/

Narziss und Dichter

Sachbuch | Gunnar Decker: Rilke. Der ferne Magier

In seinem Leben spielten Frauen von Beginn an eine dominante Rolle, in dem nicht nur seine Mutter Phia, seine Ehefrau Clara und seine Tochter Ruth ihren Part einnahmen, sondern auch Frauen wie Franziska zu Reventlow, Lou Andreas Salomé und Paula Modersohn Becker Einfluss auf Leben und Dichten Rainer Maria Rilkes nehmen sollten, erfahren wir von seinem Biografen Gunnar Decker. Lou Andreas Salomé, ist es auch, die ihn später dazu bewegt, seinen Namen zu ändern, den er bei der Geburt erhielt. Am 4. Dezember 1875 wurde er als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke in Prag geboren. Von DIETER KALTWASSER

Ein Foto Rilkes, der aufrecht steht und sich Notizen machtGunnar Decker hat Rilke, zwei Jahre vor dessen 150. Geburtstag, eine überaus lesenswerte Biografie mit dem Titel ›Rilke – Der ferne Magier‹ gewidmet, die auf die Widersprüchlichkeiten in seinem Leben und Dichten ebenso eingeht wie auf seinen zuweilen nur schwer erträglichen Narzissmus. Decker veröffentlichte Biografien wie ›Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten‹ (2012), ›Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben‹ (2016) und ›Ernst Barlach. Der Schwebende‹ (2019). Bereits im Jahr 2006 ist sein Buch ›Rilkes Frauen oder die Erfindung der Liebe‹ erschienen.

Decker schildert das schwierige Verhältnis Rilkes zu seiner Mutter Phia, seine vernachlässigte Ehe mit Clara Westhoff und die lebenslange Ignoranz gegenüber seiner Tochter Ruth. Man kann das Verhältnis Rilkes zu seiner Mutter als Hassliebe bezeichnen; die Tochter aus großbürgerlichen Verhältnissen heiratete einen Mann, der sich mit einer mittleren Laufbahn bei der Eisenbahn begnügte. Ihren Sohn René Maria steckte sie, die sich eigentlich eine Tochter gewünscht hatte, als Kind mir langem Haar in Mädchenkleidern. Das Prager Kindheitsdrama wird von Gunnar Decker scharf analysiert und erzählerisch brillant wiedergegeben. Schon in seiner Kindheit erlernt Rilke das genaue Beobachten. Die Ehe der Eltern brach 1884 auseinander.

Der junge Rilke ist ein guter Schüler, aber weil ein Gymnasium zu teuer ist, soll er die Offizierslaufbahn einschlagen. Er kommt auf Militärschulen in Österreich, die er jedoch abbricht. 1891 wechselt er auf eine Handelsschule in Linz, bricht auch hier ab und kehrt zu Privatstudien nach Prag zurück. Mit finanzieller Unterstützung seines Onkels kann er das nötige Wissen erwerben und besteht die Reifeprüfung. Schon während seiner Schulzeit beginnt Rilke zu schreiben und bereits 1894 erscheint sein erster Gedichtband ›Leben und Lieder‹.
Als Rilke 1896 von Prag nach München kommt, ist dies für ihn wie »eine Flucht aus der Dunkelheit ins Licht«. Er schreibt sich an der Philosophischen Fakultät der Universität ein, sucht aber die Universität, so sein Biograf, nur gelegentlich »als interessierter Gast« auf, nicht aber, um einen Abschluss zu machen. Schon mit dem frühen Band ›Mir zur Feier‹ (1897/1898) wendet er sich einer Betrachtung der Innenwelt des Menschen zu.

Sein erster Vorname René klingt seiner Geliebten, Lehrerin und Übermutter Lou Andreas Salomé, »zu sehr nach Salon und Parfüm«; Rainer findet sie für ihn schicklicher. Und so nennt er sich fortan Rainer Maria Rilke. Das Verhältnis zwischen Lou und Rainer Maria war von Anfang an eine sehr ungleiche Beziehung. Rilke war fünfzehn Jahre jünger als sie und ein armer Student. Lou stammte aus wohlhabender adliger Familie; sie hatte die europäischen Metropolen gesehen, bevor sie Rilke kennenlernte. Mit ihm reiste sie um die Jahrhundertwende zweimal nach Russland.

Seinen Lebensweg kreuzten auch Eleonora Duse, Claire Goll, Marie von Thurn und Taxis, Marina Zwetajewa, sei es als Muse oder Mäzenin. Für sein Leben benötigte er die Zuwendungen von Mäzenen und Gönnerinnen.

In der Mitte seines Lebens heiratet Rilke im Jahr 1901 Clara Westhoff, auch, weil seine vierjährige Beziehung mit Lou Andreas Salomé abrupt zu Ende gegangen war. Im gleichen Jahr kommt seine Tochter Ruth zur Welt. Rilke wusste sich zeit seines Lebens nicht in die Vaterrolle einzufinden. Ihre Kindheit verbringt Ruth bei Claras Eltern.

