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»Alles Komische hilft mir«

Menschen | Zum Tod der Schriftstellerin Ilse Aichinger

»Ich wollte nie Schriftstellerin werden. Ich wollte Ärztin werden, das ist gescheitert an meiner Ungeschicklichkeit. Ich wollte zunächst eigentlich nur einen Bericht über die Kriegszeit schreiben. An ein Buch habe ich gar nicht gedacht, ich wollte nur alles so genau wie möglich festhalten. Als das Buch ›Die größere Hoffnung‹ dann bei Fischer erschienen ist, stand noch immer viel zuviel drin. Ich wollte am liebsten alles in einem Satz sagen, nicht in zwanzig«, erklärte die Schriftstellerin Ilse Aichinger Mitte der 1990er Jahre in einem Interview mit der Wochenzeitung ›Die Zeit‹. Von PETER MOHR

Ilse Aichinger Bilderbuch FischerIlse Aichinger, die am 1. November 1921 in Wien als Tochter eines Lehrers und einer jüdischen Ärztin geboren wurde, hatte unter dem Stigma des »Mischlingskindes« erheblich zu leiden. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland lebte sie völlig isoliert von der Öffentlichkeit, das angestrebte Medizinstudium wurde ihr verwehrt, und sie musste miterleben, wie viele nahe Verwandte von der Gestapo deportiert und später ermordet wurden. Ihre Zwillingsschwester Helga war frühzeitig nach London geflüchtet.
»Ich kann dort schreiben, ich kann machen, was ich will und bin dort ein Stück des Hauses.« So beschrieb die Wiener Schriftstellerin Ilse Aichinger ihr Wiener Stammcafé Demel am Michaelerplatz, das sie über viele Jahre fast täglich aufsuchte und in dem die kleinen Feuilletons ihres letzten Buches ›Unglaubwürdige Reisen‹ (2005) entstanden sind.

»Eines Tages meldete sich bei uns, auf Empfehlung des Wiener Kritikers Hans Weigel, ein bildschönes, dunkelhaariges Mädchen, krampfhaft ein Papierbündel unter dem Arm haltend.« So erinnerte sich der Verleger Gottfried Bermann-Fischer an seine erste Begegnung mit der jungen Ilse Aichinger. Hinter dem »Papierbündel«, das die Autorin beim Treffen 1947 in Wien mit sich trug, verbarg sich das Manuskript ihres bis heute einzigen Romans ›Die größere Hoffnung‹, der ein Jahr später bei Fischer publiziert wurde.
Ein Buch zwischen Hoffen und Bangen, das um das Schicksal eines jüdischen Mädchens während der Nazi-Zeit kreist. In ihrem literarischen Debütwerk hat Ilse Aichinger nicht zuletzt ihre eigene bewegte Kindheit – leicht verfremdet – aufgearbeitet und gleichermaßen subjektive, wie kollektive literarische Trauerarbeit geleistet.
Die schlimmen Erfahrungen aus Kindheit und Jugend haben sich nachhaltig auf die späteren literarischen Werke ausgewirkt. »Vielleicht schreibe ich nur deshalb, weil ich keine bessere Möglichkeit zu schweigen sehe«, hatte Ilse Aichinger 1971 bei der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises erklärt.

Der literarische Durchbruch war ihr 1952 gelungen, als sie auf der Tagung der legendären Gruppe 47 nach der Lesung ihrer ›Spiegelgeschichte‹ frenetisch gefeiert und als Nachfolgerin von Heinrich Böll und ihres späteren Ehemannes Günter Eich als dritte Preisträgerin der »meinungsbildenden« Elitegilde gekürt wurde.

Die radikale Verknappung der Texte, die beinahe lakonische Sprache und der sezierende Blick hinter die Fassaden menschlicher Antlitze prägten die Aichingerschen Werke. Das passt vorzüglich zu den Lektürevorlieben der Schriftstellerin: »Ich lese immer wieder Joseph Conrad. Obwohl mich weder die Gegenden noch die Handlungen seiner Romane im geringsten interessieren. Aber es ist für mich eine solche Faszination, dass da kein einziger unnützer Satz steht.« Hartnäckig hat Ilse Aichinger, die zuletzt 1995 den Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur und 2000 den Joseph-Breitbach-Preis erhielt, allen literarischen Trendwenden der letzten Jahrzehnte die kalte Schulter gezeigt.

Respektable Erfolge hatte sie mit ihren zahlreichen Hörspielen, die ihr (und ihrem 1972 verstorbenen Ehemann Günter Eich) das materielle Überleben sicherten. Nach dem Unfalltod ihres ebenfalls als Schriftsteller tätigen Sohnes Clemens Eich im Februar 1998 hat sich die Autorin aus der literarischen Öffentlichkeit fast völlig zurückgezogen.
»Alles Komische hilft mir und macht mich glücklich. Im Kino und überall«, hatte die leidenschaftliche Cineastin erklärt. Ihre häufigen Kinobesuche dienten aber auch dazu, um die »Zeit totzuschlagen, weil mir das Leben schon viel zu lange dauert«, erklärte Ilse Aichinger. Nun ist die Schriftstellerin in Wien wenige Tage nach ihrem 95. Geburtstag gestorben.

| PETER MOHR

Titelangaben/Abbildung
Stefan Moses + Ilse Aichinger: Ilse Aichinger
Ein Bilderbuch von Stefan Moses Mit ausgewählten Texten von Ilse Aichinger und einem Vorwort von Michael Krüger
Frankfurt/Main: Fischer 2006
159 Seiten, 29,90 Euro
| Erwerben Sie dieses Buch portofrei bei Osiander

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