/

Muss noch fliegen lernen

Menschen | Zum 80. Geburtstag des provozierenden Multitalents Herbert Achternbusch

»Mein Vater war sehr leger und trank gern, er war ein Spaßvogel. Kaum auf der Welt, suchten mich Schulen, Krankenhäuser und alles Mögliche heim. Ich leistete meine Zeit ab und bestand auf meiner Freizeit. Ich schrieb Bücher, bis mich das Sitzen schmerzte. Dann machte ich Filme, weil ich mich bewegen wollte. Die Kinder, die ich habe, fangen wieder von vorne an. Grüß Gott!« Mit diesen typischen, schelmisch-provokanten Sätzen hat Herbert Achternbusch vor einigen Jahren sein eigenes Leben beschrieben. Zugespitzt, drastisch, gegen den Strom – so wie sein gesamtes künstlerisches Werk. Ein Porträt von PETER MOHR

Herbert AchternbuschHerbert Achterbusch ist immer frech, immer provozierend und oft für handfeste Skandale gut gewesen. So wie 1977, als er während der Petrarca-Preisverleihung den Scheck mit dem vom Verleger Hubert Burda gestifteten Preisgeld verbrannte und die Veranstaltung unter Protest verließ.

Ob als Schriftsteller, Maler, Dramatiker oder Regisseur – Herbert Achternbusch, der vor acht Jahren mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet worden ist, hat sich nie verbiegen lassen, hat nie nach dem Mainstream geschielt und kein Fettnäpfchen ausgelassen. Als 1999 die ganze Republik Schlange stand, um Günter Grass zum Literaturnobelpreis zu gratulieren, gab es verbales Störfeuer aus Bayern: »Das Mittelmaß setzt sich durch, da kannst‘ nichts machen.«

Mit Mitte zwanzig veröffentlichte das in München als uneheliches Kind eines Zahntechnikers und einer Sportlehrerin geborene und bei der Großmutter in der Provinz des Bayrischen Waldes aufgewachsene Multitalent seine ersten Gedichte, 1974 entstand (nach einigen Schmalfilmexperimenten) der erste Kinofilm ›Das Andechser Gefühl‹ – geprägt von Werner Herzog und Volker Schlöndorff. Mehr als zwei Dutzend Filme (zumeist nur in Programmkinos zu sehen) folgten, und für ›Das letzte Loch‹ erhielt Achternbusch gar das deutsche Filmband in Silber und den Preis der deutschen Filmkritik.

Seinen großen Bekanntheitsgrad verdankt Achternbusch, der abwechselnd in der Münchener Burgstraße und in Niederösterreich lebt, seinen mehr als 30 Theaterstücken (u.a. ›Sintflut‹, ›Weg‹, ›Auf verlorenem Posten‹ und ›Letzter Gast‹), obwohl er sich stets abfällig über die Bühne geäußert hat: »Wer nichts zu sagen hat, kann immer noch Theater machen.«

Mit der CSU und der katholischen Kirche ist Achternbusch aufgrund provozierender Äußerungen (wie z.B. in seinem Band ›Wohin‹: »Die Religion ist so dumm wie das Wasser, weil es unfähig ist, seinen Kreislauf zu durchbrechen.«) und fragwürdiger künstlerischer Verzerrungen immer wieder aneinandergeraten. Gott als Schokoladenosterhasen und sich selbst in der Rolle des Papstes inszenierte er 1978 im Film ›Der junge Mönch‹.

Achternbuschs ständiges Pendeln zwischen Film, Theater, Literatur, Malerei und Schauspielerei ist Ausdruck einer permanenten Suchbewegung nach künstlerischen Ausdrucksmitteln. Richtig heimisch geworden ist er in keinem Genre. Vielmehr versucht er sich als Gesamtkunstwerk zu inszenieren. Im Band ›Hundstage‹ (1988) ernannte er sich in einem Anflug von Größenwahn selbst zum »drittbesten deutschen Maler«, vom Wunsch beseelt »in München noch ein Museum einzurichten.« Dieses ambitionierte Anliegen ist zwar gescheitert, doch Achternbuschs Affinität zur provozierenden Selbstinszenierung hat darunter nicht gelitten. In seinem opulenten »Bekenntnis“-Band ›Der letzte Schliff‹ (1997) schrieb er: »Ich bin ein Genie/Ich falle vom Himmel.«

