schleuserring versorgt uns zwar ebenfalls satt mit Rührung, hier offeriert uns das Drehbuch ein hilfloses Kind, doch so richtig drängt sich keine Erklärung dafür auf, wie denn diese beiden Erzählungen zueinander passen sollen, außer dass es um Syrer geht.

Auch an anderen Stellen fragt man nach dem inneren Zusammenhang, etwa als die Pathologin auf Folter hinweist und den Mord mit den Apfelstücken so bezaubernd drollig nachstellt. Amüsant, ja schon, doch was soll die Anspielung auf Professor Börne samt Assistentin aus Münster in einem ›TATORT‹, der weder einen parodistischen Rahmen hat noch überhaupt humorvoll unterlegt ist. Nein, sinnvoll erklären lässt sich das nicht. Und wir brauchen es ebenso wenig, dass uns nachher dieser Mord per Rückblende noch einmal eingespielt wird.

Der gängige Typ Mann

Wer nicht höflich bleiben möchte, hält diesem ›TATORT‹ Rosinenpickerei vor, ein »Haschen nach Wind«. Wir sehen vieles, was gerade schick ist oder was man für angesagt halten mag, reichlich Alarm eben auch, ziemlich Tränendrüse, und das alles zusammengewürfelt ergibt, wie man sehen kann, keinen niveauvollen Krimi. Wenngleich es liefern mag für paar aufgeregte Artikel am Montag in unseren großbuchstabigen Leitmedien.

Dieser Bundespolizei-›TATORT‹ sucht bereits länger nach seinem eigenen Stil. Kommissar Falke wirkt so hölzern und unflexibel wie er sich bewegt, unter Stress neigt er zum Brüllen. Gut, das mag in Zeiten, da Til Schweiger beim NDR die Maßstäbe setzt, der gängige Typ Mann sein, und Falke scheint sich – oh harte Schale, oh weicher Kern – allmählich zu lockern, zumal er in dieser Folge eine Nacht im Bett der Kollegin verbringt.

Flüssige Droge macht Flügel

Der Alkohol ist’s, der den alternden Ermittler Falke mit der milchgesichtigen Kommissarin zusammenführt. Wo sich sonst nichts tut, trinkt man sich Mut an, die peinlichen Ergebnisse kennen wir nicht erst seit Schweigers Talkshow-Auftritten. Und ist da nun was gelaufen außer Alkohol? Ach dass man sich erinnern könnt‘!

So ist bei den Kommissaren eine eigene Erzählung angelegt, die betulich daherkommt und so furchtbar verschwitzt männlich. Dass flüssige Droge mal ’nen Flügel wachsen lässt, das bilden sich nur junge Hüpfer ein.

›Rammbock‹ und ›Blutgletscher‹

Man fragt sich, weshalb all das seitens der Regie nicht wenigstens mit Ironie gebrochen wird. Sie halten da aber wohl die Darstellung für schrecklich lustig, man darf die Dämlichkeit dieser Leute nicht zu niedrig ansetzen, wir leben in einer Hochleistungsgesellschaft. Na denn. Nein, ›Die Feigheit des Löwen‹ sollte man sich besser nicht antun.

Der Regisseur von ›Die Feigheit des Löwen‹, dieser Hinweis erhellt den Hintergrund, stammt aus der Horrorfilmtradition. Er reüssierte mit seinen Produkten ›Rammbock‹ (2010) und ›Blutgletscher‹. Man sieht, der Norddeutsche Rundfunk ist radikal innovativ um das Image des ›TATORT‹ bemüht. Unsere Leitmedien wärmen sich bereits auf für Helene Fischer, die in einem der nächsten NDR-TATORT-Erzeugnisse eine Gastrolle geben wird.

| WOLF SENFF

Titelangaben
›TATORT‹ Die Feigheit des Löwen (NDR)
Ermittler: Wotan Wilke Möhring, Petra Schmidt-Schaller
Regie: Marvin Kren
So., 30. November, 20.15 Uhr (ARD)

