Pause machen!

Kulturbuch | Goldie Hawn / Wendy Holden: 10 achtsame Minuten für stressfreie und ausgeglichene Kinder

Zugegeben, wenn eine Hollywoodschönheit Bücher über Erziehung schreibt, dann ist einfach Vorsicht geboten. Wenn dann der Name der Actrice weiter mit Neurologen in Verbindung gebracht wird, mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden, das Bewusstsein zu erweitern, ist die Versuchung groß, nach Verbindungen zu Scientology zu suchen. Zeit, sich 10 achtsame Minuten zu nehmen und zu hören, was Goldie Hawn zu sagen hat. VIOLA STOCKER gönnt sich eine Pause.

Goldie Hawn / Wendy Holden: 10 achtsame Minuten für stressfreie und ausgeglichene Kinder

Will man aufmerksam ein solches Buch lesen, ist es wichtig, die Vorurteile zumindest für einige Zeit wegzusperren. Hawn und Holden scheinen zu wissen, welche Vorbehalte ihrer Veröffentlichung entgegenstehen könnten, denn es ist auffällig, mit welcher Akribie sie all die Wissenschaftler im In- und Ausland auflisten, die das MIND-UP Programm unterstützen. Goldie Hawn fungiert als öffentlichkeitswirksame Patin für das us-amerikanische Pilotprojekt, das mittlerweile an vielen Schulen eingesetzt wird.

Ein Einblick in uns selbst

Ein erster Teil von 10 achtsame Minuten widmet sich dem menschlichen Gehirn. Für die weitere Lektüre ist das eine angenehme Auffrischung von hoffentlich nicht vergessenem Schulwissen. Diagramme sollen helfen, den eigenen Kindern die Funktionsweise des Gehirns nahe zu bringen. Hawn und Holden wollen diesen Part als Grundlage verstanden wissen, ohne welche das nun folgende MIND- UP Programm nicht verstanden werden kann. Tatsächlich ist es interessant, zu sehen, wie vehement unser Unbewusstes unser Denken und Handeln beeinflussen kann und wie leicht man doch Herr seiner selbst werden könnte, wenn man wollte.

Auf diesen ersten Teil, der bei allem theoretischen Wissen keineswegs akademisch anmutet, folgt ein Praxisteil, in dem jeweils einzelne Aspekte des Programms erläutert werden und für jeden davon Übungseinheiten vorgestellt werden. Insgesamt elf Teilperspektiven werden hier erläutert und die Tatsache, dass jedem Kapitel zwischen zehn und zwanzig Seiten zur Verfügung stehen, ergibt sich daraus, dass Wissenschaftler, Eltern, Pädagogen, Kinder und nicht zuletzt Goldie Hawn ausgiebig zu Wort kommen. Ein relativ simples System erhält so mehr Gewicht, als ihm sonst wohl zukäme.

Eine Reise zu sich selbst

Betrachtet man die Einzelkapitel, lesen sie sich lapidar. Es geht um achtsames Atmen, achtsame Sinneswahrnehmung, Optimismus, Glück, Dankbarkeit, Freundlichkeit und noch ein paar mehr positiv besetzte Begriffe aus dem Alltag. Hier liegt sowohl die Stärke als auch die gnadenlose Schwäche dieses Buches begraben. Bei allem wissenschaftlichen Unterbau, sind die letztendlichen Aussagen profan. Wer lernfähigere, ausgeglichenere Kinder haben möchte, so Hawn und Holden, sollte ihnen eine positive Lebenseinstellung nahe bringen sowie Techniken, sich in Zeiten von Angst und Aufregung zu beruhigen und auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Diese These enttäuscht. Sie schwimmt auf der Welle von europäischen Autoren wie Jesper Juul, die zu mehr Empathie aufrufen und ebenfalls an alte Werte appellieren. Gleichzeitig legt sie aber auch den Finger auf das Kernproblem. Offensichtlich sind immer noch derartige Bücher nötig, weil unsere Gesellschaft es trotz aller Versuche nicht schafft, ihren Nachwuchs zu positiven, wissbegierigen, empathischen Menschen heranzuziehen. Sie zeigt ebenfalls in ihrer Einfachheit das Janusgesicht moderner Elternschaft. Die Bereitschaft, sich komplexe Theorien anzulesen und die Nachkommenschaft in entsprechende Workshops auszulagern, ist vielleicht größer als der Wille, sich unseren Kindern als liebende Eltern zu nähern.

