Jagd auf den Weltwundermacher

Roman | Arne Dahl: Kaltes Fieber

Mit Kaltes Fieber setzt der schwedische Bestsellerautor Arne Dahl seine Reihe um die Stockholmer Kriminalistin Eva Nyman und ihr vierköpfiges Team von Spezialisten fort. Diesmal bekommt man es mit einem Täter zu tun, der sich offensichtlich vorgenommen hat, mit seinen Morden die sieben Weltwunder der Antike zu illustrieren. Ist es ein Künstler, der da – akribisch und mit exakten Maßstäben arbeitend – brutal getötete Menschen und spektakuläre Bauwerke zu mörderischen Tableaus vereinigt? Und welche Rolle spielt dabei jene Motorrad-Gang, die schon in Stummer Schrei, dem Vorgängerband der neuen Thriller-Reihe von Dahl, auftauchte und für gehörig Trouble sorgte? Von DIETMAR JACOBSEN

Sondereinheiten haben es Arne Dahl (Jahrgang 1963) offensichtlich angetan. Nach der A-Gruppe rund um Paul Hjelm und Kerstin Holm, deren Abenteuern man inzwischen auch in einer gelungenen Serienadaption folgen kann, und dem europaweit von Brüssel aus operierenden OPCOP – Team nennt sich die neueste Schöpfung des schwedischen Bestsellerautors NOVA (Sondereinheit für außergewöhnliche Verbrechen bei der Nationalen Operativen Abteilung – NOA). An ihrer Spitze steht mit Eva Nyman eine Frau, der man hin und wieder in den Büchern Dahls bereits begegnen konnte. Wenig auffällig, aber integer, engagiert und einhundertprozentig von den von ihr ausgesuchten Kolleginnen und Kollegen überzeugt, wird ihre kleine Einheit immer dann zu Hilfe gerufen, wenn die zu lösenden Fälle mehr erfordern als die übliche polizeiliche Routinearbeit.

Von der A-Gruppe über OPCOP bis NOVA – Arne Dahls Spezialeinheiten

Und das ist wohl auch diesmal der Fall, als auf dem Stockholmer Skinnarviksberg, einem knapp 50 Meter hohen Hügel mitten in der schwedischen Metropole, eine Nachbildung der verschollenen Zeus-Statue aus Olympia auftaucht, eines der sieben antiken Weltwunder. Dass ein Toter in dem kunstvoll gearbeiteten und im Regen sich langsam auflösenden Gipsartefakt steckt, dessen Mundhöhle einen Zettel mit dem Text »Du weißt, was du getan hast.« beherbergt, lässt darauf schließen, dass man es hier erst mit dem Anfang einer bedrohlichen Mordserie zu tun hat. Und da das Ganze mehr als obskur erscheint, fällt es natürlich in den Bereich des NOVA-Teams.

Den von der Presse schnell »Weltwundermacher« genannten Killer stoppen, bevor er sein siebenteiliges Programm bis zum Ende durchziehen kann, heißt die Aufgabe, vor der sich der Ex-»Survivalist« Lukas Frisell, den Eva Nyman im ersten Band der Reihe aus dem Wald zurück in ihr Team geholt hat, die alleinerziehende Mutter Annika Stolt alias Ankan, die die Suche nach ihrem am Ende des Vorgängerbandes verschwundenen Kollegen Anton Lindberg noch längst nicht aufgegeben hat, die nach den letzten Abenteuern der Gruppe mit einer posttraumatischen Belastungsstörung  im Clinch liegende Sonja Ryd und Shabir Sarwani, der  als unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender aus Afghanistan nach Schweden gekommene Überflieger der Gruppe, sehen. Und schon einen Tag, nachdem sie ihren ersten Tatort besichtigt haben, stehen sie vor der nächsten Leiche. Die diesmal inmitten eines Arrangements, in dem Kenner unschwer eine maßstabgetreue Nachbildung der Pyramidenlandschaft von Gizeh samt Sphinx erkennen können, abgelegt wurde – ohne Botschaft, dafür aber mit Portemonnaie und Führerschein ausgerüstet, so dass die Identität des zweiten Opfers von Anfang an klar ist.

Kunst oder Racheakt?

Eile tut also Not – aber wo anfangen? Während sich Sonja Ryd auf die örtliche Kunstszene und dabei speziell jene Künstlerinnen und Künstler, die im öffentlichen Raum arbeiten wie Graffity- und andere Streetart-Protagonisten, konzentriert, zieht es Frisell und Sarwani zu jenen Rändern der Gesellschaft, wo Abgehängte und andere mit den Anforderungen des Lebens in der modernen Gesellschaft nicht mehr Zurechtkommende ihr oft tödlich endendes Heil in Alkohol- und Drogenexzessen suchen. Dass man in der Nähe dieser Kreise erneut auf Angehörige jener berüchtigten Hjulsta-Motorrad-Gang stößt, die der NOVA-Gruppe schon einmal das Leben schwermachte, ist nicht verwunderlich. Denn die straff organisierten Rocker haben sich auf den Transport und Vertrieb von hauptsächlich aus China stammenden fentanylähnlichen Stoffe spezialisiert. Und weil der Profit, den der Verkauf der ursprünglich als Schmerzmittel gedachten Opioide abwirft, gewaltig ist, scheut man kein Verbrechen, wenn das eigene Revier verteidigt werden muss.

Es dauert eine Weile, ehe aus Ryds Ermittlungen in den elitären Künstlerkreisen Stockholms – eine kleine, aber tragisch endende Affäre springt für die Ermittlerin dabei auch noch heraus – und Sarwanis und Frisells Kontakten  zu einigen potentiellen Opfern der Fentanyl-Mafia in einem kleinen Vorort Stockholms eine gemeinsame Strategie des Teams erwächst. Das gibt dem raffinierten Täter auch die Gelegenheit, noch ein paar weitere Weltwunder der Antike mitsamt seinen blutigen Beigaben in Szene zu setzen. Das tödliche Programm an sein geplantes Ende zu bringen, schafft er freilich nicht mehr.

Ein echter Pageturner

Auch Kaltes Fieber ist wieder ein echter Arne Dahl. In 87 meist kurzen Kapiteln und sich über eine Handlungszeit von knapp einer Woche erstreckend, lässt der Autor seinen Leserinnen und Lesern, sind sie erst einmal in den Sog der routiniert erzählten Geschichte geraten, kaum eine Chance, das Buch wieder zur Seite zu legen. Zu halsbrecherisch ist Dahls Tempo. Zu raffiniert verschachtelt sein Plot. Zu relevant die sich hinter dem Erzählten auftuenden gesellschaftlichen Abgründe. Unter letztere zählt, dass sich neben der von Eva Nyman geleiteten Sondereinheit auch der schwedische Geheimdienst zunehmend für die Mordserie, deren erstes Opfer ein gebürtiger Chinese war, interessiert. Dort geht man davon aus, dass sich hinter den Aktivitäten der fernöstlichen Mafia Spionage und raffinierte Methoden der hybriden Kriegführung verbergen könnten. Dass dieser Schwenk so interessant und aktuell wie spekulativ und reißerisch ist, gibt der Geschichte noch eine weitere spannende Note. Und natürlich kommt auch Kaltes Fieber nicht ohne einen Cliffhanger aus, der schon vorausweist auf das nächste Abenteuer, dem sich die NOVA-Gruppe zu stellen hat.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
Arne Dahl: Kaltes Fieber. Ein neuer Fall für Eva Nyman
Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps
München: Piper 2025
415 Seiten. 17 Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
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