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Kulturbuch | Jean Pierre Wils: Kunst. Religion. Versuch über ein prekäres Verhältnis

JOSEF BORDAT über den Versuch des Philosophen Jean Pierre Wils, das Verhältnis von Kunst und Religion zwischen Kompensation, Komplementarität und Konflikt zu bestimmen.

Jean Pierre Wils: Kunst. Religion. Versuch über ein prekäres VerhältnisDer in Kranenburg am Niederrhein lebende Kulturphilosoph und Ethiker Jean Pierre Wils hat sich eines Themas angenommen, das von höchster Aktualität und größter Bedeutung ist: die Betrachtung des spannungsgeladenen Verhältnisses zweier prägender Kulturphänomene, der Kunst und der Religion. Oft in einen Konflikt gestellt (wenn es etwa darum geht, dass Kunst Religion kritisch oder auch spöttisch thematisiert), oft im Sinne einer Kompensation verstanden (wenn etwa festgestellt wird, dass die Menschen hierzulande heute nicht mehr regelmäßig pilgern, sondern statt dessen genauso regelmäßig zur »Langen Nacht der Museen« aufbrechen), werden gängige kulturtheoretische Interpretationen der zeitgenössischen Soziologie und Philosophie der tiefen Sinndimension beider Orientierungssysteme nicht ganz gerecht. Zumindest lassen sie eine Deutungslücke, die Wils‘ Essay zu schließen versucht. Seine Kernthese lautet: Neben Konflikt und Kompensation tritt die Komplementarität, die neben der Spannung auch die Berührung der Phänomene zulässt.

Im Angesicht des Todes

So geht der Verfasser zunächst davon aus, dass beides ernstzunehmen ist und bleibt, auch die Religion (hier nimmt Wils eine ähnliche Haltung ein wie Bruno Latour in seiner Standortbestimmung Jubilieren. Über religiöse Rede von 2011), wenn es um die Analyse von Sinnstiftungsinstanzen des Menschen im 21. Jahrhundert geht. Seine Fragen fokussieren im Letzten jenen Topos, den Religion und Kunst teilen: das Traumatische und das Therapeutische, die Verletzung und die Verheilung. In Grenzsituationen, paradigmatisch: angesichts von Sterben und Tod, vermitteln sie uns aus einem reichen historischen und systematischen Vorrat Bewältigungsstrategien für das Schicksal, in das wir gestellt sind. Das von den Religionen angeregte und im religiösen Ritus praktizierte »Gespräch mit den Toten«, so Wils, würde »ohne unsere ästhetische Investierungen restlos verstummen«. In der Kunst – Wils erinnert an den »Totentanz« – haben wir zudem ein nicht-konfessionelles Kommunikationsmittel, das unserer Erinnerung an die Toten und gleichsam auch unserer Beziehung zum Tod überhaupt dienlich ist. Religion und Kunst wirken hier fruchtbar zusammen.

Blasphemie

Wils geht allerdings auch auf die Konfliktthese ein (ausführlicher in einer eigenen Monographie: Gotteslästerung, 2007). Blasphemie betrachtete Wils als »Anachronismus«, weil sie auf eine Realität Gottes zielt, deren Postulat vor der Gesellschaft heute keinen Geltungsanspruch mehr habe. Anders gesagt: Der Blasphemie ist der Gegner verloren gegangen. Wils‘ scheint dabei jedoch zu übersehen, dass die Blasphemie in der Praxis gar nicht gegen Gott gerichtet sein will (das kann sie ja auch nicht, schon gar nicht aus einer atheistischen Sicht), auch nicht gegen »Religion« (wie sollte das auch gehen, angesichts der Vielschichtigkeit und Unbestimmtheit des Begriffs), sondern gegen religiöse Institutionen und Menschen, die ihre Religion ernst nehmen, die wirklich zu glauben wagen. Und hier besteht das gleiche Problem einer Abgrenzung zum Überschlag des Freiheitsgebrauchs in Richtung Unterdrückung der ebenso legitimen Position Andersdenkender bzw. -glaubender wie es jedem anderen Freiheitsrecht auch zu eigen ist; auch die Meinungsfreiheit beispielsweise hat ihre wohlbegründeten Grenzen.

Freiheit ist etwas anderes als Frechheit. Aufklärung ist ein Projekt der Vernunft, Provokation um der Effekte wegen ist hingegen unvernünftig. Hatte die historische Aufklärung die Gotteslästerung zur Religionslästerung modernisiert, wie Wils feststellt, müssten wir heute noch einen Schritt weiter gehen und die Blasphemie als Religiösenlästerung auffassen und danach erneut ihre Legitimität bemessen. Schließlich waren und sind es immer Menschen, die unter Blasphemie leiden, ob »wir« das nun verstehen oder nicht. Insoweit stellt auch Wils‘ Diagnose, das eigentliche Problem bestehe im »Blasphemie-Vorwurf«, die Dinge auf den Kopf: das Problem besteht zunächst in einer gewaltsamen Kommunikation über das, was dem Anderen heilig ist. Damit trifft man immer den konkreten religiösen Menschen, auch wenn man ganz abstrakt die »Religion« meint. Dass diese symbolische Gewalt nicht überall so gut ausgehalten wird wie im (ehemals) christlichen Europa, ist ein Anlass in beide Richtungen nachzudenken: Was können die betroffenen Religionsgemeinschaften tun, um besser mit Kritik fertigzuwerden? Und: Was sollten die stets sprungbereiten Religionskritiker in der Zwischenzeit unterlassen, damit dieser Prozess nicht ständig von innen heraus in Frage gestellt werden kann? Gerade weil klar ist, welche Folgen bestimmte Kunstformen haben können, sollte ein sensitiver Stil im Umgang mit dem, was einem selbst fremd, anderen aber heilig ist, als besonders wichtig gelten.

Persönlich, dennoch sachlich

Der aspektenreiche Essay von Jean Pierre Wils ist durchaus persönlich angelegt, bleibt aber in Sprache und Inhalt so sachlich, dass er auch zu allgemeinen Aussagen führt. Wenn auch einige Darstellungen irritieren (so richtig es etwa ist, dass die Römisch-Katholische Kirche in Lateinamerika aufgrund des enormen Erfolgs evangelikal-charismatischer Gemeinschaften unter Druck gerät, so falsch ist die Suggestion, die Kirche begegnete diesem Problem mit dem »Automatismus der Zwangstaufe« – einen solchen »Automatismus« gibt es ebensowenig wie »Zwangstaufen«), so entfaltet der Verfasser doch kompetent und verständlich ein Thema, das für Theologie und Philosophie, und hier für die Ethik wie für die Ästhetik, grundsätzlich durchaus relevant ist.

| JOSEF BORDAT

Titelangaben
Jean Pierre Wils: Kunst. Religion. Versuch über ein prekäres Verhältnis
Tübingen: Klöpfer & Meyer 2014
272 Seiten. 24 Euro

Lesung
Jean Pierre Wils liest aus Kunst. Religion. Versuch über ein prekäres Verhältnis
25. September 2014, 20:00 Uhr
Bernstein-Verlagsbuchhandlung R 2
Holzgasse 45
53721 Siegburg

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