Eine Geschichte von Liebe

Ylva Karlsson: Prinzen müssen draußen bleiben

Einfach lieb haben, die Eltern, Großeltern, die Geschwister, ist so natürlich wie essen, trinken, schlafen. Einem Teenager aber kommt das nicht mehr so natürlich vor. Die Frage, wer wem Liebe zeigt und gibt und auf welche Weise das geschieht, wird schwierig. Bald scheint sie unlösbar, vor allem, wenn die Außenwelt in den vertrauten Familienkosmos eindringt. Ylva Karlsson erzählt davon und es ist keine Liebesgeschichte geworden, sondern wunderbarerweise eine Geschichte von Liebe. Von MAGALI HEISSLER

PrinzenJosefin ist vierzehn, der leuchtende Stern in ihrem Leben ist ihre Mutter Anna. In ihrem Kosmos hat gerade noch die kleine Schwester Malin Platz. So soll es bleiben, findet Josefin. Damit hat sie auch eine gute Lösung für ein Familienproblem gefunden, ihr Vater ist längst schon ausgezogen, hat eine andere Frau und auch schon wieder Kinder. Das Verhältnis zu ihrem Vater hält Josefin bemüht locker-freundschaftlich. Auch die Großmutter erträgt Josefin, weil diese eine so wunderbar romantische Geschichte von sich und ihrem Kind der Liebe erzählt, das dann Josefins Vater wurde.

Weit schwieriger ist es, damit fertig zu werden, dass Anna einen Freund hat. Um Annas Willen versucht Josefin, Göran zu ertragen. Er ist gar nicht so übel, aber in die Anna-Josefin-Malin-Welt darf er keinen Schritt hinein, er soll bitteschön draußen bleiben. Eben das scheint sich zu ändern, Göran ist immer häufiger da.

Als ob das nicht reichte, zeigt ein Neuer in Josefins Klasse plötzlich Liebesgefühle für Josefin. Sie weiß gar nicht, ob sie ihn überhaupt mag. Ein Mädchen ihrer Klasse ringt um ihre Freundschaft, aber Josefin kann sie eigentlich nicht leiden. Was vor Kurzem noch einfach war, wird plötzlich schrecklich kompliziert. Was bedeutet ein Kuss, was Berührungen, was tut man, wenn man alberne Liebesgedichte bekommt? Wann ist Freundlichkeit Freundlichkeit und muss man immer freundlich sein? Ist man gemein, wenn man sagt: ich mag dich nicht? Und was ist Josefin, die plötzlich Anna nicht mehr leiden mag?

Diesseits der Märchen, der Alltag der Liebe

Vor den Märchen steht die Realität und eben die lässt Karlsson vor den Augen ihrer Protagonistin aufwachsen. Josefin hat ein Märchen erfunden, das sie ihrer Schwester immer wieder erzählt, das Märchen vom Inselreich der Königin Anna und den Prinzessinnen Josefin und Malin. Sie leben glücklich und zufrieden. Jeder Prinz, der versucht, auf die Insel zu gelangen, wird von Monstern gefressen. Das macht den Prinzessinnen nichts aus, sie brauchen gar keine Männer.
Die Geschichte ist Josefins Stütze, um die Trennung der Eltern zu bewältigen. Eine weitere Stütze ist eine höchst romantisierte Version des Lebens ihrer Großmutter, die naiv mit siebzehn schwanger wurde und ihr Kind allein aufziehen musste. Die süßen Geschichten taugen auf einmal nicht mehr, muss Josefin feststellen. Männer ausgrenzen hilft nichts, sie sind trotzdem da.

