//

Billig und Boulevard

Film | Im TV: ›TATORT‹ Borowski und der Himmel über Kiel (NDR) , 25. Januar

Eingeblendete Bildfetzen, Dunkelheit, viel Geräusch, ein Leichnam, eine Axt, zwei Beine von Täterin/Täter, das ist schon allerhand und war nur Vorspann, von der Leiche gibt’s bis auf weiteres nur Kopf. Rätselhafte Heimat Schleswig-Holstein. Von WOLF SENFF

Foto: NDR / Christine Schröder
Foto: NDR / Christine Schröder
Folgt ein betuliches Ermittlergespräch, der Zuschauer erfährt Zusammenhang. Und es weht ein aufdringlich pädagogischer Zug in den Film, wir erfahren während der ersten zehn Minuten gefühlt achtundzwanzigmal, wie die üble Droge heißt, und der Mann, der auf dem Hof mit dem Traktor Kreise dreht, wird mindestens ebenfalls drogengesteuert sein, er fiel zuvor schon unangenehm auf, da fuhr er noch Fahrrad, so geht’s zu. Ob hier alle irre seien, fragt Borowski denn auch in passend oberlehrerhafter Manier.

Alles andere als witzig

Das Drehbuch sattelt noch drauf und lässt die Ermittler im Büro entspannt über den Verbleib von Torso oder Einzelteilen des Leichnams schwadronieren, während sie ein gebratenes Huhn in Einzelteile zerlegen und verzehren. Plumpe Geschmacklosigkeit kommt gequält als Witz daher und verdirbt die Stimmung am Film.

Es führt nicht weiter, sich damit aufzuhalten, der Film will alles andere als witzig sein und hat seine Gründe. ›Borowski und der Himmel über Kiel‹ zeigt dem Sonntagabendpublikum die Welt von Jugendlichen, die sich völlig abgekoppelt haben, die auf Raves unter Droge stehen, der Rausch kann individuell ein, zwei Tage dauern, auch mehr.

Frau Brandt gibt den Schreihals

Aber es ist alles so durchsichtig, muss das denn sein, sie spielen Rückblenden ein, während Rita, die Freundin des Opfers, verhört wird. Rave und Sex und Drugs und Rock ’n roll, wir sehen Reality TV à la RTL2 und ach so viel pädagogische Lehrstunde, dass man sich bereits fragt, wann denn der ›TATORT‹ fortgesetzt wird.

Und nein, auch wenn man die sicherlich gut gemeinte Absicht schätzt, addiert sich dennoch allzu vieles, was man in einem zeitgemäßen ›TATORT‹ nicht erwartet. Das Verhör dauert inclusive Rückblenden deutlich länger als fünfzehn Minuten, es wird in schönster Altherrenmanier geführt, Borowski gibt die milde Version des distanziert auftretenden Patriarchen; seine Hilflosigkeit und Absurdität zeigt sich in seinem Appell »Rita! Hilf uns!«. Frau Brandt strapaziert ihr eh schon dünnes Stimmchen und probiert gern mal den Schreihals. Ein unbedarftes Drehbuch hält das vermutlich für zielorientierte Fragetechnik.

Auf Sensation mit Hackebeil

Gebrüll auch unter den Ermittlern nach dem Reinfall bei der Fahndung nach den Dealern; allerdings war dem Zuschauer längst klar, dass der Fall nicht nach der Hälfte der Sendezeit gelöst sein konnte. Aufgeklärt wird schließlich der Mordfall; das Ergebnis beim Drogenhandel bleibt unklar, ein »Labor« wird offenbar enttarnt, aber was aus den Betreibern wird, bleibt unbeantwortet.

Von Krankheiten scheint der ›TATORT‹ generell runter zu wollen, bei dem hirnkranken Murot vom Hessischen Rundfunk ebenso wie bei der neulich noch von Epilepsie bedrohten Frau Brandt. Wir werden zwar alle älter, doch Krankheit ist völlig untrendy. Ersatzweise wird ein Dorf komplett als »irre« denunziert, und irre ist bekanntlich nicht tödlich.

Man mag einwenden, das seien Kleinigkeiten, doch wie heißt es auf dem Land: auch Kleinvieh macht Mist, und am sonstigen Niveau beim ›TATORT‹ gemessen, ist ›Borowski und der Himmel über Kiel‹ oberflächlich und konzeptionslos, außer dass man sich dem Boulevard andient. Regie und Drehbuch machen auf Sensation mit Hackebeilchen, auf ›Sex sells‹, auf Dosis Rührung mit Borowskis Tochter und stellen uns die Konsumenten von Drogen vorzugsweise zombiemäßig ins Bild.

