/

Genießen, wenn alles schläft

Kulturbuch | Claus Schulz, Jürgen Becker (Fotografien): Der Garten im Winter

Jurist, Gartenliebhaber und Inhaber eines Gartengestaltungsunternehmens Claus Schulz hat in Jürgen Becker einen kongenialen Beobachter eines Gartens im Winterschlaf gefunden. Der Garten im Winter ist mehr als nur ein hübsches »Coffeetable-Buch«, es mahnt die Schönheit einer Jahreszeit an, die von den meisten Liebhabern von Flora ignoriert wird. Zu Unrecht, denn VIOLA STOCKER lässt sich von den berückenden Fotografien eines Dornröschenschlafs verzaubern.

Der Garten im Winter von Claus SchulzSehr lyrisch beschreibt Claus Schulz einen Garten, der zu allen Jahreszeiten betörend schön ist. Doch es ist dem Winter mit Schnee und Frost zu verdanken, dass die Ergebnisse menschlicher Arbeit und natürlichen Wachstums geradezu unwirklich erscheinen. Schulz nimmt dem Garten im Winter die Trostlosigkeit, die einen sonst ambitionierten Gartenfreund in den grauen Monaten beim Anblick seines Hobbys überfällt.

Schlafes Bruder

Tod und Schlaf liegen in dieser Jahreszeit nah beieinander. Für alle, die auf Farben und Formen zwischen November und März nicht verzichten wollen, beschreibt Schulz genau Art und Gattung der fotografierten Pflanzen. Sehr sympathisch und dazu noch arbeitserleichternd ist, dass er den Garten in einer von der Natur selbst gewählten Form ruhen lässt. Während Gehölze durch Laubabwurf Gewicht und Wasserhaushalt reduzieren, schaffen es einige mutige Spätblüher nicht, sich der eisigen Hand des Frostes zu entziehen. Der Winter, ein Mausoleum für blühende Pflanzen.

Wenn das Grün der Blätter fehlt, fallen Strukturen umso mehr ins Auge. Gräser und Gehölze definieren den Anblick, der Formschnitt der Immergrünen erhält durch die Witterung ein weißes Kleid. Schön, wie Schulz alte Blütenstände überwintern lässt, sie lockern die strengen Formen der Äste und Zweige auf. Um den eigenen Garten ähnlich ansprechend zu gestalten, hat Schulz viele kreative Vorschläge parat, die sich vor allem auf die richtige Auswahl der Pflanzen beziehen. Unterschiedliche Rindenstrukturen und Gehölzfarben, sowie einige wenige Winterblüher verwandeln auch den winterlichen Garten in ein Paradies.

Zurückhaltung und Respekt

Dennoch sollte das Motto des Gärtners im Winter das der Winterruhe bleiben. Wer nun seinen Garten mit Schnitten und Aufräumarbeiten belastet, stört den wohlverdienten saisonalen Schlaf. Schließlich sollen die Pflanzen für den Frühling neue Kraft schöpfen. Der Winter bleibt eine »tabula rasa« für bevorstehende Frühlingsträume, die Ruhe sei nicht nur dem Garten, sondern auch dem Gärtner vergönnt. Von der Rolle des Gestalters in die des Beobachters gedrängt, sind ihm gottlob in gärtnerischer Hinsicht weitgehend die Hände gebunden. Es bleibt die Möglichkeit, den Winter zu genießen und zu betrachten.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Claus Schulz, Jürgen Becker (Fotografien): Der Garten im Winter. Eine Spurenlese in faszinierender Vielfalt
München: Deutsche Verlags-Anstalt 2014
144 Seiten, 29,99 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Politisch nicht opportun

Nächster Artikel

Billig und Boulevard

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Was ist ein Foodtrend?

Kulturbuch | David Sax: Tastemakers David Sax, Journalist und Sachbuchautor aus Kanada, setzt sich in ›Tastemakers‹ mit Foodtrends auseinander. Während beim Titel noch geschmunzelt wird, steht nach der Lektüre fest: Modetrends aus der Küche erreichen jeden – selbst diejenigen Menschen, die denken, sie wären immun gegenüber Essenstrends. VIOLA STOCKER muss sich kritischen Fragen stellen: wann begann der Chiasamenkonsum und weshalb mag wirklich niemand mehr Fondue?

Wurzeln des Lebens

Kulturbuch | Emanuele Coccia: Die Wurzeln der Welt Naturphilosophie ist ein weites, endloses Feld. In der Moderne gibt es eine starke Anbindung an naturwissenschaftliche Methodik und Erkenntnisse und schwächere Ansätze, die an die antike Lehre des Parmenides anknüpfen, einem Vorsokratiker, der die Idee einer Einheit von Sein und Denken ausbildete. Von WOLF SENFF

Historische Arbeit mit Gegenwartsbezug

Kulturbuch | Dierk Walter: Organisierte Gewalt in der europäischen Expansion Dierk Walter mischt die Vergangenheit auf und man kann dem so gar nichts entgegenhalten. Europa als Friedensmacht? Die Freie Welt als Vorbild? Nein, kommt nicht vor. Dierk Walter widmet sich der »politischen, wirtschaftlichen und militärischen Machtprojektion«, ausgehend vom »kapitalistischen Zentralstaat der westlichen Moderne«. Von WOLF SENFF

Vögel – Spitzenerzeugnisse der Natur

Kulturbuch | Josef H. Reichholf: Ornis. Das Leben der Vögel Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache, aber es gibt sie, diese Parallelwelt. Den Briten, heißt es, seien die Vögel besser bekannt als die Menschen; was daran liege, dass es unter ihnen besonders viele Ornithologen gebe. Ornithologie ist wie ein Praktikum in einer Welt zu schön, um wahr zu sein, ein weit entfernter Himmel, du lässt einfach nur zu, dass die Welt der Vögel von dir Besitz ergreift, schon bist du hin und weg. Na ja, merkwürdig ist das schon – ein Thema, das in der Presse gar nicht existiert. Von

Champagner in der Chefetage

Kulturbuch | David Graeber: Schulden Zurzeit scheint David Graeber everybody’s Knuddel-Radikalinski zu sein. Der gelernte und lehrende Anthropologe mit dem kecken Jungsgesicht düst von Occupy!-Camp zu Occupy!-Camp, bedient zwischendurch allerlei Medien mit frisch-fröhlichen Interviews, heimst Jubelrezensionen in unseren meinungsmachenden Blättern und sogar verbale Streicheleinheiten von manchem Banker ein. Dabei ist das, was er der Welt zu sagen hat, keine leichte Kost, sondern ein wissenschaftlich fundierter Generalangriff auf den Kapitalismus. Wie man seinem 400-Seiten-Werk Schulden. Die ersten 5000 Jahre entnehmen kann. Von PIEKE BIERMANN