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Lebensbankrott trifft auf Persönlichkeitsstörung

Film | Im TV: Polizeiruf Familiensache (NDR), 2. November

Arne Kreuz (Andreas Schmidt) sieht unfassbar gemein aus, aber was kann er dafür. Er führt Böses im Schilde, dass es uns kalt den Rücken herunterläuft. Das ist die eine ›Familiensache‹, ein Familienvater verkraftet die Scheidung nicht und steigert sich in eine Realität, in der die Tatsachen nicht mehr greifen. »Die Straße vor mir wird immer enger, und dann steh‘ ich vor dieser Wand«. Von WOLF SENFF

Polzeiruf ›Familiensache‹Foto: NDR/Christine Schroeder
Polizeiruf ›Familiensache‹
Foto: NDR/Christine Schroeder
Die andere ›Familiensache‹ betrifft Alexander Bukow und das ihn umgebende, vertraute und mittlerweile hochgradig verwickelte Beziehungsgeflecht. Seit einigen Folgen baggert Volker Thiesler an Bukows Ehe und ist bereits erfolgreich gelandet. Es ist die gern bemühte Ausgangslage, dass jeder im Kommissariat Bescheid weiß, nur der gehörnte Ehemann ist ahnungslos, das muss zwangsläufig platzen.

Ein Mann läuft Amok

Diese Situation ist seit mehreren Episoden im Schwange: Sie wurde behutsam eingefädelt und eskalierte sachte Schritt für Schritt, so dass nun jeder Fernsehzuschauer etwas damit anzufangen weiß, dass Vivienne Bukow zum dreißigjährigen Dienstjubiläum des Dienststellenleiters erscheint und mit Volker Thiesler heimlich Blicke tauscht.

Während der ersten dreißig Minuten sind die beiden Stränge ›Familiensache‹ elegant miteinander verzahnt. Wir ahnen schon, dass Arne Kreuz uns den seelisch verzerrten Alternativentwurf zur Familiensache zwei vorführen wird, er sticht auf seine Noch-Ehefrau ein, und während der verbleibenden Stunde TV spitzt sich das Geschehen weiterhin zu, ein Mann läuft Amok, es ist ein tödliches Spiel.

Der Zuschauer darf zappeln

Das Drehbuch spielt mit den extremen Reaktionen von Männern auf Ehekrisen. Es ist wohl durchaus Alltag, dass Ehemänner den Patriarchen geben möchten, Besitzansprüche stellen und das Knirschen in einer Beziehung ignorieren. Hinzu kommt bei Kreuz, dass er einsam ist, keinen Erfolg im Beruf hat und lediglich von seiner Schwester unterstützt wird. Hätte man ihn eine Liste ausfüllen lassen, instabile Persönlichkeit zu diagnostizieren, wären reichlich Kreuze fällig gewesen.

Bei der anderen Partei, den Ermittlern, ist große Feierlaune, Alkohol fließt, es wird viel an einer Toilettentür gehorcht, Pöschel macht große Augen und stiftet zusätzlich Verwirrung, auch hier kommt es zum vorläufigen Höhepunkt. ›Familiensache‹ ist ein ruhig, ja souverän balancierter Film, der sich sogar gestattet, den Zuschauer ein wenig zappeln zu lassen, denn im Hinblick auf Mord ist auch nach einem knappen Drittel seitens der Polizei nichts geschehen, Dienstjubiläum muss sein. Das Geschehen ist gut sortiert, und so konzentriert, wie gefeiert wurde, so zielorientiert und zügig verläuft nachher die Fahndung.

Drei Schüsse nach zweiundachtzig Minuten

Und nein, gegen Sonntagabende mit neunundvierzig Leichen, gegen Kommissare mit Hirnschaden und gegen verschüchterte Ermittler, die mit ihrer Herzallerliebsten einen Liederabend genießen, ist nichts einzuwenden. Nur dass an ›Familiensache‹ deutlich wird, wie hervorragend man ohne derart bemühte Effekthascherei auskommt, ›Familiensache‹ ist ein Film, dessen oft geräuschlose Bilder desto eindringlicher wirken.

Erst nach zweiundachtzig Minuten fallen Schüsse, und dennoch raubt uns das Geschehen volle neunzig Minuten lang den Atem. Der Part Arne Kreuz ist verwegen gespielt, äußerst dramatisch, hautnah, wir ermessen, wie grauenvoll ein Mord sein kann und welch düstere Abgründe sich auftun. »Lebensbankrott trifft auf Persönlichkeitsstörung«, erläutert Frau König, und was die andere ›Familiensache‹ betrifft – Alexander Bukow zieht um.

| WOLF SENFF

Titelangaben
Polizeiruf Familiensache (NDR)
Ermittler: Charly Hübner, Anneke Kim Sarnau
Buch und Regie: Eoin Moore

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