Eigentlich möchte sie mit Jungen nichts zu tun haben, heimlich jedoch träumt sie sich einen Freund zusammen, den perfekten Jungen, die perfekte Teenager-Liebe. Noch ein Märchen.
Karlsson zeichnet das überzeugend klare Bild einer Vierzehnjährigen, die Liebesmärchen bevorzugt, weil sie verunsichert ist und diese es möglich machen, Gefühle zu kontrollieren. Dass das in der Realität anders ist, verwirrt und erschreckt Josefin. Sie ist offen und freundlich, bereit, Zuneigung zu geben. Die Erfahrung, dass Freundlichkeit nicht unbedingt nützt, dass nette Gesten zu Gefühlsverwirrung führen, zu Abhängigkeiten oder auch, dass sie anders als in Romanzen die Dinge eben nicht ändern, muss sie sich erkämpfen. Im Alltag der Liebe ankommen, ist mühsam, sogar hart. Weh tut es auch. Viele Leserinnen werden sich in Josefin wiedererkennen.

Gefühl, Gefühle und auch noch Weihnachten

Karlssons Geschichte ist eine stille Geschichte, obwohl es nicht nur in Josefin tobt. Sie spielt in der Weihnachtszeit, ein Fest, dessen Fokus auf Familie und Zusammengehörigkeit liegt. Karlsson spielt raffiniert mit den Motiven, schenken und Geschenke aussuchen etwa, stehen für Geben und vor allem Geben können, der Winter für erstarrte und erstarrende Gefühle. Das viel benutzte Bild ist hier übrigens niemals kitschig.

Josefin wird zunehmend misstrauisch, nicht nur, weil sie spürt, dass Göran – und damit ausgerechnet auch Anna – dem seligen Inselreich ein Ende bereiten wird. Das Misstrauen wächst aus ihr, ihren veränderten körperlichen Reaktionen. Sie möchte berührt werden und hat Angst davor. Sie ekelt sich sogar, etwa, wenn sie ans Küssen denkt. Sie entdeckt, dass die Körper ihren Mitschülerinnen keine Kinderkörper mehr sind. Das gilt auch für ihren eigenen. Selbst Badewasser fühlt sich auf einmal anders an. Als die geliebte kleine Schwester einmal in kindlichem Unverstand ein sehr vulgäres Schimpfwort zu ihr sagt, ist das Entsetzen übermächtig. Diese junge Heldin muss mit vielen intensiven Gefühlen fertig werden.

Im Kampf um ihr Inselreich ist sie zugleich nicht zimperlich. Sie versteht es, die kleine Schwester auf ihre Seite zu ziehen. Sie grenzt Göran aus, verletzt Anna bewusst. Die Abgrenzung ist aber auch altersbedingt, Josefin muss, gegen ihren Willen eigentlich, aus der Inselisolation als eigene Persönlichkeit in die Welt hinaus.

Alles, was in diesem dünnen Roman geschieht, ist klar und schlüssig erzählt, entwickelt aber trotz der Klarheit auf der Stelle Mehrdeutigkeit, changiert, hat plötzlich Untiefen. Ein einfacher Satz gebiert Monster, wie die, die im Meer wohnen und Prinzen fressen. Die rasch wechselnden Gefühle, von Liebe zur Ablehnung, von Zuneigung zur Wut fängt Karlsson mit wenigen Worten ein. Die Übersetzung gibt das genauso gekonnt wieder.
Winterwochen, Wintergefühle, Weihnachten, trügerische Familienseligkeit und eine grundlegende Änderung der Verhältnisse in den ersten Wochen des neuen Jahrs, davon erzählt die Autorin mit einer Leichtigkeit, die eine staunen lässt. Den Kopf schüttelt man ohnehin, wenn man entdeckt, dass der Roman fünfzehn Jahre alt ist. Wie konnte ein so ausgezeichneter Jugendroman so lange übersehen werden? Dem Verlag gilt ein Lob dafür, dem Cover und dem deutschen Titel übrigens auch. Er mag falsche Erwartungen wecken, aber mit diesem Buch kann man nichts falsch machen.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben
Ylva Karlsson: Prinzen müssen draußen bleiben
(Josefin Horisontvägen 29, 2000) aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer
Stuttgart: Urachhaus 2015
173 Seiten, 13,90 Euro
Jugendbuch ab 13 Jahren
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