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Götter-Dämmerung

Roman | John le Carré: Das Vermächtnis der Spione

John le Carré, 86-jähriger Altmeister des Spionageromans, hat einen letzten großen Roman über jene Welt geschrieben, der er selbst eine Zeit lang zugehörte: die der Geheimdienste im Kalten Krieg zwischen Ost und West. Und natürlich darf in diesem Buch auch jene Figur nicht fehlen, die bereits in seinem literarischen Debüt, ›Schatten von gestern‹ (1961), auftrat, freilich noch nicht in der exponierten Stellung, die sie später als Meisterspion im Zentrum von acht weiteren Romanen einnahm: George Smiley. Bevor der selbst auf den letzten Seiten des neuen Buches auftritt, wird darin allerdings eine Geschichte verhandelt, an der Smiley lediglich als Spiritus Rector im Hintergrund beteiligt war. Von DIETMAR JACOBSEN

John le Carré Das Vermächtnis der Spione Wir leben in der Zeit der Untersuchungsausschüsse. Alles kommt auf den Prüfstand, auch das lange Zurückliegende. Etwa der Tod zweier Menschen an der Berliner Mauer im Jahr ihres Baus. Mussten der britische Top-Spion Alec Leamas und seine Freundin Liz Gold damals wirklich sterben? Oder haben Leamas‘ Sohn Christoph und Golds Tochter Karen recht, wenn sie Jahrzehnte später vom britischen Geheimdienst Aufklärung verlangen über das Schicksal der beiden? Die neue Generation hochgezahlter Schnüffler kann sich negative Propaganda jedenfalls nicht leisten.

Und deshalb zitiert sie einen Mann nach London, der als George Smileys rechte Hand genauer Bescheid wissen dürfte über das, was damals geschah: Peter Guillam. Doch der mit allen geheimdienstlichen Wassern gewaschene Ex-Spion weiß genau, dass es weniger um die Aufklärung historischer Tatbestände geht, sondern darum, ein Exempel an einem Sündenbock zu statuieren: »Historische Schuldzuweisungen sind der neueste Megatrend. Unser neuer Nationalsport […] Wer wird für die Sünden unserer Väter büßen, auch wenn sie damals nicht als Sünden galten?«

»Historische Schuldzuweisungen sind der neueste Megatrend«

Bei Lesern, die mit den Romanen von John le Carré groß geworden sind, dürfte etwas klingeln, wenn sie erleben, wie sich der ausgebuffte Guillam in so spannungsgeladenen wie rhetorisch brillanten Verhören seiner und der Vergangenheit des britischen Geheimdienstes stellt und anhand des geschickt in den Roman eingefügten Aktenmaterials den Fall wieder aufrollt. Wurde die Geschichte um Leamas und Gold doch schon einmal erzählt, und zwar in jenem Buch, das le Carrés Weltruhm begründete: ›Der Spion, der aus der Kälte kam‹ (1963).

Auch damals, vor nunmehr 54 Jahren hat der Autor kein Hohelied auf Männer gesungen, denen jedes Mittel recht war zur Erreichung ihrer Ziele. Dass es im Kampf der Systeme nicht auf Moral und Fairness ankam, ja gelegentlich auch ein, zwei eigene Spielfiguren geopfert werden mussten, um den Sieg nicht zu gefährden, gehörte zum schmutzigen Geschäft dazu. Öffentlich hinterfragt wurde es kaum.

Allein die Zeiten ändern sich. Und als das kommunistische Weltsystem Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts begann, aus sich heraus Stück für Stück zusammenzufallen, sahen sich die Kalten Krieger von einst plötzlich mit der Frage konfrontiert, ob ihr Beitrag zur neuen Welt tatsächlich so bedeutend gewesen war, dass er all die Opfer – auch und vor allem die in den eigenen Reihen – legitimierte. Es herrschte Götterdämmerung am Ufer der Themse. Zu einem glaubhaften Neuanfang – immerhin tauchten nach dem Verschwinden der alten Feinde ziemlich schnell neue auf – gehörte aber als Erstes auch eine glaubhafte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und deren Relikten.

Alte Spione und die neue Zeiten

John le Carrés Peter Guillam ist ein solches Überbleibsel aus dem Jahrhundert der einander bekämpfenden Ismen. Als rechte Hand George Smileys war er in all dessen Operationen involviert. Zum Sündenbock will er sich freilich nicht machen lassen, weil er nach wie vor glaubt, für das Gute und die Gerechtigkeit in der Welt gekämpft zu haben. Und so erlebt der Leser fast über die gesamte Länge des Romans einen Mann mit dem Rücken zur Wand. Einen, der sich nur bewegt, wenn er sich bewegen muss. Einen, der nur zugibt, was beim besten Willen nicht mehr zu leugnen ist.

Einen, der laviert, fintiert und um den heißen Brei herumredet, während die Akten, die er lesen muss, um sich wieder in die alten Zeiten einzuarbeiten, eine ganz andere Sprache sprechen. Eine, die die Anklage der Nachkommen der Opfer des Kalten Krieges rechtfertigt, die da lautet: »Ihr seid alle krank, ihr Spione. Ihr seid nicht das Heilmittel, ihr seid die verfluchte Krankheit. Vollidioten, die vollidiotische Spielchen spielen und sich für die allerklügsten beschissenen Klugscheißer des Universums halten.«

›Das Vermächtnis der Spione‹ endet mit dem Auftritt des Menschen, für den Peter Guillam seinen Kopf hinhalten sollte. Denn an George Smiley selbst trauen sich diejenigen, die über die Vergangenheit zu Gericht sitzen, nicht heran. Zu viel könnte er publik machen, was dem Ansehen der Geheimdienste schadet. Aber aus Smiley ist nach dem Ende des Kalten Krieges auch ein anderer geworden. Er hat seine einstige Rolle als einer der obersten Strippenzieher einer streng geheimen Behörde hinterfragt und Aufwand und Ergebnis der von ihm geplanten und geleiteten Operationen gegeneinander aufgewogen. Was unterm Strich herauskam, ist ernüchternd. »Einen guten Agenten und eine unschuldige Frau für eine Sache [geopfert zu haben], an die sich die Welt kaum noch erinnert«, ist eine Schuld, die ihn für immer verfolgen wird.

Für Europa!

Und wozu das alles? »Für den Weltfrieden, was immer das ist? […] Oder im Namen des Kapitalismus? Gott bewahre. Des Christentums? Gott bewahre. […] Also für England? […] Ich bin Europäer, Peter. Wenn ich eine Mission gehabt habe, […] dann bestand sie in Europa. […] Wenn ich ein unerreichbares Ziel hatte, dann das, Europa aus dem Dunkel in ein neues Zeitalter der Vernunft zu führen. Das Ziel habe ich heute noch.« Ein schöner Schluss in Zeiten gewaltiger Herausforderungen für den Kontinent, von denen der Brexit nur eine ist. Und ein letzter Baustein vielleicht nicht nur für dieses Buch, sondern für ein ganzes, die Nachkriegsepoche des letzten Jahrhunderts spiegelndes Werk.

| DIETMAR JACOBSEN

Titelangaben
John le Carré: Das Vermächtnis der Spione
Aus dem Englischen von Peter Torberg
Berlin: Ullstein Verlag 2017
317 Seiten, 24 Euro
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