Es ist ruhig geworden um ihn. »Jetzt mag ich nicht mehr malen, mir fällt nichts mehr ein. Ich habe kein Geld für einen Film. Schreiben tue ich auch nicht mehr, nicht einmal mehr Briefe. Da bin ich ganz widersetzlich. Jetzt muss ich noch das Fliegen lernen, damit ich bis zur nächsten Häuserzeile komme und nicht gleich auf die Straße falle, falls ich mich mal umbringen will«, hatte Achternbusch seinen Rückzug erklärt.

Herbert Achternbusch – eine anarchisch-funkelnde Mischung aus einer Prise Büchner, einer kleinen Portion Beckett und ganz viel Karl Valentin – wird heute* 80 Jahre alt.

Im Münchener Filmmuseum läuft seit 19. Oktober und bis einschließlich 25. November eine Hommage mit acht seiner Spielfilme sowie dem Dokumentarfilm ›Achternbusch‹ von Andi Niessner.

| PETER MOHR
| Foto: Harald Bischoff, Herbert Achternbusch 8252, CC BY-SA 3.0
| Titelfoto: Pierrot Le Fou

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Flassbeck: Gescheiterte Globalisierung
Voriger Artikel

Ausmisten

Jachtchenko Manipulation
Nächster Artikel

Nett sein war gestern!

Neu in »Menschen«

Singulärer Sound

Menschen | Zum Tod des spanischen Bestseller-Autors Carlos Ruiz Zafón

Der katalanische Autor Carlos Ruiz Zafón war eine Art Popstar unter den Schriftstellern. Jede Buch-Neuvorstellung hatte Event-Charakter. Sein 2003 in deutscher Übersetzung erschienener Roman ›Der Schatten des Windes‹ wurde ein Weltbestseller, in mehr als 30 Sprachen übersetzt und mehr als 15 Millionen Mal verkauft. Von PETER MOHR

These Girls

Kulturbuch | Juliane Streich (Hrsg.): These Girls

›These Girls‹ ist ein Musiklexikon der besonderen Art – und doch so viel mehr. Ein Buch, das Pflichtlektüre sein sollte: für alle, die grundsätzlich an guter Musik interessiert sind. Für musikbegeisterte Feminist*innen, und solche, die es werden wollen. Von JALEH OJAN

Er liebte die extremen Töne

Menschen | 100. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki am 2. Juni

Er war ein begnadeter Selbstinszenierer, eitel und polarisierend. Er hat sich gern dem Mainstream widersetzt und genoss seinen Status als spät inthronisierter Popstar der Bücherwelt. Und doch hat er unendlich viel für die Literatur im deutschen Sprachraum getan: Die Rede ist von Marcel Reich-Ranicki. Von PETER MOHR

Keine Traumwelt

Autobiografie | Daniel Keita-Ruel: Zweite Chance
Daniel Keita-Ruels Autobiografie Zweite Chance ist alles andere als ein gewöhnliches Buch. Wenn ein junger Mann von gerade einmal 30 Jahren in einem renommierten Verlagshaus eine Teil-Autobiografie (geschrieben vom Journalisten Harald Braun) vorlegt, dann darf man mit Fug und Recht zwischen den Buchdeckeln etwas erwarten, was sich jenseits des Mainstreams befindet, was überhaupt nichts mit der Glitzerwelt der großen Fußballbühne zu tun hat. Von PETER MOHR

Mehr Moralist als Ästhet

Menschen | Zum Tod des Dramatikers Rolf Hochhuth

Rolf Hochhuth, der am 1. April 1931 im nordhessischen Eschwege als Sohn eines Schuhfabrikanten geboren wurde, sorgte mit seinen Theaterstücken häufig für skandalträchtige Schlagzeilen, die weit über den Kulturbetrieb hinausragten. Der gelernte Buchhändler, der als Lektor in den 1950er Jahren seine Affinität zur Literatur entdeckte, interpretierte seine Dramatiker-Rolle höchst unkonventionell: Hochhuth war stets mehr radikaler Aufklärer als formaler Ästhet. Von PETER MOHR