Erschreckend einfach – einfach erschreckend

Jugendbuch | Antonia Michaelis: Niemand liebt November

Unter den deutschen Jugenbuchautorinnen nimmt sich Antonia Michaelis seit einigen Jahren schon am eingehendsten und kontinuierlich derer an, die das Fehlverhalten Erwachsener in voller Wucht trifft: der Kinder und der verstörten Jugendlichen, die aus diesen Kindern werden können. Auch in ihrem neuesten Jugendbuch ›Niemand liebt November‹ erzählt sie von etwas, das erschreckend einfach geschah und sich zu einer einfach schrecklichen Geschichte für ein junges Mädchen entwickelt hat. Von MAGALI HEISSLER

NovemberNovember, Amber, Lucy, die verstörte Siebzehnjährige, die durch eine kälter werdende Herbstwelt irrt, hat viele Namen. Die meisten hat sie sich selbst gegeben, sie wandert in verschiedenen Welten herum und in jeder davon ist sie eine andere. Das hilft ihr, die Realität zu ertragen, die für sie wiederum in unterschiedliche Realitäten auseinanderfällt. Für November geht ein Riss durch die Wirklichkeit, seit ihre Eltern verschwunden sind. Damals war sie sechs. Sie kann bis heute nicht erklären, was geschehen ist, und warum. Auch niemand anderes kann ihr diese Fragen beantworten. Wenn November eines gelernt hat, ist es, dass nur sie die Antworten finden kann. Also macht sie sich auf die Suche nach ihren Eltern, unbeirrbar, uneinsichtig, obsessiv. Ihr Verhalten ist für die, die ihr begegnen, kaum erträglich. Am schwersten aber erträgt es November.

Klassische Queste

Michaelis’ Geschichten sind berühmt dafür, dass sich ihnen Realität und Fantasie vermischen. Novembers Geschichte ist keine Ausnahme, sie funktioniert nach den Regeln klassischer Fantasy. Die Protagonistin, ausgestattet mit besonderen Fähigkeiten, die sie selbst nicht recht erkennt, macht sich auf die Suche nach dem Geheimnis, dessen Kenntnis den Untergang der Welt – ihrer Welt – verhindert. Sie hat eine treue Weggefährtin, sie findet Verbündete, aber sie muss Hindernisse überwinden und viel Leid ertragen, ehe sie am Ziel ist. Auch gilt ihr Kampf mehr und mehr einem Gegner, der sich leicht als der mächtigere erweisen kann.

Diese der Fantasy entliehene Konstruktion muss man im Auge behalten, will man Novembers Handeln und die Probleme, die sie lösen muss, richtig verstehen. Sie ist ein Mädchen auf einer klassischen Queste. Was ihr widerfährt, deutet sie selbst magisch. Menschen gehen durch Türen und verschwinden dahinter für immer, Tiere sprechen. Ein Mann hat »besondere« Hände. Wachträume, Nachtträume und Tagträume lassen die wahre Welt verschwimmen wie im Herbstnebel, Hilfe kommt unerwartet, wie hergezaubert. Der Weg ist ein einziges Labyrinth, für das keine oder nur eine falsche Karte gibt, und bei den Menschen, denen man begegnet, kann man nicht sicher sein, ob sie wirklich existieren. Was sie genau im Sinn haben, weiß man nie. Die Leserin muss den magischen Wegen folgen, um die Realität zu finden, wie November.

Eine zornige Heldin

Die andere Seite, die andere Geschichte, gewinnt eben durch die strikt durchgehaltene Fantasy-Konstruktion an Härte und Schärfe. November taumelt am Rand einer Persönlichkeitsspaltung, ausgelöst durch den tiefen Schock, den das Verschwinden ihrer Eltern vor Jahren in ihr ausgelöst hat. Sie reagiert mit Aggressivität, selbstzerstörerischem Verhalten und beängstigend rasch auszulösender Dissoziation. Ihr Kampf, das merkt sie lange nicht, gilt ihr selbst. Was sie am Ende rettet, ist vor allem ihr Zorn. Er führt sie zur Einsicht.

Für Leserinnen ist der Zorn nicht leicht zu ertragen. Michaelis präsentiert eine unsympathische Heldin. Sie ist trotzig, frech, nimmt Verwahrlosung in Kauf. Ihr Bedürfnis nach menschlicher Wärme führt sie kurzzeitig in die Prostitution, ein gut eingefangener, realistischer Fehlschluss der Heldin. Jede Erwartung an eine positive Wendung wird konterkariert, alles Versöhnliche ist bis zum Schluss ausgesperrt, weil sich die Heldin sperrt. Bonbons zum Trost werden an keiner Stelle verteilt. Die Suche nach Identität prägt auch andere wichtige Figuren, das Spiel mit unterschiedlichen Namen spielen auch sie. Interessant ist, dass der, der dem Wahnsinn am nächsten ist, nur einen, den eigenen Namen benutzt.

