Auf der Suche nach dem Vater

Roman | Gerbrand Bakker: Der Sohn des Friseurs

»Aus irgendeinem Grund hat sich Cornelis nie wirklich vorstellen können, dass in … wie viel Kilometern Entfernung? dreitausend? zur gleichen Zeit Menschen, die er kennt, sehr gut kennt sogar, Menschen, wie sein Vater, ihr Leben leben. Nicht vorstellen können? Oder wollen?«, heißt es auf der vorletzten Seite des neuen Romans ›Der Sohn des Friseurs‹ des Niederländers Gerbrand Bakker. Von PETER MOHR

Für den Leser ist es bis dahin ein geheimnisvoller, verzweigter, beinahe labyrinthartiger Weg, denn Cornelis‘ Sohn Simon Weiman wähnt seinen Vater zunächst unter den 583 Opfern einer Flugzeugkatastrophe, die sich am 27. März 1977 auf Teneriffa ereignete, als auf dem Flughafen zwei Maschinen zusammengestoßen waren. Erst ein halbes Jahr später ist der Anfang Vierziger Simon auf die Welt gekommen und führt den Friseursalon seines betagten Großvaters, den eigentlich sein Vater hätte übernehmen sollen.

Der 62-jährige Schriftsteller Gerbrand Bakker, dessen Romane in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden und der abwechselnd in Amsterdam und in der Eifel lebt, erzählt seinen Roman auf drei Ebenen. Auf der ersten geht es um eine homoerotische Beziehung zum taubstummen Igor, den Simon zufällig kennen lernt, als er seiner Mutter Anja bei der Beaufsichtigung des Schwimmunterrichts einer Gruppe geistig behinderter Jugendlicher assistiert. Auf der zweiten Ebene begibt sich Simon auf Spurensuche, will Hintergründe über den Tod seines Vaters erfahren. Die dritte Ebene dreht sich um einen Schriftsteller, der Kunde in Simons Frisiersalon ist und die Geschichte von Simons Vater aufschreiben will.

Simon geht dreimal die Woche schwimmen, seine Jugendidole waren die Weltklasseschwimmer Mark Spitz und Alexander Popow. Er wohnt über dem Friseursalon, fühlt sich »noch halbwegs jung und doch schon ein bisschen alt«. Er wirkt ein wenig lethargisch, introvertiert – ein paradigmatischer Langweiler, genügsam und wenig ehrgeizig. Er arbeitet nur auf Voranmeldung, zumeist hängt ein Schild »Fermé« an der Ladentür seines Amsterdamer Salons.

Je mehr Simon über das Jahr 1977 und das Unglück auf dem Flughafen der Kanareninsel recherchiert, umso mehr Fragen werfen sich für ihn auf. Warum wurden nie sterbliche Überreste seines Vaters begraben, und warum ist er in den Urlaub geflogen und hat seine schwangere Frau zurückgelassen?

Mit der Mutter, die über das plötzliche Verschwinden ihres Mannes nie hinweggekommen ist, kann er darüber nicht reden. Dadurch entsteht ein äußerst vertrauensvolles Verhältnis zum betagten Großvater. Eine Freundin von Simons Mutter bringt am Ende ein wenig Licht ins Handlungsdunkel. Bei einem Teneriffa-Urlaub begibt sie sich in La Laguna in einen Friseursalon, den ein Niederländer betreibt. Sie erkennt Cornelis Weiman, der durch einen Zufall (er hatte die Maschine verlassen) die Katastrophe überlebt hat.

Was waren die Gründe dafür, ein neues Leben auf den Kanaren zu beginnen, die Familie zurück zu lassen und der Heimat den Rücken zu kehren? Dieser Roman von Gerbrand Bakker, in dem uns auch viele kleine und große Geheimnisse des Friseur-Alltags nahegebracht werden, wirft unendlich viele komplizierte Fragen auf – von der Vaterlosigkeit bis hin zur Sehnsucht nach einem Neuanfang. ›Der Sohn des Friseurs‹ wird den Leser weit über die Lektüre hinaus noch beschäftigen.

| PETER MOHR

Titelangaben
Gerbrand Bakker: Der Sohn des Friseurs
Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke
Berlin: Suhrkamp Verlag 2024
288 Seiten. 25.- Euro
| Erwerben Sie diesen Band portofrei bei Osiander

Reinschauen
| Leseprobe

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Spielregeln

Nächster Artikel

Der Mann im Dunkeln

Weitere Artikel der Kategorie »Roman«

Weiße Nächte, weite Blicke

Roman | Alexander Osang: Fast hell

Das Spektakel ist beeindruckend. Fast hell, in pastellfarbenem Dämmerlicht, erscheinen die Julinächte in Sankt Petersburg. Vielleicht lässt sich gerade unter diesem Himmel das Unsagbare, Flimmernde, Schwebende erzählen, wenn die Grenzen zwischen Realität und Erfindung verschwimmen? Der Journalist und Schriftsteller Alexander Osang begibt sich auf Spurensuche und Zeitreise zwischen Ost und West. Von INGEBORG JAISER

»30 Sekunden auf einer armseligen Welle«

Roman | Thomas Pynchon: Natürliche Mängel Der Unterschied zwischen gut und böse ist in L.A. der späten 60er Jahre nur schwer zu durchschauen – jedenfalls tappt sogar Thomas Pynchons junger Hippie-Detektiv Doc Sportello bei seinen Ermittlungen in Natürliche Mängel im Dunkeln. Von HUBERT HOLZMANN

Auf der Suche nach der verlorenen Enkelin

Roman | Clementine Skorpil: Gefallene Blüten Shanghai 1926. Die alte Ai Ping ist in die große Stadt gekommen, um ihre Enkelin zu finden. Mit Hilfe des vom baldigen Ausbruch der Weltrevolution überzeugten idealistischen Studenten Lou Mang dringt sie ein in ein Labyrinth aus politischen Intrigen, Bandenkämpfen und kulturellen Gegensätzen. Und nimmt am Ende zwar nicht die Gesuchte, aber doch ein Stück Hoffnung wieder mit nach Hause. Von DIETMAR JACOBSEN

Money, Money, Money

Roman | Ernst Augustin: Gutes Geld (Neuauflage)

Im vergangenen Jahr ist Ernst Augustin 85 Jahre alt geworden. Gefeiert wurde der Schriftsteller damals nicht nur wegen seines Geburtstages, sondern auch wegen seines jüngsten Romans Robinsons blaues Haus. Die todheitere Robinsonade brachte es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises und ihren mittlerweile nahezu erblindeten Verfasser noch einmal in die Feuilletons dieses Landes. Von FLORIAN WELLE

Lebenssinn durch Seniorenheim

Roman | Kathrin Weßling: Sonnenhang

»In mir herrscht ganz viel Schwere, ich habe ganz viel Scheiße in meinem Leben erlebt. Aber ich bin gesegnet mit einer humorvollen Leichtigkeit, die mir hilft, da durchzugehen«, bekannte kürzlich die Autorin Kathrin Weßling, die mit ihren gerade einmal 40 Jahren schon eine Menge auf dem Buckel hat. Gelesen von PETER MOHR