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Herr Kant blickt streng auf Österreich

Kulturbuch | Beatrix Müller-Kampel: Hanswurst, Bernardon, Kasperl

Das Buch von Beatrix Müller-Kampel lesen, heißt ein Schlachtfeld betreten. Wir wohnen der Hinrichtung von Hanswurst, Bernardon und schließlich des schon weitgehend gezähmten Kasperle bei. Von JÖRG DREWS

Hanswurst Bernardon KasperlDer einzige Trost dabei ist, dass wir einmal mehr den Grund unseres häufigen Missvergnügens an einem Theater erkennen können, dem heute durch allgemeine Stadttheater-Wohlanständigkeit, historisch aber durch Philosophie und Verwaltungspraxis der Aufklärung, durch theresianisch-josephinische Reformer und die Anfänge einer Arbeitsmoral der Selbstdisziplinierung und Triebaufschub das Fleischliche ausgetrieben wurde. Das Schlachtfeld liegt in der Mitte des 18. Jahrhunderts, in der ominösen »Sattelzeit« (Reinhart Koselleck), in der in Poesie und Wissenschaft so viel entschieden wurde, etwa zwischen 1747 und 1770 im vorliegenden Fall, als mit der Anarchie des Körperlichen auf dem Theater aufgeräumt wurde.

Es wäre sicher kindisch und unrealistisch zu hoffen, es würde wieder handfester und triebhafter, grober und unsublimierter auf der Bühne zugehen, um die Blutleere des reduziert Körperlichen, das langweilig Nicht-Widerständige des meisten heutigen Theaters rückgängig zu machen. Aber konsequente Vergeistigung hat – das wusste schon Gotthold Ephraim Lessing bei seinem Kampf gegen des Professors Gottsched stubenreine Theaterkonzeption – ihren Preis, und der Preis in Mitteleuropa ist wohl, dass es kaum noch Spaß- und Lachtheater gibt und häufig uns als »Komödie« verkauft wird, was uns doch nur schwaches Lächeln entlockt.

Das war einmal anders, und keineswegs nur für die Theatergelüste der Gosse, sondern bei einem breiten Publikum im Wien des 18. Jahrhunderts, dessen Theater offenbar eine barocke Tradition von dargestellter Körperlichkeit fortführten, ja sogar seit Joseph Anton Stranitzky ab etwa 1710 wieder verstärkt pflegten. Stranitzky ließ den obszönen Witz des Hanswurst die »Haupt- und Staatsaktionen« durchsetzen und konterkarieren, Joseph Felix von Kurz erfand die lustige Figur des »Bernardon«; Fresssäcke, Hosenscheißer und Windmacher bevölkern die Bühne, denen man noch nicht einmal zugutehalten kann, dass sie heimlich und indirekt irgendwie »subversiv« gewesen seien. Nein, es herrschte einfach die Lust am Nicht-Sublimierten, am Ungehörigen, an Aggressivität und Unflat; man gab dem unzivilisierten Affen in sich Zucker, indem man über Feiglinge und Angeber, Dummköpfe und Analphabeten lachte, die dauernd Wörter missverstehen, gesellschaftlich unbrauchbar sind, schimpfen, Leichen ausrauben und Geld herauswinden, bei wem es nur geht.

Addiert man, was da an Prahlhansen, Narren und Galgenstricken, Säufern und Sexualfantasten seine Rodomontaden und Zoten ablieferte, so hat man spätbarocke Verfallsprodukte vor sich, aus dem Ruder gelaufene Hanswurste, die triebmäßig und in der psychosozialen Organisation ihrer Person noch gar nicht diszipliniert und zentriert sind und ganz voraufklärerisch ihrer Triebhaftigkeit frönen und jene »Gargantua-Lust des Volkes an physischer Grossleistung« (Arno Schmidt) vorführen, die das Theaterpublikum offenbar sehr zu schätzen wusste, auch wenn die Zensoren behaupteten, diese Bühnenfiguren und Theaterpraktiken würden »mit sittenlosem Zeug aus dem Stehgreif die ganze Stadt ärgern«.

