/

Die Worte verführten mich

Menschen | Zum Tod des Schriftstellers Günter Kunert

»Eines Tages, nach dem Krieg, lieh ich mir eine Schreibmaschine, um einen Brief zu schreiben. Da fiel mein Blick auf die große Kastanie im Hof, und ich stellte mir vor, dass die Äste bedrohlich wachsen und in die Zimmer ringsum eindringen. Plötzlich fing ich an, Zeile für Zeile untereinander zu schreiben, wie in Trance. Die Worte verführten mich! Von da an schrieb ich fast täglich«, erinnerte sich Günter Kunert an seine schriftstellerischen Anfänge zurück. Von PETER MOHR

Es war vor allem die Lyrik, die ihn bekannt gemacht und ihm viele bedeutende Preise eingetragen hat. Als Erzähler war eher selten in Erscheinung getreten. Umso größer war die Überraschung, als ein (längst vergessenes) Romanmanuskript aus den 1970er Jahren auftauchte und in diesem Frühjahr veröffentlicht wurde.

Von Blaues Sofa from Berlin, Deutschland - Horst Köhler beim Blauen Sofa, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=62413161
Von Blaues Sofa from Berlin, Deutschland – Horst Köhler beim Blauen Sofa, CC BY 2.0, Link

›Die zweite Frau‹ handelt vom Archäologen Barthold, der aus einem Albtraum erwacht, in dem ihm Walter Ulbricht sehr nahe kommt und der sich später mit unbedachten Äußerungen im Intershop verdächtig macht. Mit Westgeld will er einen wertvollen Ring zum 40. Geburtstag seiner Frau Margarete kaufen und zitiert in einem Gespräch den französischen Philosophen Michel de Montaigne.

Wenig später erhielt Kunert Besuch von der Stasi, die sich allerdings nicht für die Herkunft des Westgeldes, sondern für die Kontakte zum »Ausländer Mohnteine« interessiert. Als »undruckbar« in der DDR hat Kunert seine große erzählerische Satire im Rückblick bezeichnet, aber auch als immer noch »spannend, witzig und ziemlich frech«. Die späte, aber lohnende Entdeckung des Erzählers Kunert.

Kunert, der am 6. März 1929 in Berlin als Sohn eines Kaufmanns und einer jüdischen Mutter geboren wurde, verbrachte – wie er es selbst nannte – »eine staatlich verpfuschte Kindheit«, in der ihm höhere Schulen aus ideologischen Gründen verwehrt blieben. Diese prägenden Kindheits- und Jugenderlebnisse sind in dem eindrucksvollen Erinnerungsband ›Erwachsenenspiele‹ (1997) nachzulesen.

Über fünfzig Bücher (Gedichte, Erzählungen, Hörspiele, Essays und Filmdrehbücher) sind seit 1950 erschienen, als Kunert mit dem Lyrikband ›Wegschilder und Mauerinschriften‹ ein viel beachtetes Debüt feierte.

Nach dem Studium an der Ostberliner Hochschule für angewandte Kunst widmete er sich früh der Literatur. Gefördert durch Bert Brecht und Johannes R. Becher besuchte er gemeinsam mit Erich Loest und Heiner Müller die »staatliche Schreibschule« der ehemaligen DDR.

Doch Kunert entpuppte sich schnell als politischer und literarischer Nonkonformist. Nachdem Kunert 1976 die Resolution gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann unterzeichnet hatte, avancierte er zur Persona non grata in der DDR, die er 1979 unter dem Druck des Honecker-Regimes verließ.

Immer waren seine Gedichte (fraglos seine literarische Stärke) von präzisen Beobachtungen, von einem minutiösen Sprachgestus und nicht selten von radikaler Zuspitzung geprägt. Wie etwa in dem frühen Text ›Über einige Davongekommene‹: »Als der Mensch unter den Trümmern seines bombardierten Hauses hervor gezogen wurde, schüttelte er sich und sagte: nie wieder. Jedenfalls nicht gleich.«

Nie hat sich Kunert, der in der Vergangenheit u.a. mit vier Ehrendoktoraten, dem Stadtschreiberpreis von Mainz, mit dem Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf, mit dem Hölderlin-Preis und vor 2012 sogar mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, in den Elfenbeinturm zurückgezogen.