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Letztendlich gibt das MIND-UP Programm die Verantwortung an Eltern und Kinder zurück. Die Anregungen aus dem Buch sind also nur ein Beispiel. Als solches dürfen sie ruhig auf ihre Alltagstauglichkeit getestet werden und so mancher mag vielleicht feststellen, dass es im Anflug akuter cholerischer Anfälle wirklich hilfreich ist, tief durchzuatmen und diese Techniken dem eigenen Nachwuchs nahezubringen. Für alle, die sich eben dieses wieder einmal ins Gedächtnis rufen wollen, sind die 10 achtsamen Minuten eine lohnende Investition.

| VIOLA STOCKER

Titelangaben
Goldie Hawn und Wendy Holden: 10 achtsame Minuten für stressfreie und ausgeglichene Kinder
Aus dem amerikanischen Englisch von Maren Klosterman
Stuttgart: Klett-Cotta 2013
239 Seiten. 18,95 Euro

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Vom New Wave zum Re-Rave

Nächster Artikel

Eine schwarze Feder gibt’s aus London

Weitere Artikel der Kategorie »Kulturbuch«

Kapitalismus, Theater und Kritik

Bühne | Kulturbuch | Joachim Fiebach: Welt – Theater – Geschichte. Eine Kulturgeschichte des Theatralen Er gilt als Gigant unter den zeitgenössischen Theaterwissenschaftlern, ein Gigant, der scheinbar spielerisch Theater, Medien, Herrschaft, Philosophie und Kultur als Ganzes prägnant, pointiert und manchmal auch provokativ kontextualisiert sowie en passant sich auch noch als der Experte für das Theater Afrikas gerierte: der Berliner Professor Joachim Fiebach. Schon in zahlreichen Monografien und Artikeln hat er sich mit den sozialen und politischen Faktoren des Theaters beschäftigt und dabei aphoristisch über die dramaturgische Inszenierung der Realität laboriert. Jetzt hat Fiebach sein wissenschaftliches Opus Magnum vorgelegt, mit dem

Anfang und Ende

Gesellschaft| Barbara Honigmanns: Chronik meiner Straße »Wenn wir sagen, dass wir in der Rue Edel wohnen, antwortet man uns meistens, ach ja, da haben wir am Anfang auch gewohnt.« So lautet der erste, beinahe programmatisch anmutende Satz in Barbara Honigmanns autobiografischer Skizze über jene Straße im Osten Straßburgs, in der sie seit ihrer Übersiedlung aus Ost-Berlin im Jahr 1984 lebt. Wieder einmal schreibt die 66-jährige Autorin, die einst als Dramaturgin und Regisseurin an so renommierten Theatern wie der Volksbühne und dem Deutschen Theater Berlin gearbeitet hat, ganz stark an ihrer eigenen bewegten Vita entlang. Von PETER MOHR

Vampire, kurz gefasst

Kulturbuch | Gunther Reinhardt: Vampire

In seinem Sachbuch ›Vampire‹ weiß Gunther Reinhardt davon zu berichten, dass in den Jahren 1732/33 zumindest zwölf Bücher und vier Dissertationen zum Thema »Vampirismus« verfasst worden sind. Und zwar nicht wie heute als Schauermärchen, sondern durchaus ernst gemeint. Pünktlich zu Halloween hat sich BASTIAN BUCHTALECK über die Blutsauger informiert.

Subtilitäten & Tricks des Realismus

Kulturbuch | James Wood: Die Kunst des Erzählens Daniel Kehlmann, dem wir wohl die Möglichkeit zur Bekanntschaft mit James Woods ›Die Kunst des Erzählens‹ verdanken, schreibt in seinem Vorwort zu der nicht immer gelungenen Übersetzung Imma Klemms, er habe das in New York gekaufte Buch verschlungen & gleich noch einmal gelesen. Mir ging es genauso jetzt mit der deutschen Ausgabe & ich bin sicher, ich werde noch öfters zu den 12 Kapiteln & ihren vielen Untertiteln zurückkehren, mit denen der in England geborene, jetzt in den USA lebende & beim ›New Yorker‹ publizierende Literaturkritiker seine Überlegungen zur Kunst des Erzählens

Ein Domizil für die Ewigkeit

Kulturbuch | Eva Eberwein: Das Haus von Mia und Hermann Hesse

Man mag es kaum glauben: nur durch viele glückliche Umstände und vor allem den engagierten Einsatz von Eva Eberwein, ist ›Das Haus von Mia und Hermann Hesse‹ im beschaulichen Bodenseeörtchen Gaienhofen erhalten geblieben. Ein reich illustrierter, fundiert aufbereiteter und mitreißend präsentierter Band erzählt von der Historie und dem Fortbestand des Anwesens, das immer doch den Zeitgeist und die Reformideen seiner früheren Bewohner atmet. Von INGEBORG JAISER