Geärgert haben sich eher nur die Volkserzieher und Moralisten, die theresianischen und josephinischen Beamten, die den Menschen zum Glück der Tugend und zum »guten Geschmack« verhelfen wollten und – unter der Begleitung der Kombattanten in aestheticis im sogenannten Kasperlstreit der Jahre nach 1750 – das gefährliche Stehgreifspiel und alle dabei möglichen Grobianismen verbaten und die Zensur einführten.

In Joseph Hafners Komödien, die vor zwei Jahren Johann Sonnleitner ediert hat, ging es in den 1750er Jahren noch einigermaßen ungebärdig, frech und ungehobelt zu, aber dann schrieb der fatale Joseph von Sonnenfels sein »Promemoria für die Richtlinien der künftigen Theaterzensur«, und 6 Tage später machte Joseph II. ein bestätigendes »Handbillett« daraus. Von da an ging’s bergab: Kasperle war nur noch ein lustiger, dann bald nur noch ein infantiler Spaßmacher, alle Identität war festgelegt; Personen durften sich nicht mehr wie rasend in andere verwandeln; Lärm und Maschinenkomödie wurden verbannt und es ging zu, wie es nach dem Willen der Aufklärung zugehen sollte: sittenkonform.

Die Grazer Germanistin peilt in ihrer Darstellung just jenen Zeitpunkt und Vorgang an, den eine deutsch-protestantische Literatur- und auch Theatergeschichtsschreibung gar nicht wahrgenommen hat, weil sie – ungeachtet dessen, dass auch Lessing gegen die Abschaffung des Hanswurst durch Herrn Gottsched sich ausgesprochen hatte – auf ein ganz anderes Entwicklungsmodell fixiert war und der Geschichte des Wiener Spaßtheaters mit seinem barock-katholischen und körpernäheren Hintergrund abgeneigt sein musste.

Komischerweise hat diese großdeutsche Literaturgeschichtsschreibung in gewissem Sinne recht, denn das nochmalige Aufblühen einer das unsublimiert Deftige feiernden Theaterkultur ist ein Spätling der Barockzeit und musste untergehen, bedrängt und kassiert durch eine Zurichtung der Menschen in Richtung Arbeitsfähigkeit und Selbstbeherrschung von einem stabilen Ich her; schneidend bringt es im fernen Königsberg Immanuel Kant auf den Punkt (auch wenn ihn gewiss weder Maria Theresia noch Sonnenfels gelesen haben …): »Junger Mann! Versage dir die Befriedigung (der Lustbarkeit, der Schwelgerei, der Liebe u. dergl.) … um einen noch immer wachsenden Genuss im Prospekt zu haben. Dieses Kargen mit der Barschaft deines Lebens macht dich durch den Aufschub des Genusses wirklich reicher. Das Bewusstsein, den Genuss in deiner Gewalt zu haben, ist, wie alles Idealische, fruchtbarer und weiter umfassend als alles, was den Sinn dadurch befriedigt, dass es hiemit zugleich verzehrt wird …«

Das könnte von Sigmund Freud sein; es klingt wie die Vorformulierung zum Begriff »Triebaufschub« – und den sollten also schon 150 Jahre früher die Menschen auf Befehl von Maria Theresia lernen, und das Theater sollte sie nicht daran erinnern, wie lustvoll das Gegenteil wäre …

Die Mitte des 18. Jahrhunderts brachte offenbar einen erneuten Schub in dem von Norbert Elias so genannten »Prozess der Zivilisation« (der zweite ereignete sich wohl mit dem massiven Auftreten der Industriekultur und dem Entstehen einer noch strenger an die Uhr gebundenen industriellen Arbeiterschaft); die Bändigung des Triebhaften machte sich auf dem Theater bemerkbar, und es wird nicht mehr häufig und nicht mehr hemmungslos erlaubt, sich zu vergnügen an dem Nicht-Gelingen der geforderten Ethisierung des Menschen.
Ganz schwach klingt zu uns noch herüber, wie kräftig es zuging, wenn wir bedenken – und durch Müller-Kampels Buch in vielen Beispielen vorgeführt bekommen –, dass natürlich noch der sich seines Analphabetismus‘ rühmende Papageno in der ›Zauberflöte‹ und der Diener Leporello im ›Don Giovanni‹ in der Hanswurst-Tradition stehen – aber sie sind schon gesittet und ins Spießbürgerliche gewendet und reden fast stubenrein und neigen zu keinerlei Exzessen mehr.