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

The First Draft Of A Worst Case Scenario

Nächster Artikel

Abenteuerliches

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

Auf dem Trip

Film | Raf Reyntjens: Paradise Trips. Eine belgisch-niederländische Coproduktion »Der Sommer der Liebe«, schrieb der als Student in San Francisco lebende Student der Politischen Wissenschaft, Hans Pfitzinger († 2010) in seinen Erinnerungen ›Love and Peace‹ und all die Hippies aus dem Jahr 2007, »fing am 16. April 1943 in Basel an. Dort, im pharmazeutischen Labor der Chemiefirma Sandoz, spürte erstmals ein Mensch die Wirkung von LSD …« Gedanken zu einer sehr komischen Tragödie über die Wiedergeburt einer Gesellschaftsform von DIDIER CALME

Freud vs. Ripper

Film | Neu auf BluRay: Hände voller Blut (Anolis) Jason vs. Freddy; Alien vs. Predator; Batman vs. Superman! Viele Zuschauer lieben Filme mit schrägen Paarungen – und die unüberschaubaren Konsequenzen, die oft aus solchen Begegnungen entstehen. Was passiert nun, wenn die Mordserie Jack the Rippers und die Ideen des Psychologen Sigmund Freud kollidieren? Die Auswirkungen schildert der Zelluloidklassiker ›Hände voller Blut‹ (Hands of the Ripper, 1971) des legendären Hammer-Filmstudios auf indirekte Art. ANNIKA RISSE auf einer Zeitreise in die Blütezeit des Hammer-Horrors

Die Alternativen sind kaum vielversprechend

Film | Japan-Filmfest Hamburg ›Spinning Kite‹ Samstag, 31. Mai, 13:00 Uhr, Metropolis-Kino Mit ›Heavy Metal‹ wird eröffnet, ›Coming of Age‹ heißt das Genre, sein Thema: die Initiation, das Erwachsenwerden. Nach ihrem Gig sitzen Maki, Kido, Jun und Bunji in der Kneipe, das lässt sich gut an. Sie torkeln durch nächtliche Straßen und schlafen auf einem Kinderspielplatz ihren Rausch aus. Nun sind wir neugierig. Von WOLF SENFF

Das Leben geht weiter

Film | Jia Zhang-Ke: Still Life

Der englische Titel, unter dem Jia Zhang-Kes semidokumentarischer Spielfilm den Goldenen Löwen auf der venezianischen Mostra del Cinema 2006 gewonnen hat und unter dem er bei uns läuft, enthält die widersprüchliche Doppeldeutigkeit des Films in nuce. ›Still Life‹ ist zum einen die wörtliche Übersetzung des kunstwissenschaftlichen Fachbegriffs für »Stilleben«; zum anderen annonciert der Titel, dass es immer noch Leben gibt, wo alles nicht bloß »den Bach hinunter«, sondern von dem größten Staudammprojekt der Welt, dem umstrittenen »Drei- Schluchten-Damm des Yangtze«, verschlungen, nämlich überflutet wird – z.B. die 2000 Jahre alte Altstadt Fengjis. Von WOLFRAM SCHÜTTE

»Mein Film, mein Leben«

Film | Im Kino: The Disaster Artist Wie konnte einer der schlechtesten Filme aller Zeiten ›The Room‹ von 2003, der trotz 6 Mio. Produktionskosten gerade mal 1800 Dollar einspielte, zum Kultmovie avancieren? Dahinter steckt der exzentrische Tommy Wiseau, der »Disaster Artist«. Bis heute macht er sich in Kalifornien als Schauspieler, Regisseur, Produzent und Drehbuchautor seinen eigenen – kontroversen – Namen. Auch ANNA NOAH fragt sich: Wer ist der Mann, über dessen Herkunft und Geldquellen man bis heute nur spekulieren kann?