Rilke hatte Clara Westhoff und Paula Becker ein Jahr zuvor in der Künstlerkolonie Worpswede kennengelernt. An Sonntagen trafen sich die Künstler in Heinrich Vogelers Barkenhoff. Im Jahr 1906 trennt sich Paula Modersohn-Becker von Otto Modersohn und zieht nach Paris, wo ihre Hauptwerke entstehen. Sie macht gemeinsame Ausflüge mit Rilke und nimmt mit ihm auch an der Enthüllung des »Denkers« von Rodin vor dem Panthéon teil. In seinen Texten findet sich plötzlich »ein neuer geradezu sachlicher Ton.«

Auch schreibt er in nun in »hoher Frequenz Buchbesprechungen für Zeitungen und Magazine.« Gunnar Decker präsentiert in seiner luziden und umfassenden Biografie Rilke als modernen Mystiker, als einen Beschwörer der »Als-ob-Existenz« Gottes, und er schildert Rilkes widersprüchliches Verhalten Frauen gegenüber, das voller Gefühl und ebenso kühler Berechnung war. Geschildert wird ein ruheloses Leben, das ihn bis nach Nordafrika führte; er erschuf sich mit seiner Dichtung eine Art metaphysischer Gegenwelt. In Paris wird er 1905 für einige Monate der Sekretär von Paul Rodin. Doch schon ein Jahr später lösten beide die Zusammenarbeit abrupt auf. Der Bruch war endgültig.

Der Gedichtzyklus ›Das Stunden-Buch‹ erscheint. Die Malerin Paula Modersohn-Becker porträtiert Rilke; zur Erinnerung an die 1907 verstorbene Künstlerin verfasst Rilke das „Requiem für eine Freundin“. Im Jahr 1910 erscheint sein Tagebuchroman ›Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge‹, an dem Rilke sechs Jahre gearbeitet hat.

1919 verlässt Rilke Deutschland und lässt sich in der Schweiz nieder; zwei Jahre später erscheinen die »Duineser Elegien« und »Die Sonette an Orpheus«. Am 29. Dezember 1926 stirbt Rilke in Val-Mont an Leukämie. Am 2. Januar wird er, so hatte er es sich erbeten, in Raron, einem kleinen Ort im Schweizer Kanton Wallis, beerdigt. In Robert Musils Rede auf der Rilke-Feier in Berlin am 16. Januar 1927 heißt es: »Er war in gewissem Sinn der religiöseste Dichter seit Novalis, aber ich bin nicht sicher, ob er überhaupt Religion hatte. Er sah anders. In einer neuen, inneren Weise.« Rilkes Ruhestätte ziert ein einfaches Holzkreuz mit Initialen und Lebensdaten; auf einem weißen Marmorstein sein vollständiger Name und die legendäre Grabinschrift: »Rose, oh reiner Widerspruch, / Lust / Niemandes Schlaf zu sein / unter soviel / Lidern.«

| DIETER KALTWASSER

Titelangaben
Gunnar Decker: Rilke. Der ferne Magier
Eine Biographie
München: Siedler Verlag 2023
608 Seiten, 36 Euro

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Casting. Anruf. Du hast die Rolle.

Nächster Artikel

Lesestoff

Weitere Artikel der Kategorie »Menschen«

Meine Heimat ist ein Bett und eine Bühne

Menschen | George Tabori wurde vor 100 Jahren geboren »Ich bin kein Regisseur, ich bin ein Spielmann. Ich bin grundsätzlich ein Fremdling. Erst hat mich das gestört, aber alle Theatermacher, die ich liebe, waren Fremde. Meine Heimat ist ein Bett und eine Bühne«, verkündet Dirty Don, das zumeist schlafende Bühnen-Ego aus Taboris letztem Stück Gesegnete Mahlzeit, das drei Monate vor seinem Tod im Rahmen der Ruhrfestspiele in Recklinghausen uraufgeführt wurde. – Der Georg-Büchner-Preisträgers George Tabori wurde vor 100 Jahren geboren (*am 24. Mai). Von PETER MOHR

Von Hölderlin zu den Torii

Kulturbuch | Dietrich Seckel: Berichte aus Japan

In Heidelberg begründete Dietrich Seckel die ostasiatische Kunstgeschichte in Deutschland, seine Briefe aus Japan von 1936 bis 1941 sind jetzt erschienen, mit einer Fülle an Informationen, lebendig geschrieben und mit stets kritischem Blick auf Japan und Deutschland. Von GEORG PATZER

Anything could happen at any time

Menschen | Interview: Daniel Berehulak (Teil I) Daniel Berehulak ist einer der meistdekorierten Foto-Journalisten unserer Zeit. Er berichtet aus über 60 Ländern – über Kriege im Irak und in Afghanistan, den Prozess gegen Saddam Hussein, Kinderarbeit in Indien, das Leben nach dem Tsunami in Japan und aus Manila. FLORIAN STURM sprach mit ihm über die rigorose Anti-Drogen-Politik des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte.

Von Drachenblut bis Verwirrnis

Menschen | Zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Christoph Hein »Relativ locker kann ich alles erzählen, weil es mir besser ergangen ist als vielen meiner Kollegen. Viele Autoren verloren mit der Wende ihre Verlage, die standen auf der Straße – so wie die Arbeiter, deren Betriebe zumachten«, erklärte Christoph Hein kürzlich in einem Interview über seinen jüngst erschienen, schmalen (historischen) Anekdotenband ›Gegenlauschangriff‹, in dem der äußerst kontrovers diskutierte Text ›Mein Leben, leicht überarbeitet‹ enthalten ist, in dem Hein den oscar-gekrönten Film ›Das Leben der Anderen‹ von Florian von Donnersmarck als »Gruselmärchen« bezeichnet. Von PETER MOHR