Eigentlich ist es ja kein Wunder, dass immer wieder Theatermacher – sowohl Regisseure wie Autoren wie auch Programmatiker – die ganzen neue Theatervisionen entwickeln, immer mal wieder ungeduldig an dem Käfig von Wohlanständigkeit, von Körperferne und Abstand von »elementaren« Materialien rütteln und sich Krassheiten ausdenken, um etwas von der Körpernähe, der Fleischlichkeit des Bühnengeschehens zurückzuerobern, um der schrecklichen Bravheit des üblichen Theaters zu entgehen, in dem auch der Exzess ja nur noch vergeistigt erlebt werden kann; ich denke, dass zum Beispiel die Kasperle-Stücke des jungen H. C. Artmann wie auch Hermann Nitschs Vision bzw. Arbeit an einem »Orgien-Mysterien-Theater« in diese Zusammenhänge gehören.

Überhaupt könnte man überlegen, ob nicht dass österreichische Theater an einer Tradition des Unsublimierten, des Volkstümlich-Kruderen aus bestimmten historischen Gründen, die mit einem stärker gebliebenen Katholizismus zusammenhängen, näher dran geblieben ist, bis hin zu Hermann Nitsch, auch zu einem Teil der Autoren der »Wiener Gruppe« und auch zu Wolfgang Bauer und Werner Schwab. Beatrix Müller-Kampels materialreiches, dicht argumentiertes und mit zwerchfellerschütternden Dokumenten angereichertes Buch, dem man den Spaß seiner Verfasserin am Umgang mit all den frechen und verrückten, sinnlichen und gegen den sog. Guten Geschmack ganz wurschtigen Stücken und »Helden« anmerkt, hat mich bestens unterhalten und vor allem wieder ganz sehnsüchtig gestimmt, mal wieder richtiges Chaos auf der Bühne zu erleben, nicht Staatsschauspielergeschrei, sondern großes Lärmen, Versuche des Extempore-Spielens, Possen mit Gesang, atemberaubende Abgeschmacktheiten, hinreißende Tänze, wüste Pantomimen … Ich wäre mal gespannt, wie dann doch der Zensor – zuvörderst in Gestalt der Theaterkritik – einschreiten würde. Vielleicht sind die Freiheiten, unsere angebliche Permissivität gar nicht so groß, wenn man es einmal darauf ankommen ließe.

Aber das sind Phantasien eines mit der Gezähmtheit des heutigen Theaters notorisch Unzufriedenen. Ein solches Personenverzeichnis, wie es etwa am Anfang von Goethes jugendlichem Spaß-Theaterfragment ›Hanswursts Hochzeit‹ steht (die drei Seiten müssen Sie unbedingt lesen! Und dieser Autor Goethe kriegte dann Angst vor dem »großen Wust« an Derbheiten in Philipp Hafners Theaterstücken!), kriegt man halt nicht zu allen Zeiten, und es ist ja auch nur ein Fragment und also eine Utopie, ein Zeigen auf etwas so Wünschenswertes wie Imaginäres.

Auf solche Gedanken und Gelüste bringt einen jedenfalls diese temperamentvolle, scharfsinnige und abwechslungsreiche Arbeit von Frau Müller-Kampel zu einem wichtigen Stück österreichischer Theatergeschichte. Gehört in diese Tradition auch Johann Nestroys Wortspiel-Anarchismus? Eher nicht, denn dessen Haltlosigkeiten sind sozusagen ›hirniger‹, raffiniert-verbaler … und Christof Schlingensiefs Installationen wiederum leben nicht vom körperlichen und generell unflätigen Tabubruch, sondern intervenieren – so schrill-wirr sie sich auch geben – von einem politischen Theaterkonzept her, sind vielleicht die heutige Variante einer »operativen Literatur«.

Jedenfalls schubst einen Frau Kampels »Kasperl«-Buch auf Gedankenbahnen, die keineswegs nur in der Historie liegen, sondern in die unmittelbare Theatergegenwart führen.

| JÖRG DREWS

Titelangaben
Beatrix Müller-Kampel: Hanswurst, Bernardon, Kasperl
Spaßtheater im 18. Jahrhundert
Ferdinand Schöningh Verlag 2003
258 Seiten, 29.80 Euro
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