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Casting. Anruf. Du hast die Rolle.

Menschen | Film | Interview mit Kai Scheve

Seit 2019 gibt es den ›Erzgebirgskrimi‹. Fortan erfreut sich die Kriminalfilmreihe des ZDF großer Beliebtheit. Regionstypisch spielen Bergbau, traditionelle Holzkunst mit Räuchermännchen, Pyramiden und Schwibbogen, damit verbunden die Weihnachtsmarkttradition sowie die einzigartige Landschaft eine Rolle. Für Fans, die mehr über die Drehorte etc. wissen wollen, gibt es sogar eine App. All dies ist Grund genug für ANNA NOAH, mit KAI SCHEVE, bekannt als ›Hauptkommissar Robert Winkler‹, über die Serie und seine Rolle zu sprechen.

Ein Porträtfoto von Kai ScheveSie lebten 23 Jahre in der DDR. Hat sich das kulturelle und gesellschaftliche Umfeld der damaligen Zeit auf Ihre kreative Entwicklung und Ihren Zugang zur Schauspielkunst in irgendeiner Form ausgewirkt?
Aufgewachsen bin ich in Leipzig. Das Theater genoss in der DDR einen hohen Stellenwert, die Theaterdichte war sehr hoch und als Schüler und Lehrling war der Theaterbesuch Programm. Mein Erstengagement als Choreleve am Landestheater Altenburg war der entscheidende Schritt in Richtung künstlerischer Laufbahn und die Ausbildung zum Schauspieler war nur noch eine Frage der Zeit.

Spielt die DDR überhaupt eine Rolle oder empfinden Sie sich als zu jung für eine wie auch immer geartete Prägung?
23 Jahre Kindheit und Jugend in der DDR spielen sicher eine Rolle. Es sind die entscheidenden Jahre für den späteren Lebensweg. Der Arbeiter und Bauernstaat war bekanntlich kein Förderer des einzelnen Individuums, die Masse Mensch sollte im sozialistischen Sinne funktionieren, ausgenommen Talente, die dem Staat und seinem Ansehen, vor allem im kapitalistischen Ausland zugutekommen: Sport, Kultur, Wissenschaft. Und dann kam das Jahr 1989, ich war frisch aufgenommen an der Schauspielschule in Leipzig, aber die Chance im September 1989 das Land in Richtung Westen zu verlassen, war plötzlich da und ich war weg.

Wie kam es zu Ihrer ersten Fernsehproduktion?
Casting. Anruf. Du hast die Rolle. Küss mich! 1994. (Kino)

Ihre bekannteste Rolle ist die des Hauptkommissars Robert Winkler im Erzgebirgskrimi. Wie kam es zu diesem Engagement? Sind Sie zu einem Casting gegangen oder kam man auf Sie zu?
2019 war ich für eine Episodenrolle im zweiten Teil des ›Erzgebirgskrimis‹ angefragt. Es kam zu inhaltlichen Differenzen zwischen der Produktion und meinem damaligen Vorgänger und dann bekam ich einen Anruf meines Agenten, ob ich mir vorstellen könnte, den Kommissar zu spielen. Ich war gerade in Irland mit meiner Familie in den Ferien. Die ausführende Produktionsfirma und den zuständigen Redakteur vom ZDF kannte ich von anderen Projekten u. a. den ›Spreewaldkrimis‹. Wir hatten allerdings nur zwei Wochen Zeit für die Übernahme: neuer Kommissar mit neuer Biografie, neues Drehbuch, das war sportlich.

Bringen Sie persönlichen Eigenschaften in die Rolle des Hauptkommissars Winkler ein?
Das eigenbrötlerische, leicht misanthropische Verhalten des Kommissars liegt mir ganz gut. Da gibt es sicher Parallelen zu mir.

Haben Sie selbst Lieblingsermittler, die Sie einerseits gerne sehen und andererseits aus Büchern kennen, die sie gerne einmal darstellen würden?
Die erste Staffel von ›True Detective‹ mit Matthew McConaughey und Woody Harrelson von »2014/HBO« ist ein Meilenstein. Das schaffen wir hierzulande nicht.

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit Ihren Kolleg:innen? Wie anstrengend (oder nicht) ist das Drehen im Vergleich zum Theaterspielen?
Die Zusammenarbeit ist immer abhängig von der Situation. Ich habe auch mal einen schlechten Drehtag und bin nervös, aber das ist Alltag und wird mit guten Partner:innen über die Jahre hinweg kompensiert. Und den Vergleich zum Theater kann ich in diesem Zusammenhang nicht ziehen, weil es immer abhängig von der Rolle, dem Stück, der Regie, den Partner:innen und dem Theater ist. Es gab Arbeiten am Theater, wo sich die Proben monatelang und quälend in die Länge zogen und die Aufführungen Schwerstarbeit waren und umgekehrt. Die Dreharbeiten beim 90-Min-Film sind in der Regel auf maximal fünf Wochen beschränkt, sie können je nach Rolle, Drehbuch, Regie und Situation suboptimal laufen und umgekehrt. Beim Film wird auch zunehmend auf die Kosten, Effizienz und am Ende auf die Zuschauerquoten geachtet. Man sollte immer gut vorbereitet sein.

Welcher Erzgebirgskrimi ist Ihr Lieblingsfilm, auf den Sie besonders stolz sind – oder den Sie richtig gut finden?
»Familienband«. Film 8. Trotz zahlreicher Kritiken mein Favorit. Gutes Drehbuch, mit starkem Ensemble vor und hinter der Kamera.

Was ist Ihr Lieblingsessen aus dem Erzgebirge?
Schwarzbeergetzen. (Ein Weizengebäck mit Heidelbeeren, d. Red.)

Vielen Dank für das Gespräch!
Gern.

| ANNA NOAH
| FOTO von Kai Scheve: Niklas Vogt

2023 verfolgten die Kriminalfälle in erzgebirgischer Kulisse bereits Millionen Zuschauende, der »Erzgebirgskrimi« hat sich damit zu einem Garanten für hohe Einschaltquoten entwickelt und scheint den Nerv des TV-Publikums zu treffen. Quellen zufolge sahen den dritten Film der Reihe: »Der Tote im Burggraben« acht Millionen Menschen. Kein Wunder, denn das Erzgebirge mit seiner Industrie- und Kulturlandschaft ist von jeher ein Tourismusanziehungspunkt. Die stillgelegten Bergbau-Stollen, das Kunsthandwerk und die Menschen in dieser Region haben ihren eigenen Reiz zwischen Tradition und Moderne.

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