Vordenker der Befreiung

Kulturbuch | Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires

Die koloniale Ausbreitung Europas (und der USA) über die ganze Welt im 19. Jahrhundert mag einem in der Schule oder an der Universität begegnet sein. Die brutale Herrschaftspraxis des Kolonialismus ist aber nirgends Inhalt des Lehrplans. Und schon gar nicht die überaus mühselige politische und geistige Befreiung der farbigen Völker. Der indische Wissenschaftler und Essayist Pankaj Mishra stellt einige der wichtigsten Vorläufer dieser Befreiung in Aus den Ruinen des Empires vor. Von PETER BLASTENBREI

Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires
Die Völker Asiens sahen sich im Prozess der Kolonisierung Mächten gegenüber, die mit äußerster Skrupellosigkeit und Brutalität alle Register ihrer technischen, militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit zogen, um ihre Ziele zu erreichen. Eine besondere Herausforderung wartete auf die Eliten dieser Länder: gleich wie altehrwürdig ihre eigenen Kulturen waren, Weiße begegneten ihnen nie auf Augenhöhe. Asiaten galten wahlweise als primitive Barbaren oder Kinder, die es zu unterwerfen und dauerhaft zu bevormunden galt.

Eine naheliegende Reaktion auf diesen kulturellen Schock war das Bestreben, das erfolgreiche westlichen Modell so schnell und so umfassend wie möglich zu kopieren, letztlich so schnell wie möglich »wie die Weißen« zu werden – im Japan der 1860er Jahre dachten Intellektuelle sogar über den Ersatz ihrer Muttersprache durch das Englische nach. Mishra interessiert sich weniger dafür als für Denker, die dem kompakten rassistischen und sozialdarwinistischen Auserwähltheitsanspruch des Westens eine tragfähige westöstliche Synthese entgegensetzen wollten. Seine Modelle sind der Perser Dschamál al-Dín al-Afgáni (1839-1897), der Chinese Liang Qichao (1873-1929) und der große bengalische Dichter Rabindranath Tagore (1861-1941).

Panorama asiatischen Denkens

Al-Afgani führte als Lehrer, Schriftsteller und Journalist ein Wanderleben zwischen Delhi und Istanbul, Moskau und Kairo, abwechselnd von den Mächtigen hofiert und als Aufrührer und Ketzer verfolgt. Als erster Moslem überhaupt wagte er sich an eine Anpassung religiöser Traditionen an die Erfordernisse seiner Zeit. Liang mit seiner klassischen Gelehrtenausbildung rang sein Leben lang mit dem Konfuzianismus, um, überzeugt von der Unreife seiner Landsleute für die Demokratie, als Minister in einer Militärregierung zu enden. Tagore ist im Westen fast nur als Literat bekannt, kaum als aktiver Antiimperialist. Allerdings war seine Haltung immer so moderat und kompromissbereit, dass er schon 1923 bei einer Vortragsreise in China von jungen Radikalen niedergeschrieen wurde.

Mishras zweites großes Anliegen sind die großen Wendepunkte des antiimperialistischen Denkens in Asien im 20. Jahrhundert. Die russische Niederlage in der Seeschlacht von Tsushima 1905 wirkte wie ein Donnerschlag bei allen Gebildeten, denn zum ersten Mal hatte sich gezeigt, dass die übermächtigen Weißen besiegbar waren. Der 1. Weltkrieg, an dem Araber und Chinesen, Iraner und Vietnamesen teilnahmen, raubte Europa auch noch den bisher gehegten Nimbus der moralischen Überlegenheit. Mit dem Versagen des US-Präsidenten Wilson auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 verloren auch die USA ihren Ruf als natürliche Verbündete der abhängigen Völker und machten Sowjetrussland und dem Kommunismus Platz.

Koloniale Götterdämmerung

Die Entkolonisierung Asiens ist aber ebensowenig denkbar ohne die japanische Expansion ab 1931. Viele Verfechter einer panasiatischen Solidarität unter den japanischen Intellektuellen wurden jetzt eifrige Propagandisten des Militarismus, und das Land zeigte innerhalb weniger Jahre, dass es nicht weniger hart und brutal zugreifen konnte wie nur je eine weiße Macht – auf dem Trümmerhaufen, den es hinterließ, war die schöne alte Welt der Mijnheers und Sahibs nicht mehr zu rekonstruieren.

Das Buch hätte hier seinen logischen Abschluss gefunden. Der Autor hat sich keinen Gefallen damit getan, die Geschichte Asiens weiter bis in die Gegenwart fortzuführen. Die Absicht, die politischen Nachwirkungen seiner Protagonisten zu Ende zu verfolgen, lässt sich tatsächlich nur bei al-Afgani umsetzen, auf den sich heute liberale Muslime ebenso wie Salafisten berufen, und dessen Andenken die Islamische Republik Iran in hohen Ehren hält. Ansonsten erinnert dieser Teil mit seinem Galopp durch Zeiten, Länder und politische Systeme fatal an die bekannten auskennerischen Kommentare deutscher Leitartikler.

Leider ist dies nicht die einzige Schwäche des Buchs. Das Kernstück der drei intellektuellen Biografien ist gut und überzeugend geschrieben. Mishras Methode der Einschaltung thematisch passender Zitate und Textpassagen anderer asiatischer Philosophen in die Biografien hat aber ihre Tücken, vor allem wenn sie so assoziativ angewendet wird wie hier. Besonders im Liang-Kapitel verschwindet der Protagonist immer wieder im vielstimmigen Chor seiner Zeitgenossen, und seine Ideen bleiben so denkbar blass.

Mit der islamischen Welt steht der Autor schließlich, trotz des hervorragenden Kapitels über al-Afgani, nicht auf bestem Fuß. Hier müssen einige schwerwiegende Fehler angemerkt werden, vor allem die diskussionsbedürftige Einschätzung des Wechselspiels von Modernisierung und Religion in Ägypten, der Türkei und dem Iran.

Das Buch vermittelt insgesamt einen ungewohnt dichten und faszinierenden Einblick ins asiatische Denken des frühen 20. Jahrhunderts, einen Bereich, der auf Deutsch wie auf Englisch völlig unterbelichtet ist. Mishras Quellenkenntnis ist umfassend und staunenswert, doch hat es den Anschein, dass diese Wissensfülle stellenweise die konzeptionelle Anlage des Buchs überfordert.

Titelangaben:
Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires. Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens
(From the Ruins of Empire. The Revolt against the West and the Remaking of Asia, 2012)
Deutsch von Michael Bischoff
Frankfurt am Main: S. Fischer 2013
441 Seiten, 26,99 Euro

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Leseprobe Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires (pdf)

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