Es gibt einige Motive in diesem Roman, die ein wenig abgebraucht sind, etwa, dass November in einer Kneipe Arbeit findet, der übermächtige Stalker, der Bondage-Fetischist. Große körperliche Leistungen trotz beträchtlichem Blutverlust. Man hat es zu oft gelesen. Allerdings ist es hier gelungen genug vorgebracht, dass es – für einmal noch – die Lektüre nicht grundlegend stört.

Fordernd sind die Gedichte, Ambers Gedichte, die jedes Kapitel einleiten und Hinweise auf ihre Stimmung geben. Sie verweisen wiederum auf Ambers »magische« Fähigkeit, das Talent für Kunst, das einen eigenen Blick auf die Welt zur Folge hat und sowohl Ambers Wahrnehmung als auch ihre seltsame Art, diese anderen gegenüber wiederzugeben, bedingen. Dass die Gedichte gereimt sind und zuweilen auch in Strophenform daherkommen, ist über weite Strecken der einzige Hinweis in dieser Geschichte wahren Grauens, dass irgendwo Ordnung existiert und die Welt eben nicht nur Chaos ist.
Ambers Befreiung vollzieht sich in mehreren Schritten, sie kämpft sich frei. Der eigentliche Schluss ist verhalten positiv, das letzte Kapitel, ein Blick auf die weiteren Ereignisse, verstärkt das.

Unter Michaelis’ Büchern ist Novembers/Ambers Geschichte eine der weniger verwickelten und damit leichter zugänglichen. Die Grausamkeiten der Handlung aber machen es zu einer Lektüre, die man aushalten muss. Vergessen wird man auch dieses Buch sicher nicht.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Antonia Michaelis: Niemand liebt November
430 Seiten. 17,99 Euro.
Hamburg: Oetinger Verlag 2014
Jugendbuch ab 16 Jahren

Ihre Meinung

Your email address will not be published.

Voriger Artikel

Lebensbankrott trifft auf Persönlichkeitsstörung

Nächster Artikel

Heldenhaftes

Weitere Artikel der Kategorie »Jugendbuch«

Ein unerkannter Freund fürs Leben

Jugendbuch | Pascale Osterwalder: Daily Soap

Händewaschen war und ist eine der wichtigsten Hygieneregeln in Coronazeiten. Um die um die Ausbreitung von krankmachenden Keimen zu stoppen, wurden in öffentlichen Toiletten Händewaschplakate aufgehängt, das Prozedere in mehreren Sprachen erklärt, das Robert Koch Institut empfiehlt, die Hände etwa 20 Sekunden lang zu waschen. Das beginnt damit, dass man sie nass macht. Und dann kommt die Seife zum Einsatz, direkt aus dem Seifenspender. ANDREA WANNER freut sich, dass dem jetzt ein ganzes Buch gewidmet ist.

Größenverhältnisse

Jugendbuch | Tamara Bach: Mausmeer Große Schwester, kleiner Bruder. Vernunft auf einer, Leichtsinn auf der Gegenseite. Stimmen die Zusprechungen überhaupt? Was für die einen ein See ist, ist für andere ein Meer. Tamara Bach erkundet listig Größenverhältnisse. Von MAGALI HEIẞLER

Eine Welt ohne Bücher

Jugendbuch | Traci Chee: Ein Meer aus Tinte und Gold »Es war einmal und es wird eines Tages sein.« So fangen alle Geschichten an. Komplexe Fantasywelten zu erdenken ist eine Kunst, die, wenn sie gelingt, oftmals nicht nur für eine Geschichte taugt, sondern ganz Serien zur Folge hat. Traci Chee wagte sich mit ihrem Debüt auf bewegte See. Von ANDREA WANNER

»Denn es ist alles eins«

Jugendbuch | Kelly Barnhill: Das Mädchen, das den Mond trank Eigentlich funktionieren doch die meisten Märchen nach dem gleichen Prinzip: Es gibt das Gute und das Böse. Das Böse erringt zunächst einen Teilsieg gegen das Gute, aber am Ende gewinnt das Gute. Dass das alles nicht so einfach ist, zeigt Kelly Barnhills märchenhafter Fantasyroman. Von ANDREA WANNER

Zeit zu trauern

Jugendbuch | Erna Sassen: Das hier ist kein Tagebuch Die Selbsttötung eines Familienmitglieds ist unverändert ein gesellschaftliches Tabu, was den Umgang damit enorm schwierig macht. Erwachsene z.B. halten Erschrecken und Schmerz im Zaum, indem sie das Ganze rasch abtun. Jugendliche trifft es mitten in ihrer Schutzlosigkeit. Wenn sie dem Verhalten der Erwachsenen folgen, sind sie verloren, denn sie bekommen keine Zeit zu trauern. Die niederländische Autorin Erna Sassen erzählt davon in ihrem Debütroman ›Das hier ist kein Tagebuch‹. Von MAGALI HEISSLER