Ob in seinen Gedichten oder in seinen zahlreichen Essays: Kunert, der seit 1980 im schleswig-holsteinischen Dorf Kaisborstel (bei Itzehoe) lebte, hat sich bewusst eingemischt, hat stets die Finger in offene Wunden gelegt. Mit bitterer Ironie (»Besonders wirksam ist die plebiszitäre Ästhetik: Je mehr Leser, desto bedeutender das Werk.«) und analytischem Scharfsinn prangerte er die »Kulturverluste« an. Niemand hat ihm widersprochen, als er konstatiertet: »Immer mehr Bücher, mehr Museen, mehr Galerien, mehr Konzerte, aber … alles wird zu Unterhaltung, Ablenkung, Selbsttäuschung, Alibi.«

Am Samstag ist Kunert, der lyrische deutsch-deutsche Grenzgänger mit der absolut singulären Stimme, an den Folgen einer Lungenentzündung im Alter von 90 Jahren gestorben.

| PETER MOHR
| Abbildung: Copyright: Das blaue Sofa / Club Bertelsmann. Bundespräsident Horst Köhler im Publikum des Blauen Sofas bei der Buchpräsentation von Günter Kunert

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Wampum
Voriger Artikel

Wampum

Herz aus Gold
Nächster Artikel

Jenseits der Norm

Neu in »Menschen«

Porträt eines Zeugen der europäischen Moderne

Menschen| Howard Eiland / Michael W. Jennings: Walter Benjamin

Bei Hannah Arendt heißt es im ersten von drei Teilen ihrer großen Studie über Walter Benjamin, die 1968 in der Zeitschrift »Merkur« erschien: «Wenn es je einen ganz und gar Vereinzelten gegeben hat, so war es Benjamin.« Gerade dadurch aber sei sein Leben »trotz mancher Absonderlichkeit im Einzelnen ein so reines Zeugnis für die finsteren Zeiten und Länder des Jahrhunderts, wie das Werk, das mit so viel Verzweiflung diesem Leben abgezwungen wurde, paradigmatisch bleiben wird für die geistige Situation der Zeit.« DIETER KALTWASSER über die meisterhafte Biographie Walter Benjamins von Howard Eiland und Michael Jennings

Classic Rock funktioniert

Musik | Interview mit Drake Stone

Mit dem Album Skydive beweisen Drake Stone, dass Classic Rock nach wie vor funktioniert und verdammt kompatibel ist! MARC HOINKIS unterhält sich mit Mike Schlee über die neue Scheibe.

Der Weltphilosoph

Menschen | Bücher zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel

Lesenswerte Neuerscheinungen zum 250. Geburtstag von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. DIETER KALTWASSER mit einem Überblick über die biografischen Schwerpunktsetzungen

Aus Widersprüchen Energie geschöpft

Menschen | Zum 75. Todestag des Schriftstellers Franz Werfel (am 26. August)

Franz Werfel war Österreicher und Prager, Jude und Christ, Konservativer und Avantgardist, traditioneller Erzähler, pathetischer Lyriker und utopischer Romancier. Aus diesen teilweise selbst auferlegten Widersprüchen schöpfte Werfel seine literarische Energie, die ihm in 35 Jahren dichterischer Tätigkeit ein ebenso erfolgreiches wie umfängliches Oeuvre ermöglichte. »Erfolg ist für mich mit Glück identisch«, erklärte Werfel, der vor allem während des Exils in den USA von vielen Kollegen ob seiner Verkaufserfolge beneidet, aber auch polemisch geschmäht wurde. So sprach Brecht etwa vom »heiligen Frunz von Hollywood, dem Geschwerfel«. Von PETER MOHR

Ein zürnender Magier und Hohepriester der Sprache

Menschen | Jens Malte Fischer: Karl Kraus

Der Schriftsteller Elias Canetti, ein kritischer Anhänger von Karl Kraus, schrieb einmal über dessen Wirkung, er habe eine »Hetzmasse aus Intellektuellen« gebildet. Er sei der größte und strengste Mann, der heute in Wien lebe. DIETER KALTWASSER über die monumentale Karl-Kraus-Biografie von Jens Malte Fischer