Großbuchstabige Revolverblätter

Das muss man wohl so zur Kenntnis nehmen. Der ›TATORT‹ des NDR aus Kiel (Borowski), Bundespolizei/Oldenburg (Falke) und Hamburg (Schweiger) ist unangenehm und auffällig auf Boulevard orientiert, also seichtes Niveau, aufdringliche Gefühligkeit, plakative Figurenzeichnung, Sensationsgewese.

Zwei der norddeutschen Kommissare, als Saufkumpane bekannt, traten vergangenen Monat bei der Abschiedsgala von ›Wetten, dass ..‹ auf, bei einem von ihnen wurde tags darauf öffentlich spekuliert, ob er alkoholisiert gewesen sei . Der NDR überquert schwankend, aber zielsicher die Grenze zum schlechten Geschmack, ein Glaserl muss noch rein, er orientiert sich am Vorbild unserer großbuchstabigen Revolverblätter, wenngleich deren Leserschaft kontinuierlich schrumpft, was soll das.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Borowski und der Himmel über Kiel (NDR)
Ermittler: Axel Milberg, Sibel Kekilli
Regie: Christian Schwochow
Sonntag, 25. Januar, 20.15 Uhr, ARD

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Genießen, wenn alles schläft

Nächster Artikel

Sinking Can Be A Beautiful Thing

Weitere Artikel der Kategorie »Film«

»Mutig, wie ein schwuler James Bond«

Interview | Film | Im Kino: Tom of Finland. Interview mit dem Regisseur Dome Karukoski Dome Karukoskis Filmbiografie ›Tom of Finland‹ ist eine Hommage an die Ikone der queeren Popkultur. Pornografie, Camp oder Kunst – seine homoerotischen Zeichnungen sind ein wichtiger Teil der Schwulenbewegung. Der Film zeigt eine schillernde Coming-out-Geschichte, aus Dunkelheit und Unterdrückung zu Freiheit und Licht. Er ist finnischer Kandidat bei den Auslands-Oscars. SABINE MATTHES sprach mit Regisseur Dome Karukoski.

»Geheimnisse sind Lügen«

Film | Im Kino: Das Sci-Fi -Drama ›The Circle‹ Würden sich die Menschen generell besser verhalten, wenn Sie wüssten, dass sie rund um die Uhr überwacht werden? Absolute Transparenz in allen Lebensbereichen klingt zunächst nach Totalitarismus in der Tradition George Orwells. Was aber, wenn jeder von uns höchstpersönlich daran beteiligt wäre, ohne es zu merken? So wie die strebsame Mae Holland im Sci-Fi- Drama ›The Circle‹, die glücklich über ihren Job bei der modernsten Firma der Welt ist. Doch wie hoch wird der Preis sein, den sie am Ende für Wissen und Informationen zahlen muss? ANNA NOAH ist skeptisch.

Die andere Kammerzofe

Film | DVD: Tagebuch einer Kammerzofe 1964 kam Luis Buñuels Tagebuch einer Kammerzofe in die Kinos, das nicht zuletzt wegen Jeanne Moreau in der Titelrolle zu einem großen Erfolg wurde. Der Film basiert, sehr frei, auf dem gleichnamigen Roman von Octave Mirbeau, der 1900 erschienen ist. 18 Jahre vor Bunuel gab es bereits eine Verfilmung des Stoffes, und ihr Regisseur war kein Geringerer als Jean Renoir. Von THOMAS ROTHSCHILD

Nun habt euch mal nicht so!

Film | Im TV: TATORT – Ohnmacht, 11. Mai Die ersten sieben Minuten von ›Ohnmacht‹ sollte man sich wie oft ansehen? Sieben Mal? Genau, nur diese sieben Minuten. Sieben Mal. Tödlich. Allein die kalte U-Bahnhof-Szene sehen, meine Güte, allein die teilnahmslosen Leute, so kalt, so abgewandt, so apathisch, so Leben auf Sparflamme. Sie schauen gar nicht hin, während neben ihnen einer erbärmlich zusammengeprügelt wird; ist das die Welt, in der wir leben? Gute Frage! Ballauf, der spontan empört ist, der sich einmischt, bekommt ebenfalls aufs Maul. Von WOLF SENFF

»Hollywood war nicht einmal in unserem Rückspiegel«

Film | Black Cinema Das Münchner Filmfest widmete dem afroamerikanischen Black Cinema eine eigene Reihe – von Klassikern der ›L.A. Rebellion‹ bis Arthur Jafa. Sie faszinieren durch ihre rohe Energie und traumwandlerisch-poetische Bilder. Von SABINE MATTHES